Bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik 2019 im Gemeinderat konnte Günter Hornstein lauter positive Trends verkünden. „Wir haben einen Rückgang bei nahezu allen Delikten“, führte der Leiter des Polizeireviers Überlingen, zugleich CDU-Gemeinderat, aus. Die Zahl der angezeigten Vorfälle im Land und im Bereich des Polizeipräsidiums Ravensburg sind im gleichen Zeitraum leicht gestiegen. Der Bodenseekreis verzeichnet eine Zunahme von knapp sieben Prozent. In Überlingen gab es hingegen einen Rückgang um 13 Prozent und damit den geringsten Wert im Fünfjahresvergleich.

Mehr Anzeigen wegen leichter Körperverletzungen

Die aktuellen Zahlen weisen bei den sogenannten Rohheitsdelikten einen Zuwachs auf, der sich nach Aussage von Günter Hornstein durch mehr Anzeigen von leichten Körperverletzungen ergibt. Der Polizeihauptkommissar erläuterte, dass immer mehr private und häusliche Konflikte gemeldet würden. Durch die oft namentlich bekannten Täter läge die Aufklärungsquote hier sehr hoch.

Deutlich weniger Wohnungseinbrüche

Während die Zahl der Diebstähle und vor allem die der Wohnungseinbrüche 2019 erneut deutlich zurückgingen, machen die Betrugsdelikte, trotz der leicht gesunkenen Zahlen, den Experten Sorge. „Falsche Polizeibeamte, falsche Gewinnversprechen, der Enkeltrick sowie der sorglose Umgang mit persönlichen Daten im Internet haben in den vergangenen Jahren ständig steigende Fallzahlen erbracht“, führte Hornstein aus. Präventionsmaßnahmen sowie die Berichterstattung in den Medien zeigten langsam Wirkung, dennoch sei es erschreckend, wie erfolgreich die Betrüger, insbesondere bei älteren Mitbürgern, immer noch seien.

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Delikte mit Jugendlichen minus 34 Prozent

In seinem Vortrag hob Günter Hornstein besonders die Statistik zu Delikten hervor, bei denen Jugendliche involviert waren. „Hier ist 2019 mit einem Rückgang um 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr als ein absoluter Tiefststand in der Fünfjahresbetrachtung zu verzeichnen.“ Auch die Zahl der jugendlichen, nichtdeutschen Tatverdächtigen markiere mit einem Rückgang um 50 Prozent den niedrigsten Wert in der Langzeitstatistik. Eine derart signifikante Abnahme sei kein Zufall, betonte Hornstein. „Wir haben in den letzten Jahren in Überlingen ein funktionierendes Netzwerk zur Betreuung Jugendlicher und Heranwachsender, insbesondere, aber nicht nur mit Migrationshintergrund aufgebaut.“ Dieses setze sich zusammen aus dem Sachgebiet Integration mit zahlreichen ehrenamtlichen Helfern, dem Jugendreferat, der mobilen Jugendsozialarbeit von Carlos Göschel von der Kinder- und Jugendhilfe Linzgau, der vielfältigen Schulsozialarbeit sowie den Sozialarbeitern der Diakonie und Caritas. „Wenn man bedenkt, wie die Biographie durch Erfahrungen mit der Justiz in jungen Jahren beeinträchtigt werden kann, ist es sowohl für jeden Jugendlichen als auch unsere Gesellschaft wert, dass wir diese Präventionsarbeit stärken.“

Angriffe auf Polizisten verdoppelt

Es gibt aber auch einen negativen Trend zu verzeichnen, der landesweit Sorge bereitet: Im Jahr 2019 wurden in Überlingen Polizeibeamte Opfer von insgesamt 14 tätlichen Angriffen. Das sind mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. „Wir betrachten diese Entwicklung mit Sorge, denn neben den körperlichen Folgen müssen die Kollegen diese Angriffe auch mental verarbeiten“, sagte Günter Hornstein.

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Carlos Göschel für die Mobile Jugendarbeit in Überlingen.
Carlos Göschel für die Mobile Jugendarbeit in Überlingen. | Bild: Sabine Busse

Prävention braucht Kontinuität

Seit März 2019 ist Carlos Göschel für die Mobile Jugendarbeit in Überlingen zuständig und damit Teil des Netzwerks, das Prävention betreibt. Die Stelle ist bei der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe angesiedelt und wird von der Stadt finanziert.

Wie kamen Sie anfangs mit jungen Migranten in Kontakt?

Das war für mich leicht, da ich seit acht Jahren mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen arbeite. Daher habe ich auch Kontakte zu mittlerweile volljährigen Migranten. Viele von ihnen nutzen die mobile Fahrradwerkstatt dienstags am Zentraler Omnibus-Bahnhof und kommen nicht nur für Reparaturen. Auch der vor Corona zusammen mit dem Jugendreferat einmal im Monat angebotene Mitternachtssport in der Wiestorhalle wurde gut angenommen. Ich hatte einen Somalier informiert, der fast 30 Leute zum Fußballspielen mitbrachte.

Wie läuft die Kontaktaufnahme mit Überlinger Jugendlichen?

Das war schwieriger. Ich habe die Plätze aufgesucht, wo sich Jugendliche treffen und wurde anfangs mit viel Skepsis betrachtet. Die Jugendlichen mussten erst einmal Vertrauen fassen. Seit klar ist, dass ich nicht von der Polizei bin und der Schweigepflicht unterliege, suchen immer mehr das Gespräch und sind zum Teil sehr mitteilsam.

Sie sollten im Sommer Unterstützung durch eine Streetworker-Stelle bekommen. Deren Finanzierung ist coronabedingt fraglich. Wie wichtig ist diese Ergänzung?

In der Jugendsozialarbeit sollte es immer Männer und Frauen als Ansprechpartner geben. Ich bekomme gerade immer mehr Zugang zu 14- bis 18-Jährigen, darunter viele Mädchen. Auf die könnte eine Frau anders eingehen. Außerdem komme ich langsam an meine Kapazitätsgrenzen. Daher wäre eine Erweiterung zu meinem Schwerpunkt Geflüchtete um eine Streetworkerin sehr wichtig für die Präventionsarbeit.

Wie ordnen Sie den positiven Trend in der Kriminalitätsstatistik bei Straftaten von deutschen und ausländischen Jugendlichen ein?

Das sind natürlich ermutigende Zahlen. Aber wir müssen uns darüber bewusst sein, dass Prävention langwierig ist und man immer mit Schwankungen rechnen muss. Wir müssen dranbleiben, das braucht Kontinuität!

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