Die Überlinger können sich in den kommenden Jahren auf mehr sympathischen Waldrapp-Nachwuchs freuen als bisher angenommen. Denn nicht nur eine weitere Handaufzucht steht in diesem Jahr in Hödingen auf dem Programm und die Vögel, die 2017 dort aufgezogen wurden, kehren spätestens 2020 aus dem Winterquartier in der Toskana zurück: Auch im Jahr 2020 will das Waldrappteam rund um Leiter Johannes Fritz etwa 30 Waldrappe in Überlingen aufziehen. Wie der Experte erklärt, werde die Handaufzucht für sich an das Gelände der Landesgartenschau angebunden. Die Details der Unterbringung müssten noch geklärt werden. Spätestens für die Trainingsphase siedeln die Vögel mit ihren Ziehmüttern aber in das weitere Umfeld über. Wahrscheinlich in die Nähe eines Flughafens, so Fritz.

In der Toskana haben sich die Hödinger Waldrappe bereits in die Gruppe integriert. Zur Überwachung ihrer Flüge tragen sie Sender.
In der Toskana haben sich die Hödinger Waldrappe bereits in die Gruppe integriert. Zur Überwachung ihrer Flüge tragen sie Sender. | Bild: Waldrappteam

Die Jungvögel und die Bruten des 2017er-Jahrgangs im Felsen oberhalb des Landesgartenschaugeländes sollen sich nämlich nicht in die Quere kommen. Für die Rückkehr der ersten Hödinger Waldrappe laufen bereits einige Vorbereitungen. "Wir hatten eine Begehung am Felsen und haben Strukturen und Nischen ausgesucht, wo die ersten Bruten untergebracht werden könnten", berichtet Fritz. Für die erste Zeit wird in der Nähe der Gletschermühle – vorbehaltlich des Genehmigungsverfahrens – eine Voliere mit einer künstlichen Felsstruktur gebaut. Dort sollen die Waldrappe nach ihrer Rückkehr brüten und die Küken schlüpfen. "Wenn sie geschlüpft sind, werden sie mit ihren Eltern in den natürlichen Fels transferiert", sagt Fritz. Die Wissenschaftler wollen den Vögeln letztlich dabei helfen, die vorhandenen Brutstrukturen zu nutzen.

Im Winterquartier zählt das Waldrappteam derzeit noch 23 von anfänglich 31 Hödinger Waldrappen. Ein Waldrapp ist schon bei der Migration über die Alpen gestorben. Der Vogel hatte spitzes Metall verschluckt und konnte nicht mehr gerettet werden. Ein weiteres Tier hatte sich ein Bein gebrochen, musste gepflegt werden und "ist auf dem Weg der Besserung", so Fritz. Nach und nach wurden die Waldrappe aus einer Voliere in kleinen Gruppen in das Schutzgebiet entlassen. Sieben Vögel aus Hödingen fehlen seit einigen Monaten. Sichtbar wird dies im Monitoring, das zwei Mitarbeiter vor Ort betreuen. "Nach der letzten Freilassung im Oktober ist eine Gruppe von zehn Tieren abgeflogen", sagt der Team-Leiter. Die unerfahrenen Jungtiere hatten noch Zugmotivation. Drei der Waldrappe wurden auf den liparischen Inseln nördlich von Sizilien lokalisiert. 500 Kilometer waren sie über das offene Mehr dorthin geflogen. Zwei von ihnen konnten eingefangen werden.

Wegen seines eher exzentrischen Aussehens wird der Waldrapp gerne auch mal als der „Punk unter den Vögeln“ bezeichnet.
Wegen seines eher exzentrischen Aussehens wird der Waldrapp gerne auch mal als der „Punk unter den Vögeln“ bezeichnet. | Bild: Waldrappteam

Fritz geht nun davon aus, dass mehr als nur drei Waldrappe auf dem Weg zu den Inseln waren. Die GPS-Sender der fehlenden Tiere haben aufgehört, Standortinformationen zu übermitteln. "Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering, dass sie noch leben", sagt der Biologe. Ähnliches Verhalten war auch schon in den Vorjahren zu beobachten. Betroffen sind ausschließlich handaufgezogene Waldrappe. Ihnen fehlt das Signal, dass sie im Winterquartier angekommen sind und nicht mehr weiterziehen müssen. In den Folgegenerationen, die von Waldrappen versorgt wurden, tritt dieses Phänomen nicht mehr auf. 30 Prozent der jungen Vögel überleben bis zur Geschlechtsreife.

Bei Weißstörchen gehen Fritz zufolge alleine im ersten Lebensjahr bis zu 70 Prozent verloren. Die Hödinger Waldrappe erreichen die Geschlechtsreife im Jahr 2020. Pünktlich zur Landesgartenschau. Das war nicht geplant, sondern hat sich so ergeben, versichert Fritz lachend. Im Winterquartier gehe es den Waldrappen soweit gut. Im April oder Mai 2020 erwartet der Experte die Tiere definitiv zurück. Der ein oder andere Vogel könnte sich schon 2018 oder 2019 über die Alpen wagen. "Das sind super individuelle Vögel", sagt Fritz.

