Gewalt gegen Frauen ist kein Problem sozialer Brennpunkte, sondern findet in allen gesellschaftlichen Schichten statt. Und auch im Landkreis Sigmaringen. Um die Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren starten Bettina Häberle von der Beratungsstelle häusliche Gewalt des Caritasverbandes für das Dekanat Sigmaringen-Meßkirch e.V., die Gleichstellungsbeauftragte für den Landkreises Sigmaringen Sandra Knör und Josef Rothmund vom Opferhilfeverein Weisser Ring e.V. die Aktion „Wir haben die Nase voll“. Dafür ist es gelungen, 20 Apotheken aus dem Landkreis mit ins Boot zu holen. Dort gibt es demnächst Päckchen mit Tempotaschentüchern, auf denen die Kontaktadressen aufgelistet sind, wo Frauen sich Hilfe holen können, wenn sie häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.

Mit solchen Taschentuchpackungen will man auf ein drängendes Problem aufmerksam machen: häusliche Gewalt gegen Frauen. Bilder: Karlheinz Fahlbusch
Mit solchen Taschentuchpackungen will man auf ein drängendes Problem aufmerksam machen: häusliche Gewalt gegen Frauen. Bilder: Karlheinz Fahlbusch | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Nicht die erste Aktion dieser Art

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Schon in den vergangenen Jahren gab es zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, der rund um den Globus am 25. November stattfindet, Aktionen im Landkreis. Erinnert sei an die Bäckertüten („Gewalt kommt nicht in die Tüte“) oder die Schuhaktion auf dem Leopoldplatz in Sigmaringen und im Landratsamt des Caritasverbandes. Der betreibt auch seit 2012 die Beratungsstelle häusliche Gewalt. An Ratsuchenden herrscht da kein Mangel, wie die Leiterin Bettina Häberle berichtet. 93 Fälle bearbeitet sie pro Jahr und erstmals 2020 sind die Zahlen wegen des Lockdowns im Frühjahr etwas eingebrochen. „Doch mit den Lockerungen kommen auch wieder mehr Anfragen“, hat Häberle festgestellt.

Ihre Aufgabe ist es, Frauen bei der Befreiung aus einer Gewaltsituation zu helfen, sie bei der Wiedergewinnung des Selbstwertgefühls zu unterstützten und gemeinsam mit Betroffenen Handlungsstrategien bei akuter Gewaltandrohung und zum Schutz vor weiteren Gewalthandlungen zu entwickeln. „Dabei geht es auch um die Zurückgewinnung von Handlungsfähigkeit und Autonomie sowie die Unterstützung beim Aufbau eines selbstbestimmten Lebens“, wie die Beraterin deutlich macht. Hilfreich kann da auch die Unterbringung im Frauenhaus sein. Doch das sei immer voll belegt. Zur gegenwärtigen Situation in Corona-Zeiten ist das Fazit eindeutig: „Das ist ein Jahr wie nie.“ Immerhin verfügt Häberle jetzt über ein Laptop, das vom Land finanziert wurde. Damit kann sie jetzt auch Home-Office machen.

Beim Weißen Ring 40 bis 45 Fälle pro Jahr

Josef Rothmund leitet die Außenstelle des Weißen Rings und weiß aus der Praxis: „80 Prozent unserer Klienten sind Opfer von häuslicher Gewalt.“
Josef Rothmund leitet die Außenstelle des Weißen Rings und weiß aus der Praxis: „80 Prozent unserer Klienten sind Opfer von häuslicher Gewalt.“ | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

40 bis 45 Fälle hat Josef Roth etwa pro Jahr. Der Leiter der der Außenstelle der Opferorganisation Weißer Ringe e.V. präzisiert: „Bei 80 Prozent der Fälle handelt es sich um häusliche Gewalt.“ Unterdrückung, Vergewaltigung und Demütigung – das Spektrum der Vorfälle zeigt wahre Abgründe auf. Der ehemalige Polizeibeamte Rothmund zeigt dann Wege zur anwaltlichen Beratung auf und bietet auch finanzielle Unterstützung an. Denn wenn es eine Frau schafft, sich von ihrem Peiniger zu lösen, dann steht sie oft ohne einen Cent da. Roth weist aber auch auf die Beratungsstelle des Caritasverbandes und andere Hilfsmöglichkeiten hin. Das Netzwerk funktioniert.

Frauen suchen oft die Schuld bei sich

Sandra Knör ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Sigmaringen und kritisiert: „In den Medien wird Gewalt gegen Frauen oft beschönigend dargestellt.“
Sandra Knör ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Sigmaringen und kritisiert: „In den Medien wird Gewalt gegen Frauen oft beschönigend dargestellt.“ | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Sandra Knör ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Wenn bei ihr das Telefon klingelt, dann geht es nicht selten um häusliche Gewalt. Im Gespräch hat sie oft festgestellt, „dass Frauen die Schuld erstmal bei sich selbst suchen“. Umso wichtiger sei es dann, dass Betroffene professionelle Hilfe bekommen. Und die gibt es.

