Sie will endlich Gerechtigkeit und ein Ende der Gewalt. Gewalt gegen Frauen und die Taten im Verborgenen waren und sind immer wieder Thema in den Medien. Nun traut sich eine Frau aus dem Zollernalbkreis aus der Deckung und spricht über die Erlebnisse, die sie über Jahre durch ihren Ehemann erduldet hat und noch erdulden muss, da er nicht in die Scheidung einwilligt. Am 7. Juli tritt Birgit Pfersich ihre öffentlichkeitswirksame „Wanderung für Gerechtigkeit“ an, die sie von Meßstetten quer durch Deutschland nach Mecklenburg-Vorpommern führen wird. Dahin, wo vor sieben Jahren ihr Noch-Ehemann ihr Leben auslöschen wollte. Sie sagte: „Nur durch das schnelle Eingreifen unseres ältesten Sohnes konnte das verhindert werden“.

Aus Angst weggezogen

Die 56-Jährige erläuterte, warum sie jetzt, nach dieser langen Zeit, diesen Weg auf sich nimmt, der die ganze Strecke über öffentlich gemacht werden soll: Sie habe den damaligen Angriff, wie auch die Körperverletzung und auch einige der Morddrohungen ihres Mannes zur Anzeige gebracht. Trotz eines Verweises durch die Polizei hat der Mann das Haus betreten, habe ihr zehn Monate lang aufgelauert, sie verfolgt, schikaniert und bedroht, so dass sie aus Angst mit den Kindern von Mecklenburg-Vorpommern 900 Kilometer weit nach Baden-Württemberg, ihrer alten Heimat, gezogen ist. „Meine Kinder und ich haben das soziale Umfeld verlassen müssen und mir ist meine finanzielle Grundlage entzogen worden“.

Kein Zugriff auf GbR-Konto

Sie berichtete von dem Bauernhof in Alleinlage nahe Waren/Müritz, den sie zusammen mit ihrem Mann als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) geführt hat, beziehungsweise auf dem Papier noch führt, „aber von den Gewinnen der GbR bekomme ich nichts“. Sie berichtet, dass ihr Mann ihr den Zugriff auf das gemeinsame Geschäftskonto mit nicht nachvollziehbaren Mitteln entzogen hat, trotzdem hat das Finanzamt das hier nach ihrem Herzug eröffnete Konto gepfändet.

Nach sieben Jahren noch nichts geklärt

Inzwischen seien sieben Jahre vergangen, nichts habe sich geklärt und sie habe immer noch keine Perspektive auf eine Scheidung und eine Vermögensaufteilung. Sie sagt: „Den Anwälten ist dies nach deren Aussage zu kompliziert.“ Sie will nichts anderes als die Scheidung „von diesem Menschen, der mich umbringen und zerstören will!“ Aber sie besteht auf Gerechtigkeit, auch in finanzieller Hinsicht, denn „das steht mir zu“. Sie will sich nicht mehr weiter von der Angst beherrschen lassen, deswegen will die Meßstetterin den Weg in die Öffentlichkeit gehen und das buchstäblich. Sie will nicht aufgeben und begründet das so: „Durch Aufgeben würde ich selber die Gewalt gegen mich nochmal bestätigen. Ich kämpfe für den mit zustehenden Anteil unseres gemeinsam aufgebauten Vermögens, um den Kindern und mir eine finanzielle Existenz zu ermöglichen“.

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Zudem will sie sich ihrer Angst stellen: „Ich möchte nicht eine der Frauen sein, die laut Statistik jeden dritten Tag in Deutschland durch Femizid ums Leben kommt.“ Für ihre Kinder möchte sie Vorbild sein und sie will anderen Frauen Mut machen und zeigen, dass sie nicht allein sind“.

Birgit Pfersich, die nur noch ihren Geburtsnamen tragen will, hofft, dass sich auf ihrer Wanderung für Gerechtigkeit andere Frauen anschließen und sie vielleicht einen Stück weit auf diesem persönlichen „Jakobsweg“ begleiten. Ihr Weg führt übrigens über den Jakobspilgerweg von Meßstetten über Reutlingen, Stuttgart, Schwäbisch Hall, Nürnberg, Erlangen, Zwickau, Leibzig und Berlin, wo die offizielle Route für Jakobspilgerer eigentlich beginnt, für Birgit Pfersich aber endet.

Auf Missstände aufmerksam machen

Von Berlin ab bis zu ihrem Ziel in Waren/Müritz verläuft ihr ganz persönlicher Schicksalsweg hin zu der Stätte ihrer traumatischen Erlebnisse. Bis zum 7. Oktober will sie die rund 1200 Kilometer zurückgelegt haben, um sich dann ihrer Angst zu stellen, in der Hoffnung auf ein Ende der Angst und des siebenjährigen Albtraums. „Ich will mit meiner Wanderung auch auf die Missstände in Bezug auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen“, sagte die Meßstetterin: „Ich will Frauen, die in der gleichen Lage sind wie ich, Mut machen, im Kampf um ihre Rechte nicht nachzulassen“.

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Gerechtigkeit für sich, die baldige Scheidung und Auflösung der GbR mit gerechter Aufteilung der Vermögenswerte und einen neuen Anfang für sich und ihre Kinder, das will sie für sich erreichen. In ihren Augen fehlt es oft am Interesse der Öffentlichkeit, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. „Es gibt viel zu wenig kompetente Familientherapeuten und zu viele überlastete Staatsanwälte und Richter“, beklagt die vierfache Mutter. Sie wünscht sich mehr qualifizierte, engagierte Fachkräfte zum Lösen verfahrener familiärer Schicksale. Wenn Hilfe für gequälte Frauen greifen soll, „müssen das Gesetz, die Polizei und die Gerichte auch entsprechend reagieren“, fordert Birgit Pfersich aus eigener leidvoller Erfahrung. Auch hier brauche es dringend „robuste Mandate“, um Frauen und Kinder schnell aus familiären Gefahrensituationen zu befreien.

Als unglaubwürdig hingestellt

Sie habe sich getraut, Anzeige zu erstatten, aber die wurde mit der Begründung, dass kein öffentliches Interesse besteht, eingestellt. Zudem habe ihr Mann sie bei der Polizei als unglaubwürdig dargestellt. „Das Gefühl, keiner glaubt dir, führt zu Verzweiflung, Hilflosigkeit und Depression“, sagt Pfersich. Und der Mann lerne daraus, dass er machen könne, was er will, da ihm ja keiner an den Karren fährt, mutmaßt sie. Je länger die Gefahrenlage bestehe, umso intensiver wirke sich die Gewalt, auch die subtile, wie die finanzielle Abhängigkeit, auf die Betroffenen aus. „Die Bedrohungssituation besteht weiter – mit Folgen wie schweren emotionalen Leiden bis hin zur Eskalation oder gar Ermordung der Betroffenen“, so Pfersich.