Wir haben noch Sommer, es ist warm, aber wie wird das nächste Weihnachten in den Kirchen?

Bernd Walter: Es wird keinen Heiligen Abend wie bisher mit großer Feier im Münster geben. Aber die Kirche ist kreativ, und ich freue mich auf viele kleinere Krippenfeiern. Vielleicht müssen wir auch einmal eine Scheune ausräumen, wer weiß? Wir werden uns alle zusammen etwas einfallen lassen, da bin ich mir ganz sicher.

Kai Tilgner: Fantasie ist gefragt. Mit den bisherigen Abstandsregeln kriegen wir ja nur 30 Menschen in die evangelische Auferstehungskirche.

Bernd Walter: Wir können euch aushelfen mit unserer Franziskanerkirche.

Kai Tilgner: Wie man sieht, helfen wir uns gegenseitig. Die Ökumene wird hier in Überlingen ganz großgeschrieben, es ist also nicht alles schlecht an Corona.

Video: Stef Manzini

Wir sind noch in der Badesaison. Gehen die großen Kirchen mit ihren zentralen Elementen, der Messe und dem Gottesdienst, der Kommunion und dem Abendmahl, um im Bild zu bleiben, durch die Pandemie buchstäblich baden?

Kai Tilgner: Ein klares Nein. Das haben uns die vielen Klicks bei den Online-Andachten mit denen wir wesentlich mehr Menschen erreichten als üblicherweise am Wochenende gezeigt. Wir haben in meiner Zeit als Jugendpfarrer auch das Agape-Mahl schon einmal Online gefeiert. Nun überlegen wir, wie wir das Abendmahl vielleicht künftig in Form von Weintrauben und Hostien in der Kirche in kleinen Gläschen bereitstellen können.

Bernd Walter: Nein wir gehen natürlich nicht baden. Aber die Pandemie hat uns auch gezeigt, wie wichtig es für uns ist, in Gemeinschaft zusammenzustehen. Wir gehen in der Kirchenbank zu den Gläubigen, momentan dürfen 170 Menschen ins Münster, und geben die Kommunion-Gabe wortlos aus. Die Liebe Christi und das Amen haben wir davor bereits für alle gesprochen.

Video: Stef Manzini

Wie ist das mit dem digitalen Gott in der heutigen Zeit, und wird jetzt ein Impfstoff gegen das Virus wichtiger als Jesus Christus Heilsversprechen? Können wir Menschen alles selber machen, sind bald unsterblich, und brauchen die Kirchen gar nicht mehr?

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Bernd Walter: Wir wissen spätestens seit dem Untergang der Titanic, dass wir Menschen nicht alles selber machen können. Wir leben in Zeiten von Klimawandel und Sonnenstürmen. Das Leben ist endlich. Corona stellt uns auf die Nagelprobe. Was gilt es? Egoismus oder Mitmenschlichkeit? Das Virus hat uns gezeigt wie verletzlich der Mensch ist und wie filigran das Leben, aber auch worauf es ankommt. Wie wollen wir leben? Wir brauchen Gott. Wir brauchen einander. Das sollten wir nicht so schnell wieder vergessen“.

Kai Tilgner: Wir sind nicht unsterblich. Die Kirche existiert durch den Ewigkeitsgedanken. Ohne ihn keine Kirche. Denken wir an die Paradiesgeschichte im ersten Buch Mose. Wir sind nach Gottes Ebenbildlichkeit erschaffen, aber da steht nichts von Gesundheit oder ewigem Leben. Wir denken, wir brauchen nur gesund essen und uns fit zu halten, und schon werden wir uralt. Falls das klappt, danken wir Gott, falls nicht sprechen wir vom ungerechten Schicksal. So einfach ist das aber nicht. Wir alle brauchen Gott.

Bernd Walter: Auch 90-Jährige sagen doch noch am Geburtstag „Hauptsache gesund“. Ich frage jetzt, was ist, wenn die Hauptsache fehlt? Gesundheit wird in unserer Gesellschaft überbewertet. Wie auch Wolfgang Schäuble bereits sagte, es gibt kein Recht auf Gesundheit.

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Woran litten sie besonders während des Lockdowns?

Kai Tilgner: Das war schon sehr schwierig mit den Beerdigungen. Wenn man dann nur zu fünft zusammenstehen darf, und genau auswählen muss, wer darf dazukommen. Die Polizei oder das Ordnungsamt stehen unweit und kontrollieren. Das hat mir für die betroffenen Menschen schon sehr leid getan.

Bernd Walter: Ich sah im Krankenhaus bei der Krankensalbung bestimmt aus wie ein Außerirdischer, so total vermummt, das war schon merkwürdig. Die Angst vor der Pest hat im Mittelalter auch als Korrektiv auf die Menschen gewirkt. Wem soll man sich also bei Corona zuwenden? Diese Frage stellt sich.

Einen Anstieg der Gewalt in der Familie stellten die Seelsoger nicht fest

Gab es einen Anstieg von häuslicher Gewalt zum Beispiel gegen Kinder, den sie während des Lockdowns in ihrer Seelsorge beobachtet haben?

Bernd Walter und Kai Tilgner antworten gemeinsam: „Nein, nicht das dies uns bekannt wäre“.

Sorgenvoller Blick auf den kommenden Winter

Was steht uns jetzt im Herbst und Winter bevor, wenn die Infektionszahlen weiter steigen sollten, wie zu befürchten ist?

Bernd Walter: Das beobachte ich mit großer Sorge, vor allem, weil wir jetzt nicht ins Frühjahr, also ins Licht, sondern in die dunkle Jahreszeit gehen. Es gab schon Menschen, junge wie alte, die angesichts der Pandemie dachten, die Endzeit wäre angebrochen. Im geistigen Bereich kommt es jetzt wieder sehr darauf an, Halt zu geben. Das leisten die Kirchen, und Gott spendet uns Trost und gibt uns Zuversicht.

Kai Tilgner: Wir werden mit einer offenen Kirche und natürlich auch mithilfe der Technik und dem Digitalen alles tun, um möglichst unsere Gläubigen zu erreichen. Unsere Andachten hatten wir während dem Lockdown aber auch auf Wunsch brieflich zugestellt. Telefonisch sind wir persönlich ansprechbar, und werden zusammenhalten.

Bernd Walter: Die Gottesdienste im TV-Format haben sich für viele ältere Menschen bewährt, aber man kann sich schon wundern, wie viele Senioren online sind. Wir nutzen alle Möglichkeiten die wir haben, um unsere Gemeindemitglieder zu erreichen. Verbundenheit ist das Gebot der Stunde.