Riesige Schlachthöfe sind derzeit immer wieder in den Medien, öfter als massive Hotspots von Corona-Infektionen in der Folge der Arbeits- und Wohnbedingungen, denen zuvor kaum jemand Beachtung geschenkt hatte. Spätestens jetzt fallen Verbrauchern die Vorzüge regionaler Einrichtungen ein. „Können wir uns da nicht glücklich schätzen?“ fragt die Überlingerin Hanne Auer, die mit Ulrich von Mühlen vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und Anneliese Schmeh von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) vor mehr als 25 Jahren die Schlachthofinitiative auf den Weg gebracht hatte.

Langer Kampf bis zur Umsetzung der Idee

Nach der Schließung der alten Einrichtung an der Zimmerwiese fanden die Initiatoren mit Fridolin Zugmantel einen engagierten Metzger als Partner, auch mehrere Kommunen brachten sich etwas zögerlich als stille Gesellschafter und Unterstützer mit ein. Die Transportwege für die Tiere möglichst kurz zu halten und die regionalen Erzeuger zu unterstützen, etwas für Bauern und lokale Metzger zu tun, das waren wichtige Argumente, um bei zahlreichen Widerständen gegen den Sog der Zentralisierung anzukämpfen, der von großen EU-Schlachthöfen ausging. Und im Hintergrund der stete Gedanke, dass kleinere Einheiten auch bei Schlachthöfen irgendwie gesünder sein müssen und alle Beteiligten nur davon profitieren könnten.

Diese Schweine harren am Vorabend ihrem Schicksal.
Diese Schweine harren am Vorabend ihrem Schicksal. | Bild: Hanspeter Walter

Umweltpreis bereits 1994 für das Konzept verliehen

Schon in den 1990-er Jahren war das Konzept mit einem europäischen Umweltpreis bedacht worden. Doch es bedurfte eines zähen Ringens, der Suche nach Unterstützern und mehrerer Umplanungen, bis aus dem lang gehegten Wunsch Wirklichkeit wurde. Im Jahr 2006 ging der Schlachthof auf den Reutehöfen in Betrieb mit etwa einem halben Dutzend Erzeugern und Metzgern und Fridolin Zugmantel als Geschäftsführer. Die spätere Erweiterung durch Matthias Minister und dessen Zerlegebetrieb machte die Nutzung rentabler. Inzwischen hat Minister die Leitung des gesamten Schlachthofs inne und bietet zweimal pro Woche einen Werksverkauf seiner Firma Fairfleisch an. Nicht erst seit den von Corona geforderten Abständen stehen die Kunden mittwochs und samstags Schlange. Diese Schlangen sind allenfalls deutlich länger und sichtbar geworden, da nur ein Kunde den kleinen Verkaufsraum betreten darf und die anderen sich – ob Sonne, ob Regen – smalltalkend draußen ohne Abstandshalter anstellen müssen.

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„Seit Jahren wiederholt sich in der Fleischbranche die Diskussion um Arbeits- und Schlachtbedingungen für Mensch und Tier“, erklärt Matthias Minister, Geschäftsführer der Schlachthof-Initiative Überlingen und Gründer der Fairfleisch GmbH, in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Auf große Empörung folge stets die Ankündigung, dass die Bedingungen zum Positiven verändert werden müssten, doch bald flaue die Debatte ab – „bis zum nächsten kleinen oder größeren Skandal.“ Nun habe das Corona-Virus auch vor den Schlachtbetrieben nicht Halt gemacht. „Die menschenunwürdige Unterbringung zehntausender Schlachthof-Mitarbeiter gilt als Auslöser der sich explosionsartig unter ihnen verbreitenden Infektion“, erklärt Minister. Wieder werde das „System der Sub(-sub-sub)-Unternehmer“ kritisiert, wieder betonten Politiker, arbeitspolitische Sprecher, Verbände und Vereinigungen, „dass die Ausbeutung der überwiegend osteuropäischen Angestellten ein Ende haben müsse.“

Ein Blick in den Zerlegebetrieb, der später hinzukam.
Ein Blick in den Zerlegebetrieb, der später hinzukam. | Bild: Hanspeter Walter

Qualität kostet mehr als Massenproduktion

Alternativen zum Billigfleisch aus „Mensch und Tier ausbeutender Massenproduktion“ gebe es längst. „Wir hören regelmäßig, dass unser Fleisch zu teuer sei“, sagt Minister. Dabei bemühe sich gerade Fairfleisch seit Jahren um die Vermittlung der Tatsache, dass Qualität eben ihren Preis habe, und habe die Initiative „30 Cent“ ins Leben gerufen. Für 30 Cent Aufpreis pro 100 Gramm, so die Botschaft, seien artgerechte Tierhaltung, regionale Schlachtung und beste Fleischqualität umsetzbar. Darüber hinaus beschäftige der Überlinger Schlachthof ausgebildete Metzger, sei selbst Ausbildungsbetrieb, und ermögliche regelmäßige Weiterbildungen, stelle die Arbeitsmittel und zahle „vernünftigen Lohn“, wie der Geschäftsführer betont.

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Veränderungen kann letztlich nur der Endverbraucher bewirken

Eine wirkliche Veränderung könne tatsächlich nur der Endverbraucher herbeiführen. Wer artgerechte und ethisch vertretbare Nutztierhaltung, hohe Qualität und menschenwürdige Produktion des Sonntagsbratens will, der müsse auch bereit sein, dafür angemessen mehr zu bezahlen. „Und 30 Cent Aufpreis pro 100 Gramm Fleisch sollten in einem der reichsten Länder der Welt möglich sein“, sagt Matthias Minister. Bis dieses Umdenken bei ausreichend vielen Konsumenten stattfinde, würden „weiterhin andere den Preis für das billige Fleisch bezahlen“.

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