Herr Ungerer, infolge von Schicksalssituationen stießen sie auf zukunftsorientierte Texte des „Gottesfreund vom Oberland“, einer mittelalterlichen Persönlichkeit. Sie übertragen seit zwei Jahren seine Texte ins heutige Deutsch und erarbeiten Werkbetrachtungen dazu. Die Texte helfen Ihnen, Ihr Leben besser zu bewältigen. Wer war die Gestalt?

Eine geheimnisvolle Persönlichkeit, die im 14. Jahrhundert gelebt und gewirkt hat und deren Identität nie preisgegeben wurde. Vermutlich 1312 geboren in Chur, gestorben vielleicht erst nach 1420. In der Mittelalterkunde gilt der Gottesfreund als literarische Erfindung, aber viele überlieferte Schriften deuten auf seine Existenz. Von einem Gottesfreundforscher wurde er als einer der bedeutendsten Typen des Laienpriestertums im Mittelalter bezeichnet. Die Benennung „Oberländer“ will nicht nur auf seinen Wohnort hinweisen, wahrscheinlich im schweizerischen Entlebuch, sondern auch auf seine Beziehung zu einer höheren, geistigen Welt.

Wie sind Sie auf ihn und das exotische Thema gestoßen?

Durch meine Beschäftigung mit dem Wildkirchli, einer Kirche und Eremitenstätte, die hoch oben im Alpstein in eine Höhle hineingebaut ist. Der Mönch Gallus hat diese Stätte wahrscheinlich gekannt. Historisch nachweisliche Spuren reichen bis ins 16. Jahrhundert. Der Dichter Viktor von Scheffel siedelte die Schlusskapitel des „Ekkehard“ im Wildkirchli an. Verbürgte Besucher waren die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, Graf Zeppelin, der Physiker Röntgen und neben vielen weiteren Persönlichkeiten auch Stephanie von Beauharnais, die Adoptivtochter Napoleons. Das Wildkirchli war eine der ersten „Touristenattraktionen“ in der Schweiz. Man kann es als Kraftort erleben. Einige Passagen in den überlieferten Briefen des Gottesfreundes deuten darauf hin, dass eben das Wildkirchli der Ort gewesen sein könnte, wo sich der Oberländer mit anderen Gottesfreunden getroffen und um das Schicksal Europas gerungen hat.

Auf was gründet der Name „Gottesfreund“?

Er geht auf eine Stelle im Johannes-Evangelium zurück, wo Christus zu seiner Jüngern sagt, dass er sie nicht als Knechte, sondern als Freunde sieht. So wird schon gleich zu Beginn des Christentums ein freies Verhältnis zu Gott angelegt, welches der Gottesfreund lebt.

Sie sagten, nach dem frühen Tod seiner Eltern und einer reichen Erbschaft hatte Gottesfreund ein paar Jahre mit einem Jugendfreund die Welt bereist und später die Hochzeit mit einer jahrelang umworbenen Adeligen kurzfristig wegen einer Christuserscheinung abgesagt und sich einer fünfjährigen geistigen Schulung unterworfen. Was wurde dann aus ihm?

Er wurde zu einem geistigen Lehrer, begründete eine Bruderschaft von Gottesfreunden und gründete mit dem Mystiker Rulman Merswin das Kloster „Zum Grünen Wörth“ in Straßburg, eine freie Studienstätte für geistsuchende Menschen. Er hatte auch versucht, die drohenden sozialen Katastrophen der damaligen Zeit abzuwenden, welche dann durch das Schisma eintraten. Einer seiner Schüler war der berühmte Prediger Johannes Tauler in Straßburg. Dieser hatte von ihm gelernt, seine Zuhörer nicht abstrakt-intellektuell, sondern authentisch und volksnah, von innen, aus einem lebendigen Geist heraus zu überzeugen; die Menschen waren ergriffen. So kann man den Gottesfreund auch als Mitinitiator der mittelalterlichen Mystik sehen; manche bedeutende Schrift war von ihm inspiriert.

Sie beziehen Mut und Zuversicht aus seinen Schriften. Ein Beispiel ist die „Tofele“, mit kurzen Gebetsübungen zur Stärkung der Seele. Was besagen und wie wirken sie?

Es sind gewissermaßen Richttafeln zur seelischen und geistigen Orientierung. Sie wurden zu Zeiten der Pest verschickt und passen auch zur heutigen „Corona-Zeit“. Verkürzt und vereinfacht ausgedrückt sind es seelenhygienische Übungen, um den Tag sinnstiftend zu beginnen und rückblickend abzuschließen. Solch eine geistige Ausrichtung kann auch das Immunsystem stärken und die Angst nehmen.

Das half und hilft Ihnen auch bei Ihren Depressionen.