Frauen berichten von Abgründen

Vom Ehemann misshandelt: Marianne K. ist 32 Jahr alt und seit sechs Jahren mit Manfred verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder im Alter von zweieinhalb und fünf Jahren. Vor ihrer Hochzeit waren die Eheleute schon drei Jahre zusammen. Sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er war sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Er war manchmal eifersüchtig, aber das hat ihr eher geschmeichelt. Sie fühlte sich im Glück, als sie dann zusammengezogen sind und geheiratet haben. „Nach der Hochzeit habe sich die Situation aber verändert“, erzählt Marianne. Es habe so langsam angefangen. Er wollte immer genau wissen, mit welchen Kollegen sie sich zum Mittag essen verabrede. Manchmal, wenn er angespannt war, dann hat er sie auch beschimpft oder beleidigt. Er hat oft gesagt, sie würde den anderen nur schöne Augen machen. Das wurde immer schlimmer und wegen seiner Eifersucht gab es ganz viel Streit. Ganz schlimm wurde es, als das erste Kind geboren wurde. Von da an habe sie nicht mehr gearbeitet. „Er will auch nicht mehr, dass ich arbeiten gehen. Ich soll mich um die Kinder und den Haushalt kümmern, da geht ja eh nichts. Aber ich mach eigentlich schon alles“, berichtet die 32-Jährige. Aus Angst vor Streit habe sie sich immer mehr von ihren Freunden und auch von ihrer Familie zurückgezogen. Mittlerweile ist ihr Mann aber so empfindlich, dass er schon bei der kleinsten Sache völlig ausrastet. Türen wurden eingetreten und Sachen nach ihr geworfen. Der Ehemann hat schon zwei Mal mit den Fäusten auf sie eingeschlagen. Mit der Unterstützung der Beratungsstelle für häusliche Gewalt kann sie jetzt ganz schnell in ein Frauenhaus gehen. Marianne ist überzeugt: „Da wird mir geholfen, dass ich mich von meinem Mann trennen kann.“

Vom Exfreund gestalkt: Die alleinerziehende Mutter Svenja ist 32 Jahre alt und hat eine achtjährige Tochter. Sie wurde über ein halbes Jahr von ihrem Exfreund gestalkt, von dem sie sich getrennt hatte. „Ich habe ihn über Internet kennengelernt, es ist ja gar nicht so einfach jemanden kennen zu lernen, wenn man bereits ein Kind hat“, erzählt sie. Auch er hatte eine Trennung hinter sich und es tat ihr einfach gut mit jemanden darüber reden zu können, der sie auch verstand. Nach mehreren netten Abenden wollten es beide miteinander probieren. Nach zwei drei Monaten hat sie die Beziehung aber wieder beendet, weil er zu sehr klammerte und schon vom Zusammenziehen redete. Svenja: „Irgendwie hatte ich ein komisches Bauchgefühl.“ Und das kam wohl nicht von ungefähr. Der Ex-Freund versuchte ständig, anzurufen. Auch in der Nacht und während sie arbeiten war. Immer wieder stand er vor Tür, schrieb lange Liebesbriefe. Er beschimpfte sie immer wieder und tauchte oft auf, wenn sie mit Freunden traf oder mit ihrer Tochter etwas unternahm. „Das war so beängstigend für uns, dass wir uns fast nicht mehr aus dem Haus trauten“, sagt sie. Dann drohte er, ihrem Vorgesetzten Intimfotos von ihr zu schicken, wenn sie ihm nicht noch mal eine Chance gebe. Sie war total fertig. Eine Freundin riet ihr dann, zur Polizei zu gehen. Dort bekam sie Infos zum Stalking und auch Tipps was sie tun konnte. Es wurde mir auch geraten, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Sie hat den Stalker angezeigt und auch mit einem Anwalt Schutzmaßnahmen beantragt, so dass er keinen Kontakt mehr zu ihr haben durfte und auch der Wohnung fernbleiben musste. Erst als die Polizei ihn mehrfach ansprach, hat er aufgehört.

Vom Ehemann gedemütigt

Christine M. ist 40 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet und hat drei gemeinsame Kinder mit ihrem Ehemann Klaus, der sie seit fünf Jahren massiv beleidigt, erniedrigt, tyrannisiert und regelmäßig schlägt. „Du bist nichts, du kannst nichts und kommst auch nicht alleine durchs Leben“, muss sie sich immer wieder anhören. Bei regelmäßigen Schlägen drohte er ihr: „Wenn du zur Polizei gehst, bringe ich dich um“. Im Sommer musste sie nach erneuten Schlägen stationär ins Krankenhaus. Daraufhin trennte sie sich mit ihren Kindern von ihrem Mann ohne Hab und Gut. Bei der Polizei erstattete sie Strafanzeige und wandte sich an den Weißen Ring. Dort wurde sie bestärkt und unterstützt, ihr Leben mit den Kinder neu aufzubauen, bekam einen Rechtsbeistand und auch materielle Hilfe. Unterstützung gab es vom Sozial- und Jugendamt, ein Gericht sprach ein Annäherungsverbot aus. Christine M. bekam Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz und ging in Therapeutische Behandlung. Für sie ist klar: „Ohne Hilfe hätte ich mein Leben nicht auf einen neuen Weg bringen können. (kf)