Heute Vormittag hat Geschäftsführer Jochen Wolf die Mitarbeiter des Medizin Campus Bodensee (MCB) über die Therapie für den kranken Klinikverbund informiert. Am Montag soll der Gemeinderat den Weg aus der Krise beschließen. Die Diagnose stand schon im Mai fest: Alle drei Krankenhäuser in Friedrichshafen, Tettnang und Weingarten sind unwirtschaftlich. Allein 2019 rechnet die Stadt als MCB-Gesellschafter laut Oberbürgermeister Andreas Brand mit einem Defizit von zehn bis zwölf Millionen Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Schmerzhafte Einschnitte

Der Plan steht also, und er ist mit schmerzhaften Einschnitten verbunden. Den größten Aderlass muss das „14 Nothelfer“ in Weingarten über sich ergehen lassen. Das traditionsreiche Haus mit 130 Betten wird ab Herbst 2021 kein Krankenhaus mehr sein. Bis dahin wird das Leistungsangebot abgespeckt. Das Tettnanger Klinikum mit 140 Betten soll mittelfristig Grund- und Regelversorger bleiben und wird sich zusätzlich auf Unfallchirurgie, Endoprothetik und Orthopädie spezialisieren, womit die nagelneuen OP-Säle effektiv genutzt werden können. Das sieht nach einer langfristigen Ausrichtung als Fachklinik aus.

Die Klinik Tettnang hat ihren OP-Bereich umgebaut, erweitert und modernisiert. Seit Mai wird in den neuen Sälen operiert.
Die Klinik Tettnang hat ihren OP-Bereich umgebaut, erweitert und modernisiert. Seit Mai wird in den neuen Sälen operiert. | Bild: Graf, Svenja

Für das Häfler Klinikum haben die Verantwortlichen einen Medizin-Cocktail gemixt, der das Haupthaus wieder stark machen soll. Mit prognostizierten 4,3 Millionen Euro Defizit wird Friedrichshafen in diesem Jahr so viele Miese machen wie in den letzten 20 Jahren nicht.

Friedrichshafen soll Zentralversorger bleiben

Die wichtigste Botschaft kommt aus Stuttgart. Friedrichshafen soll – wie die Oberschwabenkliniken (OSK) in Ravensburg – medizinischer Zentralversorger in der Region bleiben. Damit verbunden ist allerdings der „sanfte Druck“ des Sozialministeriums Baden-Württemberg nach „abgestimmten medizinischen Strukturen“, so OB Brand. Und baulich muss das Häfler Klinikum da noch enorm nachrüsten. Modernisierung und/oder (teilweiser) Neubau stünden in den nächsten fünf bis zehn Jahren an, so Brand. Wie genau, ist noch offen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei einem anderen Projekt drückt der Gesellschafter dafür aufs Tempo. Mit einem ehrgeizigen Zeitplan soll am Standort Friedrichshafen eine zentrale Notaufnahme der höchsten Versorgungsstufe geschaffen werden. Bis Ende des Jahres soll die Planung stehen, im April 2020 bereits der Umbau in der heutigen Chirurgischen Ambulanz beginnen – bei laufendem Betrieb. Bis Mai 2021 muss die Notaufnahme unter einem Dach und abgetrennt vom Klinikbetrieb stehen, weil dann die Übergangsfrist des Gesetzgebers endet. Ansonsten drohen dem Klinikum finanzielle Abschläge. Heute werden chirurgische und internistische Patienten am Häfler Klinikum getrennt versorgt. „Das kriegen wir hin“, ist Jochen Wolf optimistisch. Sechs Millionen Euro inklusive neuer Gerätschaften sind dafür im neuen Haushalt bereits eingeplant.

Das könnte Sie auch interessieren

Versorgungszentrum „verzichtbar“

Auf der Kippe steht dafür das geplante Versorgungszentrum. Für das 28-Millionen-Euro-Projekt sind seit 2016 Fördergelder des Landes bewilligt. Hier sollte das zentrale Lager des MCB und die Verwaltung untergebracht werden, aber auch Küche und Apotheke für alle drei Krankenhäuser. Dieser Bau sei angesichts der neuen Standort-Strategie heute verzichtbar, erklärte OB Brand im Pressegespräch. „Final beschlossen ist das aber noch nicht.“

Zwischen Ärztehaus (links oben) und dem Klinikum-Komplex sollte auf dem freien Baufeld das neue Versorgungszentrum für den MCB entstehen. Der wird nun voraussichtlich doch nicht gebaut.
Zwischen Ärztehaus (links oben) und dem Klinikum-Komplex sollte auf dem freien Baufeld das neue Versorgungszentrum für den MCB entstehen. Der wird nun voraussichtlich doch nicht gebaut. | Bild: Cuko, Katy

Und Weingarten? Bis Herbst 2021 soll das Nachnutzungskonzept fürs „14 Nothelfer“ stehen. Varianten von der Fachklinik über ein Reha- und Pflegezentrum bis zum Facharztzentrum ähnlich einer Poliklinik wurden geprüft. Den Unterlagen zufolge wird das ambulante Gesundheitszentrum favorisiert. Ob die Stadt Friedrichshafen dafür das Krankenhaus verkauft oder vermietet, „muss mit der Stadt Weingarten weiter diskutiert und gemeinsam entwickelt werden“, erklärte OB Brand.

Schließung des „14 Nothelfer“ unvermeidlich

Um den Betrieb wirtschaftlich wieder ins Fahrwasser zu bringen, hätte man Personal enorm abbauen oder das Leistungsvolumen verdoppeln müssen. „Beides ist unrealistisch“, so MCB-Chef Jochen Wolf. Es sei nicht gelungen, hier die Leistungen zu steigern. Der Schnitt ist schmerzhaft: Ab Januar 2020 schließen die Kardiologie und auch die Geburtshilfe mit der Gynäkologie. Thoraxchirurgie, Pneumologie und Innere Medizin ziehen nach Friedrichshafen oder Tettnang um. Stationär werden Patienten in der zweijährigen Interimsphase nur noch in der Orthopädie und Unfallchirurgie, in der Allgemein- und Fußchirurgie behandelt. Dazu kommen die Patienten der Belegärzte von Sportklinik, Orthopädie, Kinder- und Neurochirurgie. Aber auch mit diesem Szenario wird der MCB mit dem Klinikbetrieb in Weingarten jährlich rund 2,7 Millionen Euro Verlust machen.