Wo sonst die Museumsbesucher auf den Stegen zwischen den Pfahlbauten schlendern, ist es noch still. Nur die Wasservögel sind zu hören und zu sehen. Sie nutzen die Ruhe von Museum und Bodensee aus und bedienen sich beispielsweise am Lehm der originalgetreu nachgebauten Häuser. Museumsdirektor Gunter Schöbel kann dieser Szenerie, die sich vor den Fenstern seines Büros im Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen abspielt, etwas abgewinnen, ist aber auch froh, wenn wieder Besucher kommen können. Das ist ab diesem Freitag, 15. Mai, 11 Uhr, möglich, wenn sich die Türen des Museums nach der Corona-bedingten Pause wieder öffnen.

250 Gruppen stornieren innerhalb weniger Wochen

Im März wäre das Pfahlbaumuseum eigentlich vom Winterbetrieb in die Saison gestartet. Mit Verordnung des Landes Baden-Württemberg vom 15. März musste es aber schließen. „Das führte bei uns dazu, dass wir uns natürlich Gedanken machen mussten, wie wir dieses Jahr 2020 gestalten wollen“, sagt Gunter Schöbel. „Uns war relativ schnell klar, dass uns einige Besuchergruppen wegfallen würden.“ Innerhalb weniger Wochen stornierten dann auch 250 Gruppen ihren Besuch in den Pfahlbauten. In der Folge ging ein Großteil der Mitarbeiter in Kurzarbeit, Saisonkräfte wurden erst gar nicht eingestellt.

Neues Konzept: „Zeitreise durch die Pfahlbauten 2020“

Langsam soll es nun wieder losgehen. Das Land gestattet die Wiedereröffnung von Museen. Doch die Welt ist inzwischen eine andere. Das Pfahlbaumuseum kann zum Beispiel seine Innenräume nicht zeigen. Auch Führungen mit 30 bis 40 Personen gehören vorerst der Vergangenheit an. „Dagegen sprechen die Kontaktbeschränkungen“, erklärt der Museumsdirektor. Ebenfalls nicht gefragt sind die pädagogischen Konzepte mit „alles anfassen können“. In einer Rekordzeit von 14 Tagen habe man deshalb ein neues Museumskonzept entwickelt. Es heißt „Zeitreise durch die Pfahlbauten 2020“. Die letzten Fahnen für die Eröffnung am Freitag sind diese Woche in den Druck gegangen.

Die Besucher werden beim Eintritt ins Museum 10.000 Jahre zurückgeworfen und erleben an Stationen auf dem Gelände die verschiedenen Siedlungsphasen am Bodensee. „Wir werden das Museum in anderer Art und Weise inszenieren. Wir empfangen die Menschen und gehen mit ihnen ganz zurück in die Zeit kurz nach der Eiszeit und entwickeln dann Umwelt- und Landschaftsgeschichte sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, sagt Schöbel. Von der Steinzeit geht es Stück für Stück zurück in die Gegenwart. „Mischwälder entstehen“, „Erste Pfahlbauzeit“ und „Pflug revolutioniert den Ackerbau“ sind nur drei der Themen, die auf dem Zeitweg dargestellt werden.

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Die Museumsmitarbeiter sind die Informanten auf der Strecke. Sie berichten aus der Zeit Ötzis und Uhldis und zeigen wichtige technische Errungenschaften. Das Pfahlbaumuseum verfügt über eine umfassende Sammlung von Nachbildungen. Zudem gibt es Informationstafeln, Bilder und Videosequenzen. Schöbel sagt: „Es wird eine geschlossene Erfahrungslandschaft geben.“ Diese können die Besucher mit Blick auf den Bodensee und ins Naturschutzgebiet erleben.

Rundgang funktioniert komplett berührungsfrei

Der Rundgang funktioniert nach Angaben des Museumsdirektors komplett berührungsfrei und unter den geforderten Hygiene- und Abstandsregeln. Die Mitarbeiter tragen zum Beispiel Visiere aus Kunststoff. Auch an Desinfekionsmittel und Desinfekitonsmittelspender wurde gedacht. Da die Wege zu den Toiletten nicht breit genug sind, um den Mindestabstand von eineinhalb Metern einzuhalten, wird noch ein Toilettenwagen im Freien aufgestellt. An der Kasse wurde eine Plexiglaswand installiert. Tickets können aber ebenso im Internet unter www.pfahlbauten.de gekauft werden. Die Preise sind dieselben wie vor der Corona-Krise.

