Die Tuningszene ist von Beobachterseite aus vor allem für eines bekannt: PS-starke Karren, grollende Motoren und knatternde riesige Auspuffrohre. Dass da weit mehr ist, als Lärmmachen und ein Tuningtreff durchaus zivilisiert über die Bühne gehen kann, wollte der 29-jährige Mateusz Ostrozny am Samstag in Überlingen unter Beweis stellen.

Er lud Tuningbegeisterte ins Industriegebiet auf den Rafi-Parkplatz ein und kooperierte für die Veranstaltung mit Polizei und Ordnungsamt. Es gibt eine strikte Einlasskontrolle, die alle 646 Fahrzeuge, die an diesem Tag auf das Gelände rollen, passieren müssen. Wer sich nicht korrekt verhält, dessen Kennzeichen wird notiert.

Mateusz Ostrozny zeigt sich nach der Veranstaltung zufrieden: „Der erste Schritt ist geschafft.“ Für die Zukunft habe er weitere Pläne, Spendenaktionen gehörten dabei fest zum Konzept.
Mateusz Ostrozny zeigt sich nach der Veranstaltung zufrieden: „Der erste Schritt ist geschafft.“ Für die Zukunft habe er weitere Pläne, Spendenaktionen gehörten dabei fest zum Konzept. | Bild: Lena Reiner

Weil der gebürtige Pole selbst noch nicht so gut Deutsch spricht, hält ein Bekannter für ihn eine kleine Ansprache. „Bitte dreht keine Stadtrunden, achtet auf die Stadt, vermeidet Stress, damit wir sowas wieder machen können und öfters machen können“, appelliert Lukas Bernardi im Namen des Veranstalters an die Vernunft der Anwesenden.

Wer Müllsäcke benötige, erhalte diese bei ihnen vom Organisationsteam. Er lädt auch zum gemeinsamen Aufräumen am kommenden Vormittag ein. „Und achtet auf den Abstand wegen Corona„, schließt er die kleine Durchsage mit dem Megaphon ab.

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Ohne die Megaphonsansage ist es erstaunlich ruhig in dem Randgebiet Überlingens Richtung Lippertsreute. Zeitweise sind die Menschen und Motoren so leise, dass man Vogelzwitschern hören kann. Überhaupt dominiert das Geräusch der Kühlanlage des kleinen Getränkestands oftmals die Geräuschkulisse. Denn ja, es ist tatsächlich die meiste Zeit so ruhig, wie sich Ostrozny das vorgestellt hat.

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Für ihn geht es dabei mehr als um seine Liebe zu seinem tiefergelegten Käfer oder den 1000 PS starken BMW: „Spendenaktionen sind Teil des Konzepts.“ An dem sonnigen Samstagnachmittag werden so ganz nebenbei mehr als 1200 Euro gesammelt, die in Futter für das Überlinger Tierheim investiert werden sollen. Außerdem kommt ein ganzer Anhänger mit Kleiderspenden zusammen. „Ein Kollege kennt eine Organisation für Obdachlose. Die werden die Kleidung verteilen“, erläutert Ostrozny.

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Spenden und Tuning, das gehört auch für die 22-jährige Antonia Kreßner zusammen, die vor Kurzem aus Ettenkirch nach Salem gezogen ist. Sie ist mit ihrem auffallend bunten Bike hier, zu dem eine ebenso bunte Spendendose gehört. „Das hat mit ein bisschen angefangen, mit solchen Kleinigkeiten, und wurde immer mehr“, schildert sie mit Blick auf ihr gemustertes Fahrzeug. Der Zusammenhang zwischen Motorradfahren und der Spendenaktion sei persönlich.

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„Ich hatte eine Freundin, die auch Motorradfahren wollte. Sie durfte noch nicht, weil sie erst 15 war“, schildert sie. Diese Freundin sei dann an Krebs erkrankt. „Und dann ist sie auf einmal verstorben. Es hieß erst, es gehe ihr besser und dann war sie auf einmal tot.“

Sie macht eine kleine Pause, bevor sie fortfährt: „Das brachte mich zum Nachdenken, wie schnell das gehen kann.“ Man sage ja, dass man im Schlaf den Tag verarbeite. Sie habe nach diesem Ereignis geträumt, dass sie mit ihrer Freundin auf Motorrädern in bunter Kleidung Spenden für krebskranke Kinder gesammelt habe.

