Die jugendlichen Afghanen, die im Dezember auf dem Parkplatz Wölfle bei Uhldingen-Mühlhofen von der Polizei aus einem Lastwagen befreit worden sind, sind nicht mehr im Bodenseekreis. Wie berichtet, waren die beiden 14 und 16 Jahre alten Jugendlichen zusammen mit einem 18-Jährigen in dem Laster aus Serbien eingesperrt und machten schließlich durch Klopfgeräusche auf sich aufmerksam. Während der Älteste in eine Erstaufnahmestelle gebracht wurde, begann für die beiden Jugendlichen ein gesondertes Prozedere. Noch unbekannt ist, ob es neue Erkenntnisse zu den Schleusern gibt. Die Polizei hält sich aus ermittlungstaktischen Gründen bedeckt.

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Ein einmaliger Fall

Für die Behörden im Bodenseekreis sei dieser Vorfall ein absolutes Novum, wie Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts, erläutert. "Der aktuelle Fall ist für das Jugendamt Bodenseekreis erstmalig", sagt er. "Es sind keine weiteren derartige Fälle bekannt." Ohnehin sei es eher selten, dass im Kreis sogenannte unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) aufgegriffen werden. In den vergangenen zwei Jahren seien es nur fünf gewesen, sagt Schwarz.

Nachdem ein UMA aufgegriffen wurde, sehe das weitere Verfahren vor, dass der Jugendliche von der Bundespolizei erkennungsdienstlich erfasst und danach an das Jugendamt übergeben wird, erklärt Pressesprecher Schwarz. Dieses haben die Aufgabe, den Gesundheitszustand der Flüchtlinge zu überprüfen, die Minderjährigkeit festzustellen und die Möglichkeit zu prüfen, ob die Jugendlichen an Verwandte gegeben werden können. Sollten keine Hindernisse wie eine Erkrankung oder eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegen, werden Jugendliche, die in Baden-Württemberg aufgegriffen worden sind, zur bundesweiten Verteilung angemeldet. Dies sei auch bei den beiden minderjährigen Afghanen der Fall gewesen, sagt Robert Schwarz. "Es bestand kein Verteilhindernis und sie wurden verteilt. Sie befinden sich also nicht mehr im Bodenseekreis."

Zuständig für Unterbringung, Versorgung, Förderung und Verselbstständigung der Jugendlichen sei das entsprechende Jugendamt, sagt Landkreissprecher Robert Schwarz. Dabei seien die Unterstützungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen dieselben wie für deutsche Familien und Jugendliche. "Sie sind im Rahmen der Gesetze schulpflichtig und haben ein Recht auf schulische Bildung und Teilhabe." Der bestellte Vormund müsse zum Wohl des Jugendlichen erforderliche Entscheidungen treffen, die Förderung begleiten und das "aufenthaltsrechtliche Verfahren zum Wohl des jungen Menschen betreiben." Er fungiere hierbei wie ein Sorgeberechtigter.

Flucht wegen extremer Bedingungen

Bei der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe in Überlingen gehört die Betreuung jugendlicher Flüchtlinge zum Alltag. "Seit knapp zehn Jahren begleiten wir junge Flüchtlinge", sagt Vorstandsvorsitzender Roland Berner. Zu Spitzenzeiten seien zeitweise über 60 junge Menschen aufgenommen worden, aktuell werden 30 Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea und anderen afrikanischen Staaten begleitet. "Vor allem Staaten, in denen Kriege, Diskriminierung und Verfolgung bestimmter Volksgruppen herrschen."

Wie lange die Flüchtlinge in der Obhut einer solchen Jugendhilfeeinrichtung bleiben, hänge von verschiedenen Faktoren ab, sagt Roland Berner. Darunter fallen das Alter der Person, ob sie in Baden-Württemberg bleiben kann und welche Möglichkeiten der Einrichtung zur Verfügung stehen. "Manche Jugendliche bleiben nur wenige Wochen und werden dann verteilt, andere sind etwa zweieinhalb Jahre bei uns", sagt Berner. "Die Wohngruppen stellen eine Art zweiter Heimat dar, mit Vertrauenspersonen, die sie bei den Fragen des Alltags unterstützen."

Trotz extremer Bedingungen vor und auch während der Flucht bestehe die Notwendigkeit von psychologischer Betreuung bei eher wenigen, meint Roland Berner. "Es erstaunt uns immer wieder, wie sie ihre Situation meistern und wie sehr sich die allermeisten anstrengen, sich hier anzupassen und einzufügen." Die Betreuer stünden aber oft vor besonderen Herausforderungen, wie dem Umgang mit Behörden und Ämtern und der Verständigung mit den Jugendlichen, die häufig zunächst keine Deutschkenntnisse haben. Auch müssen sie eventuelle psychische Belastungen ihrer Schützlinge erkennen. "Dies erfordert hohes Engagement und vollen Einsatz."