Kann ein Bäcker mit Rauch aus seinem Holzofen für beißenden Gestank in Wohngebieten gut einen Kilometer entfernt verantwortlich sein? Das Landratsamt Bodenseekreis nennt Webers Backstube beim Flughafen als wesentliche Quelle für Geruchsbelästigungen, die Anwohner in Friedrichshafen-Ost nachts aufwachen lässt.

Erste Beschwerden erhielt die Behörde bereits 2015. Nach einem Aufruf, Beobachtungen detailliert zu melden, seien dem Landratsamt bisher rund 200 Meldungen über ätzende Gerüche zugegangen, erklärt Hermann Dietlicher, ein Wortführer der Anwohner. Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes, relativiert die Zahl: Die Beschwerden stammen von rund 30 Haushalten, erklärte er auf Nachfrage. Jetzt sieht das Landratsamt aber Handlungsbedarf.

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Gummi-Geruch aus dem Holzofen?

Gerüche nach verbranntem Plastik, Kerosin, Gummi, Altöl, Reifen bis hin zu "ätzender und beißender Gestank" wird von den Betroffenen beschrieben, die deshalb Gesundheitsgefahren befürchten. Auf der Facebook-Seite der SÜDKURIER-Lokalredaktion will keiner so recht glauben, dass eine Bäckerei in Nachbarschaft von Industriebetrieben und dem Flughafen Verursacher solcher Gerüche sein kann.

"Das stinkt doch zum Himmel", schreibt ein Nutzer, "völliger Quatsch" ein anderer. Außerdem sei der Bäcker schon viel länger dort vor Ort, als es massive Beschwerden gibt. Tatsächlich ist der Holzofen seit März 2012 außer sonntags nahezu täglich in Betrieb. "Anderswo sind Holzofen-Bäckereien mitten im Ort und keinen stört es", meint eine Nutzerin.

Bäckermeister Hannes Weber will seine Anlage umrüsten. Denn: "Aus der Kiste komme ich doch nicht mehr raus. Gibt es Belästigungen durch Rauch, egal durch wen, wird in es in Zukunft immer heißen: Der Weber ist es."
Bäckermeister Hannes Weber will seine Anlage umrüsten. Denn: "Aus der Kiste komme ich doch nicht mehr raus. Gibt es Belästigungen durch Rauch, egal durch wen, wird in es in Zukunft immer heißen: Der Weber ist es." | Bild: Mommsen, Kerstin

Dass er nun der Buhmann sein soll, damit hat Bäckermeister Hannes Weber ein enormes Problem. Dass das Landratsamt sein Unternehmen öffentlich als alleinigen Verursacher der Geruchsbelästigungen nennt, ist für ihn nicht fair, zumal er mit dem Landratsamt kooperiere. Zumal ja nichts erwiesen sei. Dass aus dem Holzofen-Kamin Rauch austritt, wenn er angefeuert wird, ist klar, das sollte in einem Gewerbegebiet auch kein Problem sein.

Der Ofen selbst sei fachmännisch von einem Familienbetrieb gebaut, der das in fünfter Generation macht, sagt Hannes Weber und legt die Bestätigung vor. Bei der Anfeuerung habe er Alternativen ausprobiert, um die Rauchentwicklung zu minimieren – mit Erfolg, so Weber. Wie stark die Abluft aus dem Kamin tatsächlich verschmutzt ist, habe niemand gemessen. Ihm lägen keine belastbaren Daten vom Landratsamt vor. Mehr noch: "Aus der Kiste komme ich doch nicht mehr raus. Gibt es Belästigungen durch Rauch, egal durch wen, wird in es in Zukunft immer heißen: Der Weber ist es", befürchtet er. Solch ein Image kann sich kein Bäcker leisten, noch dazu einer, der mit traditionell hergestelltem Holzofenbrot positiv werben will.

Bäcker bittet um Aufschub

Deshalb bleibe ihm nichts anderes übrig, als seinen Betrieb als Quelle des Ärgers und für solche Verdächtigungen auszuschließen. Hannes Weber will binnen der nächsten drei Monate den Holzofen auf eine technische Befeuerung mit Holzpellets umrüsten, die rauchtechnisch rückstandsfrei verbrennen.

Deshalb habe er das Landratsamt gebeten, bis Ende Oktober davon Abstand zu nehmen, seinen Holzofen befristet außer Betrieb zu setzen, wie es die Behörde quasi angedroht hat. Ob das juristisch überhaupt möglich ist, bezweifelt der Unternehmer. "Wenn die ZF-Härterei als Quelle des Gestanks gelten würde, würde man die dann auch stilllegen?", fragt Weber.

Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Archivbild

"Der Rauch ist da, der lässt sich nicht wegdiskutieren. Wir sind uns sicher, dass der Rauch aus dem Holzofen der Bäckerei Weber eine wesentliche Quelle ist", beharrt der Sprecher der Kreisverwaltung auf bisherige Erkenntnisse. Etwa 20 in Frage kommende Firmen habe das Landratsamt überprüft, davon zwei bis drei noch nicht abschließend. Robert Schwarz räumt ein, dass Gerüche sehr subjektiv wahrgenommen werden. Mitarbeiter des Landratsamtes hätten aber in zwei Aktionen insgesamt acht Nächte vor Ort in der Kitzenwiese "geschnuppert", ob die Beschwerden zutreffen. Wahrgenommen wurde demnach aber "kein typischer Holzofengeruch".

Bisher gebe es keine Anhaltspunkte, dass andere Betriebe die Rauchwolke quasi mit Nebengerüchen füttern. Die Belästigungen für die Anwohner jedenfalls seien erheblich, so Schwarz. Dabei gehe es für das Landratsamt nicht um die Schuldfrage, sondern darum, die Geruchsbelästigungen im Sinne der Anwohner zu unterbinden.

Für das Landratsamt "wie ein großes Forschungsprojekt"

Hannes Weber erklärt, dass zwei Mitarbeiter des Landratsamtes im März nach einer nächtlichen Betriebsbesichtigung in der Backstube versichert hätten, dass die Bäckerei nicht Auslöser für die beschriebenen Gerüche sein könne.

Warum er jetzt der Verursacher sein soll, das mache ihn ratlos. Das kann Robert Schwarz auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren. Für das Landratsamt sei die ganze Sache "wie ein großes Forschungsprojekt". Immer kämen neue Erkenntnisse dazu. So wisse man heute, dass in der Kaltluftschneise am Flughafen Luftströme sogar entgegen der Windrichtung entstehen können, die den Rauch in etwa zehn bis 15 Meter Höhe fast waagerecht ins Wohngebiet schieben.

Das Landratsamt hoffe auf die Kooperation der Backstube, sagt Robert Schwarz. Ob die zeitweise Stilllegung des Holzbackofens tatsächlich angeordnet werden kann, werde juristisch noch geprüft. Hannes Weber ist selbst daran interessiert, dass das Mysterium dieser nachts stinkenden Rauchwolke aufgeklärt wird.

Bild: Schönlein, Ute