Die 22-jährige Antonia Kreßner mit ihrem Bike. Der frühe Krebstod einer Freundin animierte sie dazu, bei Bikertreffen Geld für krebskranke Kinder zu sammeln.
Die 22-jährige Antonia Kreßner mit ihrem Bike. Der frühe Krebstod einer Freundin animierte sie dazu, bei Bikertreffen Geld für krebskranke Kinder zu sammeln. | Bild: Lena Reiner

So sei die Idee für Bikers vs. Cancer entstanden. Inzwischen gibt es die Aktion bundesweit: Einmal im Jahr finden zeitgleich im ganzen Land Veranstaltungen statt, an denen Biker zusammenkommen, Spaß haben und im Anschluss in kleinen Gruppen und bunter Kleidung durch die Städte ziehen und Spenden sammeln. „Nur in diesem Jahr konnte es wegen Corona nicht stattfinden.“

Immerhin der Verkauf von Hoodies und Shirts über den Onlineshop laufe weiter, auch hier wird ein Teil des Geldes direkt gespendet: „3000 Euro kamen da im letzten Jahr zusammen.“ Die Spenden gehen dabei auf ein Spendenkonto der Stiftung der Deutschen Kinderkrebshilfe. Für die Zukunft sei ein eigener Verein geplant, aber ein konkretes Datum dafür steht noch nicht: „Ich habe das ja alles alleine mit Freunden aufgebaut.“

Familie Brecht aus Salem ist mit Kindern und Hund beim Tuningtreffen dabei. Die Tuningleidenschaft gab es schon vor dem Nachwuchs.
Familie Brecht aus Salem ist mit Kindern und Hund beim Tuningtreffen dabei. Die Tuningleidenschaft gab es schon vor dem Nachwuchs. | Bild: Lena Reiner

Ebenfalls aus Salem kommt Familie Brecht. „Wir sind Autoverrückte und wann ist es schon mal so, dass man so etwas ums Eck hat“, erklärt Claudia Brecht. Daher sei sofort klar gewesen, dass sie hingehen würden. Es sei außerdem toll, dass angesagt worden sei, dass die Veranstaltung zivilisiert ablaufen solle: „Da wussten wir, dass wir mit Kindern herkommen konnten.“

Die Leidenschaft habe es schon vor den Kindern gegeben, inzwischen habe sich diese auf alle übertragen. „Wir haben das im Blut“, sagt sie lachend. So sind sie auch mit dem Familienauto hier und außerdem dem kleineren sportlicheren ihres Mannes.

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Bisher sei die Veranstaltung so wie angekündigt: zivilisiert mit netten Leuten. Außerdem sei ordentlich was los und es gebe ordentlich was zu sehen. „Es ist wichtig, dass es auch solche Events gibt, die zeigen, dass es anders geht. Denn die Tuningszene ist in den letzten Jahren doch sehr in Verruf geraten.“

Häufig handle es sich um Einzelne, die über die Stränge schlügen, die Konsequenzen müssten dann allerdings alle von ihnen tragen. Sie betont: „Es sind doch alle erwachsen, haben alle einen Führerschein. Da sollte man doch wissen, wie man sich vernünftig verhält.“

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Manuele Rullo aus der Nähe von Pfullendorf unterstützt „Matze“ Mateusz Ostrozny bei der Organisation der Veranstaltung. Er selbst begeistert sich seit seinem 16. Lebensjahr für Autos: „Das ist ein Lifestyle, den man einfach lebt.“ Wie viele Stunden er monatlich ins Tuning investiere, könne er allerdings nicht sagen. „Das ist mal ein ganzes Wochenende, das draufgeht, manchmal ein ganzer Monat, manchmal aber auch gar nichts im Monat.“

Raser, die auffallen wollen, schädigen ganze Szene

Ihn störe besonders, dass einzelne Raser, die ihre Autos vor allem dafür umbauten, aufzufallen und laut zu sein, den Ruf der ganzen Szene schädigten. „Die verstehen nicht, dass sich das auf alle auswirkt“, kommentiert er. Für ihn persönlich gehe es beim Tunen vor allem darum, sein Auto für sich so zu gestalten, wie es ihm gut gefalle.

