Das Thermometer hat die 30 Grad geknackt, die Sonne scheint und das Bodenseeufer in der Gemeinde Sipplingen ist gut besucht. Es ist noch vor 11 Uhr, ab 11 Uhr herrscht hier Baden verboten. Zum Schutz vor Corona, wie es die Gemeinde bestimmte.

Ulrike und Hartmut Essig haben es sich mit ihrem Hund im Schatten gemütlich gemacht und genießen Sonne und Seeblick, solange sie noch dürfen: „Wir wurden von dem Verbot nicht überrascht. Wir haben uns vorab informiert.“ In einer knappen Viertelstunde wird nämlich das Betretungsverbot des Uferbereichs beginnen und bis 17 Uhr abends andauern. So lautet die aktuelle Regelung als Reaktion auf die Nichteinhaltung der Abstandsregeln zum Infektionsschutz.

Halbzwölf: Eigentlich sollte der Sipplinger Uferbereich inzwischen verlassen sein.
Halbzwölf: Eigentlich sollte der Sipplinger Uferbereich inzwischen verlassen sein. | Bild: Lena Reiner

Heike Sturm sitzt auf ihrem Handtuch am Wasser. Sie wohnt direkt in Sipplingen und kann auf ihrem Stand-up-Paddle zum Strand kommen. Jeden Tag geht sie hier schwimmen und versteht das Betretungsverbot am Wochenende nicht: „Die letzten Tage war das eigentlich okay. Es gab eine Zeit vor drei, vier Wochen, da war das wirklich zu eng und voll. Da wurde der Abstand auch nicht eingehalten.“ Sie hätte sich eine andere Lösung gewünscht, eine, bei der Anwohner eine Art Karte bekommen hätten, um den Uferbereich auch tagsüber am Wochenende weiter nutzen zu können.

Heike Sturm lebt seit 18 Jahren in Sipplingen: „Ich finde, das hätte man auch anders lösen können.“
Heike Sturm lebt seit 18 Jahren in Sipplingen: „Ich finde, das hätte man auch anders lösen können.“ | Bild: Lena Reiner

Im kleinen Naturstrandbad nebenan packt eine junge Mutter gerade die Spielsachen ihrer Kinder zusammen. Sie meint: „Wir hatten sowieso nur vor, vormittags baden zu gehen. Das Wetter soll ja später schlechter werden.“ Jetzt hätten sie zwar nur eine Stunde Badezeit gehabt, die sei aber schön gewesen.

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Eine andere Besucherin, die das Gespräch hört, reagiert überrascht: „Wir müssen jetzt gehen?“ Andere Badegäste beherrschen die deutsche Sprache nicht und können daher weder die Aushänge verstehen (das Piktogramm zum Betretungsverbot ist zwar riesig, die Uhrzeiten dazu finden sich allerdings im Fließtext der Allgemeinverfügung). Hilfreiche Nachbarn helfen bei der Erklärung.

Beim teilweise recht spontanen Aufbruch sind ein paar Sandelsachen zurückgeblieben.
Beim teilweise recht spontanen Aufbruch sind ein paar Sandelsachen zurückgeblieben. | Bild: Lena Reiner

Sevdail Igrizi überlegt, ob er den Strand verlassen oder einfach abwarten soll, ob er überhaupt weggeschickt wird. Er ärgert sich über die Regelung: „Wir haben uns eigentlich gesagt, dass wir wegen Corona die 3000 bis 4000 Euro, die wir sonst im Auslandsurlaub ausgeben, dieses Jahr hier ausgeben.“ Nun frage er sich, wie das gehen solle, wenn einem hier alles verboten werde: „Das ist doch wie in einer Diktatur. Das hätte ich in Deutschland nie erwartet.“ Der Tuttlinger ist erst an diesem Tag mit seiner Familie nach Sipplingen gefahren, um dort baden zu gehen. Nach kurzer Beratung beschließt die Familie dann, es weiter westwärts in Bodman zu versuchen.

Doch nicht alle akzeptieren, dass die Zeitspanne des Verbots nun beginnt. Ein Paar mit Badesachen kommt kurz nach Halbzwölf zum Strand, studiert ausführlich die Aushänge zum Betretungsverbot und beschließt dann, dennoch das Gelände zu betreten.