Ja. Ich wollte keine Tabletten mehr nehmen. Damit kam ich nicht mehr aus dem Bett und sie nahmen mir den Sinn fürs Leben. Wenn man den nicht hat, bringt man sich irgendwann um, was ich leider bei vielen mir nahestehenden Menschen erleben musste. Bei der Beschäftigung mit den Gottesfreundtexten habe ich gemerkt, dass sie wie Medikamente wirken können, um die Depression zurückzudrängen – nur ohne Nebenwirkungen.

Der Gottesfreund ging neue Wege...

Für ihn war die innere Schulung wichtig: Er wollte weg von dem, zu mittelalterlichen Zeiten üblichen asketischen Weg wie Peitschen, Schlagen, Hungern, und auf eine gesunde Weise zu geistigen Einsichten zu kommen. Sich züchtigen, aber im Sinne von sich beherrschen lernen, sich selbst in Verantwortung zu nehmen. Selbsterkenntnis und Selbsterziehung sind die eigentlichen Schlüsselkompetenzen für den modernen Menschen. Die Gottesfreund-Schriften sind für mich eine Möglichkeit, mit Krisen umzugehen. Krisen lassen dich weiterfragen, eröffnen eine andere Ausrichtung, auch hin zum Geistigen. In den Schriften des Gottesfreundes ist ein Weg angelegt, seine Seelenkräfte so stark zu machen, dass man die geistige Welt, oder die Welt der Ideale, so mit der irdischen Welt verbindet, dass man sinnvoll darin arbeiten kann. Die Sinnfrage ist ungeheuer wichtig. Sie ist für jeden verschieden. Der eine nimmt Hunde auf, der andere findet seine Bestimmung in einem bestimmten Beruf oder in der Auseinandersetzung mit einer Krankheit, wie bei mir. Man muss sich innerlich stärken, damit man in Zeiten von Unsicherheit eine eigene Orientierung findet.

Sich zu etwas hin- oder wegdenken hat Ihnen auch in Ihrer Kindheit geholfen. Sie haben als „Verschickungskind“ Dinge erlebt, die aktuell von den Medien thematisiert werden. Können Sie sich gut erinnern?

Ich denke, meine Erschöpfungszustände, Depressionen, Zusammenbrüche, die gesamte Krankheitsbelastung resultieren mit aus diesen Erlebnissen. Das habe ich erst Jahrzehnte später realisiert. Nach dem Krieg bis in die 80er wurden Hunderttausende, überwiegend Arbeiterkinder, in sogenannte Erholungsheime geschickt; letztlich war es eine Fortsetzung der „braunen Pädagogik“. Die Eltern konnte man leicht überzeugen, zumal versprochen wurde, dass sie gesunde Kinder zurückbekämen. Ich war sieben, als ich nach Brissago/Schweiz, kam. Was da stattfand war körperliche und seelische Misshandlung. 60 Prozent aller Verschickungskinder sind für ihr Leben geschädigt.

Was haben Sie erlebt?

Schlafzwang, Essenszwang, Toilettenverbot, Lieblosigkeit. Ich wurde so lange zum Essen gezwungen, bis ich darüber erbrochen habe. Viele Kinder mussten ihr Erbrochenes aufessen, bei mir setzt da die Erinnerung aus. Wir mussten zwei Drittel dieser unendlich langen Tage im Bett verbringen, Klogehen war bei Strafe verboten. So habe ich mir jede Nacht alles verheben müssen. Im Grunde war das eine Käfighaltung. Heute bin ich konstitutionell schwer belastet und geschädigt.

Worunter litten Sie am meisten?

Vor allem das Ausgeliefertsein war schlimm. Wir kleinen Kinder sind allein unter Fremden in die Fremde geschickt worden. Man konnte keine Hilfe holen, jeder Brief, rein oder raus, wurde gelesen und zensiert. Von Eltern Geschicktes wurde abgefangen. Dieser Heimaufenthalt war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Erst als ich im Herbst 2019 Berichte in der Sendung „Report Mainz“ gesehen hatte, habe ich mich getraut, mich damit gründlicher auseinanderzusetzen, zuvor hatte ich das oft verdrängt. Jetzt kann ich mir auch meine Krankheitsbelastungen erklären. Der Rückzug in meine eigene Gedankenwelt hat mich gerettet, deswegen kann ich mich mit Texten gut beschäftigen.

Sie haben noch viele weitere Schicksalsschläge einstecken müssen, wie Mobbing, Stalking und Suizide. Was raten Sie anderen bei beispielsweise posttraumatischen Belastungsstörungen?

Für irgendetwas Interesse entwickeln, sich selbst eine Aufgabe stellen, einen Sinn geben. Das muss nichts Großes sein, aber etwas Eigenes, den eigenen Weg finden. Es klingt paradox, aber indem ich mein Interesse auf etwas anderes richte, finde ich zu mir selber und komme in einen Energiestrom. Man sollte sich beispielsweise lieber mit Biographien beschäftigen, als über sich zu grübeln und in Verzweiflung zu kommen. Sie helfen, sich selbst zu erkennen und dann über sich nachzudenken – deshalb auch mein Interesse für den Gottesfreund vom Oberland.

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