Zwei Sommer lang fuhr vor allem Bewohnern in der Kitzenwiese immer wieder und meistens nachts ein kaum auszuhaltender Gestank in die Nase. Über 300 einzelne Beschwerden von deutlich weniger Haushalten veranlassten das Landratsamt im vergangenen Jahr, der Sache auf den Grund zu gehen.

Gestern stellten Vertreter mehrerer Behörden die gesammelten Ergebnisse vor. Tenor: Mehrere Geruchsquellen sind möglich. 13 in Frage kommende Betriebe habe man geprüft, neun kommen als Verursacher in Frage.

Oder anders formuliert: "Es ist nicht nur die Bäckerei", sagte Peter Neisecke, Leiter des Umweltschutzamts im Bodenseekreis. Der Holzofen in Webers Backstube war zwischenzeitlich zur Hauptursache erklärt worden.

Holzofen wird korrekt betrieben

Ein Gutachten belege inzwischen, dass der Meisterbetrieb den Holzofen korrekt betreibe, so Neisecke. Fakt ist aber auch, dass die Rauchfahne aus dem Bäckerei-Kamin, die bei der nächtlichen Anfeuerung des Holzofens entsteht, bei einer bestimmten Wetterlage eine Quelle für brenzligen Geruch sein kann, den die Bewohner in der entfernten Nachbarschaft wahrgenommen haben.

Über 70 Prozent der Beschwerden wurden laut Auswertung werktags sowie nachts zwischen 2 und 4 Uhr gemeldet und damit in dem Zeitfenster, in dem die Bäckerei den traditionellen Ofen für das Holzofenbrot anfeuert.

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Seit Firmenchef Hannes Weber die Anfeuerung umgestellt hat, hätten die Beschwerden nachgelassen. "Aber es wird im Sommer weiter solche Gerüche geben", sagte Peter Neisecke. Denn weil Weber alles richtig macht, seien aus Sicht des Immissionsschutzes "keine Forderungen aufstellbar", sagte Jürgen Schock von der Häfler Stadtverwaltung.

Ob die Bäckerei statt der Holzfeuerung auf eine teure Holzpelletanlage umrüsten will, die so gut wie keinen Rauch erzeugt, sei Webers Entscheidung.

Mehrere Firmen erzeugen Gerüche

Ob das schlussendlich dazu führen würde, dass es in der Kitzenwiese gar nicht mehr stinkt, ist unwahrscheinlich. Denn mehrere Gewerbebetriebe vor allem am Flughafen, aber auch im Stadtgebiet kommen als Geruchsquellen ebenso in Frage.

Knapp ein Drittel der gemeldeten Beschwerden passen zeitlich nicht mit der Anfeuerung des Holzofens in der Bäckerei Weber zusammen, auch wenn die meisten Betriebe nur tagsüber arbeiten. Aber auch diese Firmen betreiben ihre Anlagen nach Auskunft der Behörden rechtlich einwandfrei.

So dürfen die Hermann Weber GmbH oder die Schreinerei Rauschendorfer Holzreste aus der Produktion an Ort und Stelle verbrennen.

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KS Engineers erzeugt bei der Herstellung von Motorenprüfständen Abgasgerüche. Und von der Firma Liebherr Aerospace könnten ölige Gerüche stammen. Als Verursacher zeitweiligen Gestanks gelten im Stadtgebiet aber auch Hüni GmbH & Co. KG (Lack- und Lösemittel), die frühere MWS-Gießerei oder ZF.

Dessen Werk 1 hat das Regierungspräsidium (RP) Tübingen genau unter die Lupe genommen und ein Geruchskataster erstellen lassen. Ergebnis: "ZF kann nicht Auslöser der Beschwerden sein", erklärte Raphael Degler vom RP. Zwar gebe es Prozesse in der Produktion, die Gerüche erzeugen. Aber die würden zu 99 Prozent im Werk behandelt und gefiltert.

Bild: Schönlein, Ute

Ungewöhnliche Windverhältnisse

Aus der Häufigkeit der Beschwerden schließt Gutachter Claus-Jürgen Richter vom Umweltfachbüro iMA Richter & Röckle, dass vor allem das Gewerbegebiet am Flughafen für die störenden Gerüche sorgt. Denn die Häufigkeit der Beschwerden nehmen in diese Richtung zu.

Dafür sorgt ein Wetterphänomen, das der Meteorologe nach Auswertung der Daten an der Windmessstation am Flughafen nachweisen kann – und das die Behörden laut Peter Neisecke nicht auf dem Schirm hatten. Während der Wind in Friedrichshafen eher aus südwestlicher Richtung kommt, bläst er am Flughafen vor allem nachts und bevorzugt bei Inversionswetterlage am häufigsten mäßig aus Nordosten.

Da bei dieser Wetterlage die Luft unten kälter ist als darüber, entsteht eine Sperrschicht, unter der sich auch Gerüche sammeln können. Und die breiten sich mit dem Wind häufig in Richtung Südwesten und damit in die Kitzenwiese aus. Dieser Erkenntnis habe "Auswirkungen bei der Ansiedlung weiterer Betriebe am Flughafen", so Neisecke.

Chronologie: Was bisher geschah

  • 2015: Erste Beschwerden wegen Gestanks, vor allem in der Nacht, gehen beim Landratsamt ein.
  • Sommer 2017: Nächtlicher Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk in der Kitzenwiese aufgrund von möglichem Gasgeruch.
  • Sommer 2017: Mehrere Anlagen der Firma ZF wurden geprüft, aber keine Anhaltspunkte gefunden, die zu den geschilderten Belästigungen gepasst hätten. Das Landratsamt kündigt an, weitere Betriebe vertieft zu überprüfen.
  • Ende Juli 2018: Ausgeschlossen werden vom Landratsamt das Klärwerk, eine alte Deponie und Probleme in der Kanalisation. Ebenfalls vom Tisch sei die Spekulation über nächtliche Bremstests von Güterzügen, die im Bahnhof umgespannt werden.
  • Mitte August 2018: Das Landratsamt teilt mit, dass der Holzofen der Backstube Weber nahezu sicher eine wesentliche Quelle der nächtlichen Geruchsbelästigung im Wohngebiet Friedrichshafen Ost sei.
  • Ende August 2018: Aussprache zwischen Vertretern des Umweltamts im Landratsamt und von Webers Backstube. Es soll zwei Gutachten geben: ein Ausbreitungsgutachten zu den (Kalt-)Luftströmen im Bereich Flughafen/Friedrichshafen-Ost und eines von einem Fachmann für Holzfeuerungen.
  • Mitte Oktober 2018: Die Geruchsbelästigung hat abgenommen, ist aber nicht verschwunden. Die Stilllegung des Holzofens der Bäckerei Weber steht nicht mehr im Raum.