Zunächst machte sich Günter Hornstein Sorgen. Als im Sommer 2018 bekannt wurde, dass 20 bis 30 ehemalige Umas aus Heimen in der Region entlassen würden, war dem Chef des Polizeireviers nicht ganz Wohl bei der Sache. Bei „Umas“ handelt es sich um „Unbegleitete minderjährige Ausländer“. Werden sie volljährig, stehen sie nicht mehr unter dem besonderen Schutz und der Betreuung von Jugendhilfeeinrichtungen wie dem Heim Linzgau. Vielmehr müssen sie sich dann auf dem normalen Wohnungs- und Arbeitsmarkt und in dem dann vorhandenen sozialen Umfeld zurecht finden. Eben davor hatte der Chef der Überlinger Polizei „Bedenken“, wie er einräumt.

Video: Stefan Hilser

Seine Sorgen waren unbegründet, wie sich den Äußerungen Hornsteins entnehmen lässt. Er sprach offiziell nicht als Polizeichef, sondern als Stadtrat der CDU. Es war Thema im Gemeinderatsausschuss. Hornstein berichtete, dass er „viele positive Rückmeldungen“ erhalte, wie gut es gelinge, die jungen erwachsenen Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Es sei für ihn „unglaublich“ zu sehen, wie erfolgreich Carlos Goeschel bei der Bewältigung dieser Aufgabe ist.

Übers Kochen kommen sie mit ihren Betreuern ins Gespräch: Die Somalier Sahal Hassan (vorne) und Jamal Omar flüchteten als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. Nun, als junge Erwachsene, freuen sie sich über weitere Unterstützung. Bilder: Stefan Hilser
Übers Kochen kommen sie mit ihren Betreuern ins Gespräch: Die Somalier Sahal Hassan (vorne) und Jamal Omar flüchteten als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. Nun, als junge Erwachsene, freuen sie sich über weitere Unterstützung. Bilder: Stefan Hilser | Bild: Hilser, Stefan

Carloes Goeschel? Er ist als pädagogischer Betreuer im Projekt „Bus-Stop“ beschäftigt, einem Streetworker-Projekt, das von der Stadt ins Leben gerufen wurde. „Bus-Stop“ ist angelegt als niederschwelliges Programm, über das auf unkonventionelle Weise der Kontakt zu jungen Leuten gesucht wird, bevor sie ziellos am Bahnhof abhängen.

Das meint der städtische Fachbereichsleiter zu dem Thema

Ein viertel Jahr nach Start des Streetworker-Projekts zog Goeschel vor dem Gemeinderatsausschuss eine Zwischenbilanz. „Wir sind keine Ordnungshüter“, betonte er. Sie wollen dort aufkreuzen, wo sie als Erwachsene nicht stören, wo sie ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen. Zum Beispiel bei der Reparatur von Fahrrädern im besagten Bus, der regelmäßig am Bahnhof Stop macht. Oder beim Kochen im Jugendcafé am Gondelehafen.

Grundlagen für die Arbeit mit den jungen Leuten sind folgende Kriterien. Freiwilligkeit: Niemand muss. Vertrauensschutz: Nur mit ausdrücklicher Erlaubnis der jungen Leute. Gehstruktur: Die Betreuer treten als Gäste auf. Und die Parteilichkeit. Dazu Goeschel: „Wir sind neugierig auf die Lebenswelt und die Themen, die die jungen Menschen mitbringen.“

Wer selbst zur Integration beitragen möchte: Mitkochen

Kontakt zu 146 jungen Menschen

Einmal in Kontakt, gebe es viele Arbeitsfelder. Einzelfallhilfe, aufsuchende Arbeit, Vermittlungsgespräche mit Vermietern, mit Ämtern und der Polizei, mit der Schule oder Arbeitgebern. Ein großes Thema sei die Überschuldung. „Ich versuche, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen. Damit ein Problem nach dem anderen abgearbeitet werden kann.“ Wie er dem Ausschuss berichtete, habe er mittlerweile Kontakt zu 146 jungen Menschen, zwölf weiblich, 134 männlich. 112 von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Die meisten seien zwischen 20 und 25 Jahren.

Stadtrat und Polizeichef Günter Hornstein sagte, dass der Erfolg Ansporn sein sollte, sich weiteren Gruppen zuzuwenden. „Es gibt noch weitere Jugendliche, die genau diese Hilfe brauchen. Prävention ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Oberbürgermeister Jan Zeitler stimmte zu: „In Menschen investiertes Geld ist gutes Geld. Prävention, Prävention, Prävention.“

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