Mit Leichtfluggeräten wurden die Waldrappe aus der Bodensee-Region über die Alpen geleitet.
Mit Leichtfluggeräten wurden die Waldrappe aus der Bodensee-Region über die Alpen geleitet. | Bild: Waldrappteam

Bereits Mitte Mai dieses Jahres wird das Waldrappteam mit circa 30 Küken sowie den Ziehmüttern Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer nach Hödingen reisen. Der Rückkehr geht laut Fritz ein Aufenthalt im Tiergarten Schönbrunn bei Wien ab Anfang April voraus. Die Küken stammen vornehmlich aus österreichischen Haltungen, wo die Vögel unter relativ natürlichen Bedingungen bei ihren Eltern schlüpfen. Im Alter von drei bis acht Tagen werden die Küken aus den Nestern geholt. "In der Regel lassen wir ein Küken im Nest", erklärt Team-Leiter Fritz. Bei Waldrappen, die an den Menschen gewöhnt sind, funktionieren derlei Manipulationen, wie Fritz das Wegholen nennt, gut. In Wildkolonien wäre dies unmöglich: "Das könnte zum Abbruch der Bruten führen." Insbesondere die von Hand aufgezogenen Waldrappe sind den Menschen gegenüber tolerant. "Man kann erstaunlich viel mit ihnen machen, wenn man es auf die richtige Art und Weise macht", so Fritz. Die Generation, die 2020 von den Waldrappen des Jahrgangs 2017 im Felsen oberhalb des Landesgartenschaugeländes aufgezogen werden soll, wird dies wohl nicht mehr sein, womit die Wissenschaftler einem ihrer Ziele näher kommen: einer natürlichen Population in Überlingen.

Anne-Gabriela Schmalstieg (links) und Corinna Esterer vom Waldrappteam bei der Aufzucht und Auswilderung der Waldrappe im Jahr 2017.
Anne-Gabriela Schmalstieg (links) und Corinna Esterer vom Waldrappteam bei der Aufzucht und Auswilderung der Waldrappe im Jahr 2017. | Bild: Stefan Hilser

 

Der Plan einer Wiederansiedlung in Überlingen

  • Der Waldrapp gehört zu den Ibisvögeln und erreicht ausgewachsen ein Körpergewicht von rund eineinhalb Kilogramm. Seine Flügelspannweite kann bis zu 1,25 Meter betragen, seine Körperlänge mehr als 70 Zentimeter, inklusive Schwanzfedern. Der Waldrapp hat ein schwarzes, grün-violett glänzendes Gefieder. Typisch sind auch die roten Beine und der nach unten gebogene Schnabel, mit dem der Vogel im Boden nach Regenwürmern und Insektenlarven stochert. Waldrappe leben in Gruppe, wobei nur noch eine größere natürliche Kolonie in einem Nationalpark in Marokko existiert. Früher war der Vogel in Mitteleuropa – zum Beispiel in Überlingen – und an der Mittelmeerküste heimisch, wurde aber so stark bejagt, dass er als Zugvogel als ausgestorben gilt.
  • Das Projekt: Das Waldrappteam möchte mit seinem Projekt "Reasonfor Hope" (Grund zur Hoffnung) die Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa vorantreiben. Die Waldrappe werden aufgezogen und von den Menschen beim Zug über die Alpen begleitet. Ziel ist es, dass sie im Frühjahr in ihre jeweilige Kolonie zurückkehren und brüten. Die Waldrappe sind mit GPS-Sendern ausgestattet. Über eine AnimalTracking App können Interessierte ihren Weg per Handy verfolgen. Die Europäische Union fördert das Artenschutzprojekt über ihr "LIFE+ Programm". Derzeit bereitet das Walrappteam einen zweiten Antrag für die Zeit ab Anfang 2020 vor. Projektstandorte sind bisher die Brutgebiete Burghausen (Bayern) und Kuchl (Österreich), das Trainingscamp in Überlingen sowie das Wintergebiet in der Toskana.
  • Der Vogel der Herzen: Der Waldrapp wurde jetzt von der Liga Vogelschutz, einer Gruppe, die sich für die Förderung des Vogelschutzes und den Erhalt artenreicher Lebensräume einsetzt, zum "Vogel der Herzen 2018" gekürt. Auf der Internetplattform www.liga-vogelschutz.org werden Projekte rund um den Vogelschutz sowie Initiativen und Projektträger vorgestellt. "Das passt gut", sagt Johannes Fritz, Leiter des Waldrappteams, über die Auszeichnung. Im Überlinger Teilort Hödingen sind den Waldrappen die Herzen bei der Handaufzucht 2017 nur so zugeflogen. 2500 Besucher seien von Juni bis Anfang August ins Trainingscamp gekommen. "Ohne, dass wir das irgendwie beworben hätten", so Fritz.