Eliana Hoorn an ihrem BMW M2. Das Fahrzeug ist ihr Hobby.
Eliana Hoorn an ihrem BMW M2. Das Fahrzeug ist ihr Hobby. | Bild: Lena Reiner

Eliana Hoorn gibt offen zu: „Manchmal hat man selbst auch so seine fünf Minuten. Meine Auspuffanlage hat 8000 Euro gekostet, die möchte ich auch schon mal hören.“ Allerdings erlebe sie selbst in Friedrichshafen, wie dort „manche Verrückten“ herumfahren würden.

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Sie verstehe, dass sich die Anwohner davon gestört fühlen: „Man muss einfach keine fünf Runden durch die Innenstadt drehen.“ Die Leidenschaft für Autos und das Tüfteln an ihnen habe sie ihre ganze Kindheit lang begleitet: „Mein Vater hat mich immer mitgenommen. Weil er das nicht mehr machen kann, setze ich seine Leidenschaft jetzt fort.“

20-Jährige entscheidet sich für Auto statt Party

Das ausgefallene Hobby habe einen entscheidenden Vorteil: Es sei immer klar gewesen, dass sie sich von Alkohol fernhalte. Auch jetzt mache sich ihre Mutter keine Sorgen, wenn sie allein losziehe. „Sie weiß ganz genau: Ich stehe hier, ich mache nichts, ich komme nicht irgendwann betrunken heim“, erklärt die 20-Jährige.

Sie habe vor zwei Jahren das letzte Mal etwas getrunken: „Ich habe meine Prioritäten jetzt einfach gesetzt und meine Priorität ist mein Auto.“ Sie habe hier unter Gleichgesinnten am meisten Spaß, unter Menschen, die mit Autos zu tun haben. Da müsse man nicht erklären, wieso man nichts trinke.

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Für den M2, den sie fahre, sei ihr vor allem wichtig, dass er so aussehe wie kein anderer. Die Farbe sei da ein Faktor und: „Ich kenne keinen M2, der so viel Carbon hat wie meiner.“ Eine Verwechslungsgefahr auf der Straße sei damit ausgeschlossen. Auch der Aufkleber „Dat Ass„ gehöre fest zu ihrem Fahrzeug dazu, auch wenn manche ihr schon gesagt hätten, dass der nicht gut aussehe.

„Es ist aber mein Auto und muss mir gefallen“, kommentiert sie schulterzuckend. Immerhin einen Spitznamen habe ihr Auto dadurch bekommen. Die meisten würden einfach nur von „Dat Ass„ sprechen, wenn sie ihren BMW meinten.

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An dem sonnigen Samstag hat sie außerdem ganze 200 Lollis im Gepäck. Die waren eigentlich für die Einweihungsparty ihrer neuen Wohnung gedacht. Doch leider wurde die Zusage kurzfristig wegen ihres Hundes zurückgezogen. Immerhin kann sie nun so Veranstaltungsteilnehmern eine kleine Freude bereiten.

Kathrin Anders und ihre beiden Söhne gehören zu den Besuchern an diesem Tag.
Kathrin Anders und ihre beiden Söhne gehören zu den Besuchern an diesem Tag. | Bild: Lena Reiner

Die beiden Söhne von Kathrin Anders gehören zu den jüngeren Besuchern, die sich über das überraschende Süßigkeitenangebot freuen.

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Auch sonst sind ganze Familien zu sehen, auch die Altersmischung ist gegeben, die sich Mateusz Ostrozny für seine Veranstaltung erhofft hat: „Ich hoffe, dass noch mehr ältere Menschen beim nächsten Mal kommen.“

Er selbst sei schon zu Oldtimerveranstaltungen mit seinem tiefergelegten Käfer gefahren. Dort sei er der jüngste gewesen. Sein Ziel seien Veranstaltungen für alle Altersgruppen gemeinsam: „So kenne ich das von uns in Polen.“

Bild: Lena Reiner

Ein Paar aus der besagten Altersgruppe – beide möchten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen – sind mit „ganz normalen Motorrädern„ hergekommen und möchten einfach ein bisschen schauen, was für Fahrzeuge es hier gibt: „Wir hatten sowieso vor, eine Ausfahrt zu machen und so hatten wir direkt ein Ziel.“

Überhaupt füllt sich der benachbarte Parkplatz zeitweise mit völlig unaufgemotzten Autos. Die Veranstaltung lockt Neugierige in das Industriegebiet. Ist der Plan also aufgegangen? Das Zwischenfazit des Veranstalters lässt es jedenfalls vermuten. Das offizielle Fazit der Polizei folgt am Montag.

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