Darüber hätte sich der Pionier wohl gefreut: Im Seemoos in Friedrichshafen hat am Wochenende eine Gruppe Jugendlicher ihren Prototypen am Bodenseeufer aufgestellt: Ein riesiges Teleskop aus Holz steht auf einem Anhänger, zahlreiche Rohre sind aufs Wasser gerichtet. Hinter Bildschirmen sitzen junge Technik-Enthusiasten und steuern per Joystick das Gerät. Einst baute hier Claude Dornier seine Flugzeuge – dort, wo heute die Boote und Schiffe des Württembergischen Yachtclubs (WYC) lagern. Doch was treiben die jungen Tüftler am Ufer?

Gar nicht so leicht zu erkennen: Draußen auf dem Wasser segeln Jugendliche bei der „Claude-Dornier-Regatta“ um die Wette. Die Jugendgruppe der Astronomischen Vereinigung Bodensee. will solche Events den Zuschauern näherbringen.
Gar nicht so leicht zu erkennen: Draußen auf dem Wasser segeln Jugendliche bei der „Claude-Dornier-Regatta“ um die Wette. Die Jugendgruppe der Astronomischen Vereinigung Bodensee. will solche Events den Zuschauern näherbringen. | Bild: Benjamin Schmidt

Das weiß Markus Kohler, 26 Jahre alt. Der Jugendleiter des Astronomischen Vereinigung Bodensee hat sich eine knallrote Skihose angezogen. Es ist kalt, gerade mal 8 Grad zeigt das Thermometer an. „Wir beobachten die Regatta, die gerade auf dem See läuft.“

Boote auf Bildschirmen

Und tatsächlich: In der nebligen Ferne, draußen auf dem Wasser, sind Boote unterwegs. Denn an diesem Wochenende veranstaltet der WYC seine Claude-Dornier-Regatta. 38 Boote segeln in den Jugendklassen Laser Radial, 420er und 29er um die Wette. Vom Ufer ist das allerdings nicht immer gut zu beobachten.

Video: Markus Kohler/Astronomische Jugendvereinigung Bodensee

„Wir haben dem WYC angeboten, dass wir die Livebilder des Teleskops mit verschiedenen Vergrößerungen auf einem großen Fernseher anzeigen“, sagt Jugendleiter Markus Kohler. Das ließen sich die Verantwortlichen nicht zweimal sagen. Oswald Freivogel, Präsident des Clubs, erzählte dem SÜDKURIER, er sei sehr daran interessiert, den Segelsport attraktiv und nachvollziehbar für Zuschauer zu machen.

Public Viewing am See: Zuschauer können dank der Technik das Treiben auf dem Wasser bequem verfolgen. Am Wochenende war es dafür vielleicht zu kühl – der Andrang hielt sich in Grenzen.
Public Viewing am See: Zuschauer können dank der Technik das Treiben auf dem Wasser bequem verfolgen. Am Wochenende war es dafür vielleicht zu kühl – der Andrang hielt sich in Grenzen. | Bild: Benjamin Schmidt

Und so sind die jungen Tüftler angerückt, sechs an der Zahl: Transportiert haben sie ihr Gerät per Auto-Anhänger. Sollte es regnen, ziehen sie schnell eine große blaue Plane über ihr Baby. An Bildschirmen verfolgen sie das Geschehen auf dem Wasser, die Bilder werden live auf einen großen Fernseher übertragen, der ebenfalls am Ufer steht. Noch halten sich die Zuschauermassen in Grenzen – was aber auch an der niedrigen Temperatur liegen dürfte.

