Noch heute stecken Splitter einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg im Wohnzimmerschrank von Renate Härle. Der Schrank gehörte ihren Großeltern, die an der Löwentaler Straße wohnten. „Da war es gefährlich, weil die Zahnradfabrik in der Nähe war, aber wir waren trotzdem oft da“, erzählt sie. Der Grund: Die Großmutter hatte Verwandte auf dem Land und kam oft mit Lebensmitteln wieder, die es in der Stadt längst nicht mehr gab.

Nach den Luftangriffen lag die Altstadt Friedrichshafens 1944 in Schutt und Asche.
Nach den Luftangriffen lag die Altstadt Friedrichshafens 1944 in Schutt und Asche. | Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen

Sie selbst wohnte mit ihrer Mutter zu Beginn des Kriegs an der Ernst-Lehmann-Straße, in der Nähe des damaligen Maybach-Werks. Der Vater war an der Front. Als im Juni 1943 die ersten Bomben auf Friedrichshafen fielen, war sie drei Jahre alt. „Angst habe ich eigentlich nie gehabt. Ich war so klein, ich habe das gar nicht überrissen“, sagt sie. „Ich weiß nur noch, dass meine Mutter mich gepackt hat, wenn die Sirenen heulten. Meistens sind wir mit dem Fahrrad Richtung Eriskirch gefahren, da war ein Gasthof mit einem tiefen Weinkeller. Es hieß, der sei sicher.“ Wenn die Zeit nicht reichte, legte sie sich mit der Mutter im Wald auf den Boden.

Nach den Luftangriffen wurden die Straßen notdürftig freigeräumt.
Nach den Luftangriffen wurden die Straßen notdürftig freigeräumt. | Bild: Archiv Südkurier

Bei einem der Angriffe war sie mit Großmutter und Onkel auf dem Pfänder. Als der Alarm losging, flüchteten sie in einen Bunker in Lindau. „Meine Oma hat erzählt, ich hätte da angefangen zu singen: ,Maria breit den Mantel aus‘“, sagt sie. Als sie zurück nach Friedrichshafen kamen, klaffte anstelle der einen Hälfte ihres Wohnhauses ein Loch. „Unsere Wohnung stand noch, meine Mutter war schon drin und hat aufgeräumt. Aber wir konnten dort nicht bleiben, es war nicht stabil.“ Über Bekannte fanden sie eine neue Wohnung an der Marienstraße.

1943 begann die Bombardierung Friedrichshafens aus der Luft.
1943 begann die Bombardierung Friedrichshafens aus der Luft. | Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen

Friedrichshafen war vor allem wegen seiner Industrie Ziel alliierter Luftangriffe: Die Zahnradfabrik lieferte Getriebe für Panzer und Lastfahrzeuge, Maybach fertigte Motoren für Panzer der deutschen Wehrmacht, Dornier, damals in Manzell ansässig, baute Flugzeuge für die Luftwaffe und der Luftschiffbau Zeppelin sollte Elemente der V2-Rakete produzieren. Bei elf Luftangriffen starben bis zu 1000 Einwohner. Die Bomben zerstörten weite Teile der Stadt und machten rund 25 000 Menschen obdachlos. „Meine Freundinnen wohnten gar nicht mehr hier, weil ihre Häuser kaputt waren. Sie wurden bei Bauern einquartiert, in der Nähe von Biberach, Ochsenhausen oder Pfullendorf„, erinnert sich Renate Härle.

1943: Aufräumen nach einem Luftangriff. Rund 25 000 Menschen verloren durch die Luftangriffe ihre Wohnungen.
1943: Aufräumen nach einem Luftangriff. Rund 25 000 Menschen verloren durch die Luftangriffe ihre Wohnungen. | Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen

Besonders verheerend war der Angriff vom 28. April 1944. Zum ersten Mal bombardierten die Alliierten gezielt ein Wohngebiet. Von 2 bis 2.50 Uhr fielen 185 000 Brandbomben, 580 Sprengbomben und 170 Luftminen auf die Stadt. 136 Menschen starben. Von 2300 Wohnhäusern wurden über 1000 zerstört, weitere 1000 beschädigt. Rathaus, Nikolauskirche, Bodensee-Museum, Salzstadel, Postamt und Stadtbahnhof brannten aus. „Ich durfte nicht rausgehen, aber ich bin morgens entwischt. In der Hofener Straße lagen die Leichen auf dem Gehweg, die waren ganz klein, weil sie von den Brandbomben so zusammengeschrumpft waren, das war schrecklich“, sagt Härle. Als sie danach mit ihrer Mutter durch die Stadt gehen wollte, lag alles voller Trümmer, sodass sie nicht weit kamen.

Noch 1949 waren die Spuren der Zerstörung überall zu sehen.
Noch 1949 waren die Spuren der Zerstörung überall zu sehen. | Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen

Auch an den Tag des Kriegsendes erinnert sie sich. Am 29. April 1945 hatten sich die Hausbewohner der Marienstraße im Keller versteckt. „Es wusste ja niemand, was los war. Mir hat das zu lange gedauert und ich bin ausgebüxt“, sagt sie. In der Wendelgardstraße, nicht weit von ihrer Wohnung, standen die französischen Panzer. „Ich dachte, das sind Amerikaner, bin hingegangen und habe immer ,How do you do?‘ gefragt“, sagt sie. Ihrer Mutter, die sie suchte, sei sie mit einer Schürze voll Süßigkeiten und Schokolade entgegengekommen. „Das hat richtig Ärger gegeben.“ Aber der Krieg in Friedrichshafen war vorbei.

Der Salzstadel nach dem Angriff im April 1944. Nach Abbrucharbeiten bis 1972 wurde hier die Kreissparkasse und später das „Medienhaus k42“ gebaut.
Der Salzstadel nach dem Angriff im April 1944. Nach Abbrucharbeiten bis 1972 wurde hier die Kreissparkasse und später das „Medienhaus k42“ gebaut. | Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen
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