Bild: Lena Reiner

Sina Kanicek und Stefanie Gerstner vom Gemeindevollzugsdienst haben alle Hände voll zu tun. Gegen halb Zwölf sind auch sie am Naturstrand angekommen. „Wir kommen nur langsam voran“, erklären sie, „denn während wir die einen wegschicken, kommen hinter uns wieder neue Badegäste ans Ufer und machen es sich gemütlich.“

Ohne persönliche Ansprache leert sich der in Sipplingen zwischen 11 und 17 Uhr gesperrte Uferbereich nicht.
Ohne persönliche Ansprache leert sich der in Sipplingen zwischen 11 und 17 Uhr gesperrte Uferbereich nicht. | Bild: Lena Reiner

Viele ärgerten sich darüber, ein Parkticket für den ganzen Tag gelöst zu haben: „Dabei hängt der Hinweis auch an den Parkscheinautomaten.“

Manche ärgern sich über die umsonst gelösten Parktickets in Sipplingen. Dabei war das Betretungsverbot auch über den Parkscheinautomaten unübersehbar angebracht.
Manche ärgern sich über die umsonst gelösten Parktickets in Sipplingen. Dabei war das Betretungsverbot auch über den Parkscheinautomaten unübersehbar angebracht. | Bild: Lena Reiner

Es gäbe allerdings auch Gäste, die von dem Verbot grundsätzlich wussten, aber es für ein reines Badeverbot hielten: „Es ist allerdings ein Betretungsverbot; das gilt auch für die Spielplätze hier.“

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In Bodman-Ludwigshafen spielen sich etwa zeitgleich ähnliche Szenen ab: mit dem Unterschied, dass das Verbot hier bereits um 10 Uhr beginnt und der natürliche Seezugang am Waschplatz vom Lager- und Badeverbot ausgenommen sind.

Banner auf Zäunen wie dieses am Eingang des Schlössleparks in Ludwigshafen weisen auf das geltende Lager- und Badeverbot hin.
Banner auf Zäunen wie dieses am Eingang des Schlössleparks in Ludwigshafen weisen auf das geltende Lager- und Badeverbot hin. | Bild: Löffler, Ramona

Andreas Eppler vom Gemeindevollzugsdienst erklärt: „Da das Wetter nicht so gut ist, hielt sich der Andrang insgeamt in Grenzen.“ Am Morgen habe es ein paar Diskussionen gegeben, da Menschen in den Uferanlagen „lagerten“, also dort Stühle oder Windsegel aufbauten. „Dabei gilt hier eigentlich immer die Polizeiverordnung“, kommentiert er. Die erlaube zwar das Baden, aber nicht das Lagern. Das bedeutet: „Man darf schwimmen gehen, sich abtrocknen, umziehen. Sonnensegel, Schirme, Stühle: das alles ist nie erlaubt.“ Das sei allerdings nicht neu und gelte auch ganz ohne Pandemie. Daran erinnern hätten sie dennoch müssen.

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Als dann die Ufersperrung um 10 Uhr in Kraft getreten sei, hätten sie zunächst einen Rundgang gemacht: „Von allein hätte sich der Bereich nicht geleert.“ Manche Personen hätten sich dann sogar trotz persönlicher Ansprache geweigert, zu gehen: „Da hat dann die Bereitschaftspolizei übernommen, die uns heute unterstützt hat.“

Nebenan am Waschplatz, an dem das Baden weiterhin erlaubt sei, sei währenddessen „die Hölle los“ gewesen.

Der Waschplatz am Ortseingang von Ludwigshafen aus Richtung Espasingen ist vom Lager- und Badeverbot ausgenommen. Am Samstagmittag war der Bereich sehr voll. Abstandvorschriften gelten aber eigentlich überall.
Der Waschplatz am Ortseingang von Ludwigshafen aus Richtung Espasingen ist vom Lager- und Badeverbot ausgenommen. Am Samstagmittag war der Bereich sehr voll. Abstandvorschriften gelten aber eigentlich überall. | Bild: Löffler, Ramona

Wer hier keinen Platz mehr gefunden hat oder aus Sipplingens Uferbereich weggeschickt wurde, schaut sich nach Alternativen um. Auch die Busfahrerin der Linie 100 wird über die Bademöglichkeiten in Überlingen ausgefragt. Auf Höhe des Strandbades West fährt sie besonders langsam, weil unterwegs der Handyempfang nicht ausreichend war, um die Onlinereservierung aufzurufen, und erklärt: „Wenn es voll ist, steht normalerweise ein Schild draußen.“ Von der nächsten Haltestelle seien es etwa 100 Meter zurück zum Bad, sie rate ihren Fahrgästen daher immer, erst einmal kurz sitzen zu bleiben, um zu sehen, ob sich der Ausstieg überhaupt lohne.

