Vor kurzem sei ihrem Sohn während ihrer heimischen Unterrichtskonferenz ein Pokal auf den Kopf gefallen, erzählt Grundschullehrerin Karin Latk. „Er kam mit seiner Beule kurz in mein Zimmer und ich konnte gar nicht reagieren, da mein Digitalunterricht lief.“

Ihr Sohn ging mit der Hand auf dem schmerzenden Kopf wieder aus dem Zimmer, erst nach Ende der Schalte konnte sie ihn verarzten. Die Beule blieb, im Nachhinein habe sie sich aber gedacht: „Um Himmels Willen! Dem Jungen fällt ein Pokal auf dem Kopf und ich rühre mich gar nicht.“

Dankbarkeit für Verständnis ihrer Kinder

In solchen Momenten ist die Lehrerin der Montessori-Grundschule in Überlingen-Nußdorf dankbar für dieses Verständnis ihrer Kinder im Lockdown – Momente, in denen sich ihre Rolle als Mutter und Lehrerin kaum miteinander vereinbaren lässt.

Gemeinsame Lern- und Lehrgemeinschaft: Grundschullehrerin Karin Latk   mit ihrem Sohn Ilias   in der Küche ihres Hauses.
Gemeinsame Lern- und Lehrgemeinschaft: Grundschullehrerin Karin Latk mit ihrem Sohn Ilias in der Küche ihres Hauses. | Bild: privat

Ihre 12- und neunjährigen Söhne hätten Verständnis für die Situation ihrer Mutter, sagt sie mit Dankbarkeit in der Stimme. „Aber je länger der Lockdown geht, desto schwieriger wird es auch.“

Großeltern helfen bei Kinderbetreuung im Lockdown

Seit rund einem Jahr ist Latk nicht nur Grundschullehrerin, sondern auch Mutter im Homeschooling. Ihr Mann arbeite im Lebensmittelhandel und sei daher tagsüber wenig Zuhause. Sie arbeite dafür mehrheitlich daheim und versucht – wie so viele in diesen Zeiten –, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Bei der Arbeit mit Materialien für den Matheunterricht.
Bei der Arbeit mit Materialien für den Matheunterricht. | Bild: privat

Während sie manchmal Unterrichtsmaterialien vorbereite oder korrigiert, sitzen ihre Söhne mit am Tisch und bilden eine gemeinsame Lerngemeinschaft, berichtet sie. Wie gut sie beide Rollen derzeit erfüllen könne? „Es ist schwierig“, räumt sie ein, „ich kann es nicht so gut erfüllen.“ Sie sei froh, dass ihre Eltern die Söhne regelmäßig zu sich nähmen. „Darauf war ich bislang komplett angewiesen“, sagt sie.

„Meine Kollegen und ich stehen Gewehr bei Fuß“

Während der Faschingsferien habe sie zumindest mehr Zeit für ihren Nachwuchs. Dann will sie mit ihren Kindern Lernrückstände aufholen, kündigt sie an. Doch richtige Ferienstimmung komme bei ihr nicht so recht auf. In dieser Zeit müsse sie nämlich für die Schulleitung jederzeit erreichbar sein, falls das Kultusministerium kurzfristige Änderungen beschließt. Latk: „Meine Kollegen und ich stehen Gewehr bei Fuß.“

Anfeindungen von Eltern

Doch nicht nur die Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie führt sie seit rund einem Jahr an den Rand der Überforderung, erzählt sie. Auch laden viele Eltern ihren Frust in der Pandemie auf sie ab und hätten hohe Ansprüche an den Fernunterricht, klagt Latk. Oft sei ihr vorgeschrieben worden, wie sie den Unterricht zu gestalten habe, dabei stehe manchmal auch die Bürokratie und konkrete Vorgaben im Lehrplan im Weg.

Ab Montag, 22. Februar, wird in diesem Klassenraum der Montessori-Grundschule in Überlingen-Nußdorf wieder mehr Leben herrschen: Die Landesregierung plant ab diesem Tag die Grundschulen und Grundstufen der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren wieder schrittweise für den Präsenzunterricht zu öffnen.
Ab Montag, 22. Februar, wird in diesem Klassenraum der Montessori-Grundschule in Überlingen-Nußdorf wieder mehr Leben herrschen: Die Landesregierung plant ab diesem Tag die Grundschulen und Grundstufen der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren wieder schrittweise für den Präsenzunterricht zu öffnen. | Bild: Cian Hartung

„Die Forderung war immer mehr Unterricht. Sie müssten zielgerichteter lernen, mehr Stoff.“ Doch gehe es in diesem Alter um das soziale Miteinander, die Entwicklung und die Grundlagen in den jeweiligen Fächern. „Für die Kinder ist es meiner Ansicht nach wichtig, im Alltagsrhythmus zu bleiben, der ihnen Sicherheit gibt.“ Sinnbild dafür sei, dass die meisten Kinder das gemeinsame Spielen mehr vermissten als den eigentlichen Unterricht, sagt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Doch diese Wut und Frustration abzubekommen sei einerseits verständlich, andererseits „einfach nur verletzend und schwächend“, sagt sie. Sie wünscht sich im Gespräch mit dem SÜDKURIER, dass auch andere systemrelevante Berufsgruppen wie Polizisten, Krankenschwestern oder Kassiererinnen nicht von einzelnen lauten Frustrierten persönlich verletzt werden. „Wir machen unsere Arbeit, wir tun sie gern“, sagt sie.

„Diese Menschen bewundere ich sehr“

Doch gegenüber dieser lauten Minderheit gebe es auch eine Mehrheit der Eltern, die sie und ihre Kollegen unterstützten, möchte sie hervorheben. Selbständige, Alleinerziehende oder Eltern die vor dem Nichts stehen, zählt sie auf. „Diese Menschen bewundere ich sehr“, sagt sie. „Tausend Dank an die Eltern, die mit uns durch diese Krise gehen.“

Karin Latk, Lehrerin an der Montessori-Grundschule in Überlingen-Nußdorf: „Tausend Dank an die Eltern, die mit uns durch diese Krise gehen.“
Karin Latk, Lehrerin an der Montessori-Grundschule in Überlingen-Nußdorf: „Tausend Dank an die Eltern, die mit uns durch diese Krise gehen.“ | Bild: Cian Hartung

Ihr gehe es in diesen Zeiten darum, auch ihren Schülern Vertrauen in eine gute Zukunft zu geben und Freude in der Gegenwart zu finden – ob mit digitalen Lernprogrammen oder ohne.

Vorfreude auf die Rückkehr zum Präsenzunterricht

Der Digitalunterricht wird die Grundschullehrerin und ihre Schüler vorerst weniger beschäftigen. Denn am 22. Februar kann ihre Schule mit geteiltem Unterricht wieder öffnen. „Wir sind froh, wenn wieder ein bisschen Normalität einkehrt und man die Eltern entlastet“, sagt sie.

Stand seit Mitte Dezember nicht mehr aktiv an der Tafel ihres Klassenraums: Grundschullehrerin Karin Latk.
Stand seit Mitte Dezember nicht mehr aktiv an der Tafel ihres Klassenraums: Grundschullehrerin Karin Latk. | Bild: Cian Hartung

Worauf sich die Lehrerin beim Schulstart am meisten freue? „Auf die Interaktion mit den Kindern und dass man wieder in Fleisch und Blut zusammensitzt.“ Sie kündigt an: „Wir haben schon Pläne, dass wir etwas bauen und das Zusammensein genießen. Ich denke, das ist für die Kinder der Höhepunkt.“

Das könnte Sie auch interessieren