Weit weg – doch nahe dran: Auf den Bildschirmen lässt sich die Regatta gut nachvollziehen. Die Kleber markieren den Fokus der Kameras. Per Joystick lässt sich das Teleskop einfach bewegen.
Weit weg – doch nahe dran: Auf den Bildschirmen lässt sich die Regatta gut nachvollziehen. Die Kleber markieren den Fokus der Kameras. Per Joystick lässt sich das Teleskop einfach bewegen. | Bild: Benjamin Schmidt

Doch wie sind die Jungs darauf gekommen, dieses riesige Teleskop zu bauen – und wie funktioniert es? Gruppenleiter Markus Kohler erzählt: „Im Juni 2020 wollten wir die Internationale Raumstation ISS fotografieren. Das war ziemlich schwierig.“ Kein Wunder: Das Objekt bewegt sich schnell. Sie händisch zu fokussieren ist alles andere als einfach. „So kamen wir auf die Idee, ein ferngesteuertes Teleskop zu bauen.“

Die Boote im Blick: Gruppenleiter Markus Kohler (rechts) verfolgt mit seiner Astronomie-Gruppe das Treiben auf dem Wasser.
Die Boote im Blick: Gruppenleiter Markus Kohler (rechts) verfolgt mit seiner Astronomie-Gruppe das Treiben auf dem Wasser. | Bild: Benjamin Schmidt

Bereits der erste Prototyp funktionierte gut – einige Monate später gewannen die Jungen eine Förderung für weitergehende Konstruktionspläne: den mit 3000 Euro dotierten Reiff-Förderpreis für Amateur- und Schulastronomie. Auch eine Aufnahme der ISS gelang.

Video: Markus Kohler/Astronomische Jugendvereinigung Bodensee

Mit diesem und anderen Sponsorengeldern konnten die Technikfreaks ihren RAMOTS, wie sie ihr System nennen, weiterentwickeln. Der Begriff steht übrigens für „Realtime Automatic Moving Object Tracking System“, zu deutsch: „System zum automatischen Nachführen von sich bewegenden Objekten in Echtzeit“. Sie investierten hunderte Arbeitsstunden für die Entwicklung der Konstruktion – und das Schreiben der Software.

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Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Vier Kameras übertragen Bilder vier unterschiedlicher Teleskope, die in das Gerät integriert sind, auf die Bildschirme. Per Motor lässt sich das 150 Kilogramm schwere Gerät auf einfache Art nach oben, unten, links und rechts schwenken: Das erledigen Motoren. Und sogar für Strom haben die Tüftler gesorgt: Sie haben Solarmodule am Teleskop angebracht.

Digital in die Ferne Blicken: Insgesamt vier Digitalkameras sind am Teleskop angebracht – somit lassen sich Aufnahmen in verschiedenen Entfernungen erzielen.
Digital in die Ferne Blicken: Insgesamt vier Digitalkameras sind am Teleskop angebracht – somit lassen sich Aufnahmen in verschiedenen Entfernungen erzielen. | Bild: Benjamin Schmidt

Pioniergeist am Wasser

Die Jung-Astronomen, die meisten von ihnen noch unter 18 Jahre alt, verströmen dornier‘schen Pioniereist. Lachend erzählt etwa der 17-Jährige Paul Knecht aus Tettnang davon, wie sich Rad- und Autofahrer umdrehen, wenn sie ihr Riesenteleskop per Anhänger durch Friedrichshafen fahren. Auch wenn eine Kamera wegen Feuchtigkeit ausfällt, ist sei kein Problem. „Die kommt dann einfach in einen Behälter voller Reis, dann trocknet sie wieder.“

Fotos und Videoaufnahmen aus der Nähe bieten durchaus klarere Bilder. Doch der Aufwand hierfür ist größer, als die Regatta bequem per Teleskop zu verfolgen.
Fotos und Videoaufnahmen aus der Nähe bieten durchaus klarere Bilder. Doch der Aufwand hierfür ist größer, als die Regatta bequem per Teleskop zu verfolgen. | Bild: Fabian Bach LSVb BW

Nächstes Ziel: Satelliten retten

Der Technik-Test bei der Regatta verlief für die Tüftler-Truppe erfolgreich. Aber auch weitere Pläne hat sie: Ein Dach für das Gerät muss her, weitere Sportveranstaltungen wollen sie mit ihrer Technologie begleiten. Doch es zieht ihren Blick auch in den Weltraum. Sie träumen davon, Satelliten im Orbit zu finden, die nicht mehr per Funk angesteuert werden können. Diese sollen dann mit besonders starken Signalen angesprochen – und sich so wieder justieren können. Sie haben also noch viel vor, die Jungs von der Astronomischen Jugendgruppe.

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