Westbad seit Tagen ausgebucht

Das Westbad jedenfalls ist voll, die Onlinetickets für diesen Tag waren bereits zwei Tage zuvor komplett ausverkauft. Das erklärt ein Mitarbeiter telefonisch. „Es wird mehr nach freien Plätzen gefragt als sonst“, erklärt er weiter. Das gesamte Wochenende sei inzwischen ausgebucht. Doch man merke auch jetzt noch telefonisch eine Zunahme der Nachfragen nach Badeplätzen.

Bild: Lena Reiner

Uwe Gericke, Bademeister im Nußdorfer Strandbad, kommentiert: „Mir war klar, dass es bei uns voll werden würde wegen der Sperrung in Sipplingen.“ Bereits am Vortag, dem Freitag, habe er kurzzeitig die Eingangstür des Bades wegen Erreichens der Kapazitätsgrenze schließen müssen. Am Samstag sei es nochmals deutlich voller. „Ich habe um 14 Uhr persönlich vorn abgeschlossen. Jetzt können Sie sich vorstellen, welche Diskussionen ich seit drei Stunden führen muss“, schildert er.

Gedränge in Nußdorf am freien Seezugang

Beschimpft hätten ihn manche Badegäste sogar, sagte Gericke, weil sie nicht nach drinnen durften. „Da bin ich strikt“, kommentiert er. Mit den Beschimpfungen könne er leben, die Einhaltung der Hygieneschutzmaßnahmen sei ihm wichtiger. Mit Sorge beobachte er hingegen das Geschehen am freien Strandabschnitt in Nußdorf: „Da stapeln sich die Leute regelrecht und es wird kein Abstand eingehalten.“

Dass Überlingen gut besucht ist – auch wenn es entlang der Promenade bei den Restaurants und eher Läden nur mäßig voll ist – zeigen auch die Parkhausanzeigen. Hier das Besetzt-Zeichen am Parkhaus Post.
Dass Überlingen gut besucht ist – auch wenn es entlang der Promenade bei den Restaurants und eher Läden nur mäßig voll ist – zeigen auch die Parkhausanzeigen. Hier das Besetzt-Zeichen am Parkhaus Post. | Bild: Lena Reiner

Auch das Überlinger Ostbad kam an seine Kapazitätsgrenzen. Das berichten Badegäste, die stattdessen in der Nähe des Minigolfplatzes ins Wasser gingen, obwohl es dort eher steinig und nicht sonderlich gemütlich ist. Auch in Überlingen ist außerhalb der Strandbäder das Lagern offiziell verboten, lediglich das Baden ist erlaubt.

Liegeplatz auf Steinen: Kurz nach 13 Uhr in Überlingen: Die Strandbäder sind voll und so wird entlang des Ufers gebadet.
Liegeplatz auf Steinen: Kurz nach 13 Uhr in Überlingen: Die Strandbäder sind voll und so wird entlang des Ufers gebadet. | Bild: Lena Reiner

Regina Kauws ist gerade aus dem Wasser geklettert und macht eine kurze Pause vom Schwimmen. Auch wenn sich hier in der Nähe des Minigolfplatzes Handtuch an Handtuch reiht und es keinerlei Liegeflächen gibt, gefällt ihr die Stelle. „Ich bin jetzt seit einer Woche hier in Überlingen und mache Urlaub.“ Jeden Tag sei sie seitdem zum Schwimmen gegangen; die ersten vier Tage ins Ostbad: „Da wurde es mittags immer sehr voll. Durch den Ferienbeginn sind es jetzt vermutlich noch mehr Leute.“ So habe sie sich als Alternative von der Vermieterin ihrer Ferienwohnung etwas empfehlen lassen. „Hier ist es deutlich entspannter“, kommentiert sie das Geschehen außerhalb der offiziellen Bäder.

Kurz nach 13 Uhr in Überlingen: Die Strandbäder sind voll und so wird entlang des Ufers gebadet.
Kurz nach 13 Uhr in Überlingen: Die Strandbäder sind voll und so wird entlang des Ufers gebadet. | Bild: Lena Reiner