Die vor Kurzem vorgestellte Kriminalstatistik für Überlingen weist deutlich gesunkene Zahlen von Delikten auf, an denen Jugendliche und junge Migranten beteiligt waren, auf. Damit kann die „aufsuchende Jugendarbeit„ in Überlingen auf ein erfolgreiches erstes Jahr zurückblicken. Im Ausschuss Bildung und Kultur stellte Streetworker Carlos Göschel jetzt den Jahresbericht vor und erläuterte seine Arbeitsweise. Seine Stelle ist bei der „Linzgau Kinder- und Jugendhilfe“ angesiedelt, die Kosten trägt die Stadt.

„Bus Stop“ entwickele sich zum Treffpunkt

Göschel ist seit März 2019 in Überlingen im Einsatz und erweitert seitdem seine Arbeitsfelder stetig. Zu den Aktivitäten gehört der „Bus Stop“, wo er einmal in der Woche mit Jugendlichen Fahrräder am ZOB repariert. „Das hat sich mittlerweile zu einem Treffpunkt entwickelt“, sagte er. Viele junge Migranten nutzten das Angebot. Dazu betreut er mit dem Jugendreferat zusammen den Mitternachtssport in der Wiestorhalle, wo bis zu 40 junge Männer, meist afrikanischer Herkunft, Fußball spielten, bis die Aktion wegen Corona unterbrochen werden musste. Carlos Göschel sucht außerdem Jugendliche an ihren Treffpunkten in der Stadt auf. „Ich bin dort Gast und begegne ihnen mit großem Respekt.“ Nach der anfänglichen Neugier und mit wachsendem Vertrauen würden die Jugendlichen viel von sich erzählen. Hier kann er ansetzen und wenn nötig Hilfe anbieten. „Die Zusammenarbeit mit den Behörden läuft sehr gut, aber manches müsste schneller gehen“, so der Jugendsozialarbeiter.

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Junge Flüchtlinge haben teils psychische Probleme

Göschel machte deutlich, dass es auch Problemfelder gibt, wie junge Geflüchtete, denen es nicht gelungen sei, hier anzukommen und die teilweise psychische Probleme hätten. Für diese kleine Gruppe wünscht er sich niederschwellige Angebote, um ein weiteres Abrutschen zu verhindern. Eines der größten Probleme wäre fehlender Wohnraum für junge Erwachsene. Dazu betonte Carlos Göschel, wie wichtig die Aufstockung der mobilen Jugendarbeit sei, um das Erreichte nicht wieder infrage zu stellen. „Die aktuellen Zahlen sind keine Garantie, wir müssen dranbleiben.“ Streetwork sei zudem wirksamer wenn sie zu zweit, von einem Mann und einer Frau, ausgeübt würde.

Die Leiterin des Sachgebiets Integration, Elke Dachauer (Mitte, mit Seilen), hat die Aktion „Deutsch To Go“ ins Leben gerufen.
Die Leiterin des Sachgebiets Integration, Elke Dachauer (Mitte, mit Seilen), hat die Aktion „Deutsch To Go“ ins Leben gerufen. | Bild: Sabine Busse

Beratung über zweite Stelle im Gemeinderat

Der Gemeinderat hatte im letzten Herbst die Besetzung dieser zweiten Stelle ab Sommer 2020 beschlossen. Der von dem Gremium im Juni gefasste Grundsatzbeschluss, wegen der Corona-bedingten Einbrüche bei den Gewerbesteuern keine Dienstleistungen mehr in Auftrag zu geben, blockiert die Besetzung. OB Jan Zeitler sagte dazu: „Der Gemeinderat wird noch über die Stelle beraten. Die Erfolge sprechen dafür, aber wir sind in einer schwierigen Haushaltslage.“

Polizeichef Hornstein (CDU): Zweite Stelle „unabdingbar“

Von fast allen Mitgliedern des Ausschusses bekam Göschel großes Lob für seinen Vortrag und das Signal, die Aufstockung der mobilen Jugendarbeit zu befürworten. Benedikt Kitt (LBU/Grüne) zeigte sich als jüngster Gemeinderat beeindruckt und „ein bisschen geflasht“. Auch der Vorsitzende des Jugendgemeinderats, Espen Rechtseiner, plädierte für die Aufstockung. Günter Hornstein (CDU), Ratsherr und Leiter des hiesigen Polizeireviers, formulierte es so: „Wir sind in Überlingen auf einem guten Weg. Die Verstärkung von Carlos Göschel ist unabdingbar im Interesse der Gesellschaft.“

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Kritische Einwände aus der FDP

Die einzige Kritik äußerte Peter Vögele (FDP), dem bei den vorgeschlagenen niederschwelligen Angeboten für labile Geflüchtete zu wenig gefordert wird. „In dem Zustand bringt fordern nichts, die brauchen Bestätigung als Antwort“, hielt Göschel entgegen. Dazu zitierte er einen Pädagogik Professor, der in einem Artikel in der „Zeit“ nach den Krawallen von Jugendlichen in Stuttgart analysierte: „Sie wollen Macht, Gerechtigkeit und Bestätigung.“