Ein Jahresdefizit von zehn bis zwölf Millionen Euro für den Medizin Campus Bodensee (MCB) stand schon im Herbst 2019 fest. Und doch gab es da so etwas wie Optimismus. Der Gemeinderat stellte sich Mitte Oktober hinter die Strategie, den MCB aus den roten Zahlen zu holen.

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Er beschloss das Aus fürs „14 Nothelfer“ in Weingarten, die Profilierung des Tettnanger Krankenhauses als chirurgische Fachklinik und – nicht zuletzt – das Häfler Klinikum als Haupthaus wieder stark zu machen. Ein Weg aus der Krise, der viele Millionen kosten wird; so viel war klar. Die Corona-Krise jedoch hat alle Probleme wie unter dem Brennglas noch verschärft:

Zentrale Notaufnahme im Verzug

Der erste Schritt auf dem Weg zur Konsolidierung soll die neue Zentrale Notaufnahme (ZNA) sein, die allein sechs Millionen Euro kostet. Die muss bis Ende Mai 2021 in Betrieb gehen, sonst drohen dem Klinikum enorme finanzielle Einbußen. Eigentlich sollte der Umbau der Chirurgischen Ambulanz zur ZNA deshalb im April beginnen.

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Anders sei der Termin nicht zu schaffen, hieß es im Oktober 2019. Heute heißt es auf Nachfrage, dass „die baulichen Planungen gut vorangeschritten sind“. Corona habe für eine Verzögerung gesorgt. Mit anderen Worten: Noch ist kein Handwerker da. Laut Auskunft des MCB sei man „guter Dinge“, dass trotz der Startverschiebung des Umbaus alle Vorgaben bis Mai erfüllt sind. Ein Punkt ist abgehakt: Eine Chefärztin für die neue Klinik für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin sei gefunden.

Das Klinikum Friedrichshafen ist in die Jahre gekommen und braucht eine Generalsanierung – oder einen Neubau.
Das Klinikum Friedrichshafen ist in die Jahre gekommen und braucht eine Generalsanierung – oder einen Neubau. | Bild: Cuko, Katy

Noch keine neue Medizinstrategie

Deutlich größere Beträge sind nötig, um das Häfler Krankenhaus, das über 40 Jahre alt ist, auf Vordermann zu bringen. Selbst einen Neubau hatte Oberbürgermeister Andreas Brand im Herbst 2019 ins Spiel gebracht.

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Sämtliche Ideen „müssen noch geprüft und bewertet werden“, heißt es aus dem Rathaus. Erst müsse die künftige Medizinstrategie geklärt werden, davon hänge das Bauprogramm ab. Von dieser medizinischen „Neuausrichtung“ war allerdings auch schon vor einem Jahr die Rede.

Wie wickelt man das „14 Nothelfer“ ab?

Seit Ende März ist das Krankenhaus in Weingarten leer, das Personal in Friedrichshafen oder Tettnang beschäftigt. Was die Stilllegung des MCB kostet, soll im Juli der Häfler Gemeinderat auf den Tisch bekommen. Auch hier ist ein Millionenbetrag fällig.

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„Alle Fragen rund um den Standort Weingarten sind noch in der laufenden Beratung und Bewertung“, antwortet das Rathaus auf eine Anfrage unserer Zeitung. Ende Mai hatte OB Brand gesagt, dass das Krankenhaus „baldmöglichst“ geschlossen werden soll.

Enormer Zuschussbedarf

Von 2014 bis 2019 flossen über 40 Millionen Euro aus der Zeppelin-Stiftung in den MCB, um die Verluste aus dem Betrieb der drei Kliniken zu finanzieren – ohne Investitionen. Im laufenden Haushalt sind zehn Millionen Euro an Zuschüssen eingeplant.

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Ob es mehr wird, hängt auch davon ab, ob die fehlenden Einnahmen durch die Corona-Krise von Bund und Ländern ausgeglichen werden. Zum Vergleich: Die Stiftung hat laufende Ausgaben von rund 85 Millionen Euro jährlich.

Steht die Stadt zum Klinikverbund?

Hinter vorgehaltener Hand steht die Frage im Raum, ob die Stadt angesichts des enormen Zuschuss- und Investitionsbedarfs das Klinikum langfristig halten kann. Auch deshalb, weil die Dividenden von ZF durch den Transformationsprozess in der Automobilindustrie nicht mehr so üppig sprudeln werden. Ist der Verkauf des MCB eine Option? Das Rathaus verweist solche Überlegungen ins Reich der Spekulation. „Wir sehen unseren Klinikverbund weiterhin in kommunaler Trägerschaft“, antwortet die städtische Pressestelle.

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