Museumsdirektor: „Ich brauche die Menschen hier“

Vom Land gab es die Empfehlung, möglichst viel digital zu machen. Schöbel entgegnet dem: „Ich kann jetzt nicht das ganze Museum digital zeigen. Ich brauche die Menschen hier. Wir finanzieren uns vollständig aus den Eintrittsgeldern der Besucher.“ So werden die Vermittlungsarbeiten abwechselnd eingesetzt. Beim Zeitweg setzt der Museumsdirektor zudem auf das völlig analoge Zusammenspiel mit der Bodenseelandschaft. Das Museum mutiere etwas vom archäologischen zum Naturkundemuseum, meint Schöbel.

Schöbel rechnet mit Halbierung der Gästezahlen

Für die Wiedereröffnung hat der Archäologe Fördermittel in Höhe von 50.000 Euro beantragt. Er geht davon aus, dass die jährlich übliche Gästezahl nicht zu erreichen sein wird. Diese liegt bei durchschnittlich 270.000 Besuchern. „Ich rechne mit einer Halbierung der Zahlen“, so Schöbel. Ab Pfingsten, dem 31. Mai, wird das Museum wieder täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Und auch im Winterhalbjahr soll versucht werden, „die Menschen hierher zu bringen. Unter Achtung der entsprechenden Regeln, die uns vorgegeben werden“. Ausgerichtet wird das Museum auf Familien und Einzelgäste. 2000 bis 3000 Besucher am Tag sind möglich. Der geplante Erweiterungsbau ist Schöbel zufolge erst mal zurückgestellt.

Dann öffnen sich hier, am Unteruhldinger Seeufer, wieder die Türen. Eintrittskarten für das Museum gibt es vor Ort und erstmals über das Internet.
Dann öffnen sich hier, am Unteruhldinger Seeufer, wieder die Türen. Eintrittskarten für das Museum gibt es vor Ort und erstmals über das Internet. | Bild: Santini, Jenna

Generell würde der Museumsdirektor am Bodensee den Tagestouristen wieder mehr ins Blickfeld nehmen: „Wir müssen unsere Arbeit wieder in Richtung Tuttlingen, Böblingen, Heilbronn, Villingen-Schwenningen, Reutlingen denken. Wir müssen uns darauf versteifen, dass wir unseren Regio-Tourismus wieder aufbauen.“ In manchen Fremdenverkehrssatzungen am Bodensee stünden nur noch der Übernachtungsgast und die Veranstaltung von Events oben an. Und der Tagestourist komme gar nicht mehr vor.

Tourismus wie vor 50 oder 70 Jahren

Schöbel sieht aber gerade jetzt Zielgruppen in Baden-Württemberg und dem westlichen Teil Bayerns. In alten Fremdenverkehrsprospekten sei mit den Stärken des Bodensees geworben worden, mit den Wanderwegen und der Landschaft. „Das muss der Tourismus jetzt kapieren, dass dieses Jahr eigentlich wieder so funktioniert wie vor 50 oder vor 70 Jahren. Eigene Stärken nach außen kehren, Netze aufzeigen“, appelliert Schöbel. Er könnte sich einen ganzjährigen Regio-Tourismus vorstellen. Jede Gemeinde brauche jetzt ein Corona-Tourismusprogramm mit allen Beteiligten. Auch das Landesgartenschaugelände in Überlingen würde er zumindest teilweise öffnen: „So ein bisschen die Schnuppervariante.“

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Für das Pfahlbaumuseum ist es nicht die erste Krise. Durch die Inflation 1923 kostete eine Eintrittskarte für Kinder eine halbe Million Reichsmark, Erwachsene zahlten eineinhalb Millionen Reichsmark. 1945, im Jahr, als der Zweite Weltkrieg endete, waren es insgesamt nur 675 Besucher. Aber: „Es ging aufwärts“, sagt Schöbel. Er findet: „Es ist irgendwo auch eine tolle Zeit. Der Zwang ist da, zusammenzuarbeiten. Es ist die Zeit eines Umdenkens. Das sage ich auch als Kulturwissenschaftler. Aber es ist an uns, das zu gestalten.“

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