Martin Walser sitzt am Vorabend seines 91. Geburtstags in der Städtischen Galerie "Fauler Pelz" Auge in Auge mit Salvador Dalí. Der große Schriftsteller, begleitet von Ehefrau Käthe und Tochter Johanna, ist leibhaftig anwesend, der 1989 verstorbene Surrealist höchstens im Geiste sowie in Gestalt einer Puppe, die die ihm gewidmete Ausstellung dekoriert. Diesen außergewöhnlichen Rahmen wählte der Konstanzer Südverlag für die Vorstellung des Buchs "Der erste unserer Sprachmenschen – Neue Einsichten zum Werk von Martin Walser", herausgegeben von den Kulturjournalisten Wolfgang Herles und Siegmund Kopitzki.

Buch-Herausgeber im Gespräch: Siegmund Kopitzki (links) und Wolfgang Herles. Bild: Sylvia Floetemeyer
Buch-Herausgeber im Gespräch: Siegmund Kopitzki (links) und Wolfgang Herles. Bild: Sylvia Floetemeyer

Unter den rund 100 Besuchern der Buchpräsentation sind auch der Schriftsteller Arnold Stadler und die Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann, beide seit vielen Jahren mit Walser befreundet. Stadler wird später – mit ausgeliehener Lesebrille, weil er seine vergessen hat – hinreißend und mit Herzblut den Aufsatz vorlesen, den er Walser zum 90. widmete und dem das Zitat im Buchtitel entstammt.

Prominente Besucher: Arnold Stadler, der seinen buchtitelgebenden Aufsatz über Walser vorlas, und Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann. Bild: Sylvia Floetemeyer
Prominente Besucher: Arnold Stadler, der seinen buchtitelgebenden Aufsatz über Walser vorlas, und Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann. Bild: Sylvia Floetemeyer

Doch die ersten Worte des Abends gebühren dem Verlagsleiter, Walter Engstle. Er gibt einen kurzen Überblick über die beeindruckende Geschichte des Verlags, dessen Motto lautet: "Wir bringen Kultur ins Buch". Wieviel Kultur im Walser-Band steckt, verdeutlicht dessen Laudatorin, die Freiburger Kulturjournalistin Bettina Schulte: Sechs hochkarätige Literaturexperten, die Schulte einzeln würdigt, haben dazu beigetragen, darunter der preisgekrönte Autor Stadler – alles Männer. Und das ist auch Schultes einziger Kritikpunkt: "Wo sind die Walser-Kennerinnen?"

Laudtorin Bettina Schulte, Kulturjournalistin aus Freiburg. Bild: Sylvia Floetemeyer
Laudtorin Bettina Schulte, Kulturjournalistin aus Freiburg. Bild: Sylvia Floetemeyer

Schulte sagt, ihr sei bei der Lektüre des Bandes "deutlicher als je zuvor klar geworden: Walser gehört hierhin, in diese Landschaft", die er zeitlebens kaum verlassen habe. Es scheine einen "osmotischen Austausch" zwischen Walser und dem Bodensee zu geben. "Er ist der Walser-See". Die dem See zugeschriebenen Eigenschaften, wie "wechselnd" und "unergründlich", könnten laut Schulte fast auch eine Charakterisierung Walsers sein. Kurz: "Walser ist wie der Bodensee", geboren an seinen Ufern, aufgewachsen im alemannischen Dialekt.

"Eine Muttersprache, die heute fast schon zum Eingeborenenidiom geworden ist", wie Mit-Alemanne Arnold Stadler hervorhebt. "Aus dem See, vordem ein Zentrum, wurde eine Grenzregion. Aber nicht in der Sprache. Martin Walser ist der erste unserer Sprachmenschen", sagt Stadler. Und für einen Sprachmenschen sei es ein Schmerz, wenn der Muttersprache "Leides geschieht". Über diesen Schmerz, den Verlust der Muttersprache, habe Walser Bücher geschrieben. "Und sie schreibend wiedergewonnen." Prägnant gießt Stadler Walsers Kunst in die Zauberformel: "Welt. Nicht Provinz. Walsers Schreiben ist ein großes Jasagen" – trotz allen Schmerzes. Denn, so Stadler: "Aus dem Wort Nein entsteht kein Werk von diesem Format. Sagt einer Nein, muss er nicht schreiben."

In Augenhöhe mit "Salvador Dalí" saßen die Besucher, darunter die Familie Walser in der ersten Reihe, bei der Buchpräsentation in der Städtischen Galerie "FaulerPelz", in der gerade eine Dalí-Ausstellung gezeigt wird. Bild: Sylvia Floetemeyer
In Augenhöhe mit "Salvador Dalí" saßen die Besucher, darunter die Familie Walser in der ersten Reihe, bei der Buchpräsentation in der Städtischen Galerie "FaulerPelz", in der gerade eine Dalí-Ausstellung gezeigt wird. Bild: Sylvia Floetemeyer

Herles greift diesen Gedanken später in dem launigen Interview auf, das Kopitzki mit ihm führt. Herles sei ja nicht nur ein bekannter Journalist – unter anderem moderierte er für das ZDF die Literatursendung "Das Blaue Sofa" – sondern auch Romanautor. Wie das zusammenpasse? "Überhaupt nicht", meint Herles. Denn Journalisten sagten, im Gegensatz zu Schriftstellern, überwiegend "Nein". Welches sein schönstes Erlebnis als Literaturjournalist gewesen sei? Herles, der gesteht, er sei "süchtig nach diesem Ton" Walsers, der am reinsten in den Tagebüchern vorkomme, antwortet: "Alle Begegnungen mit Martin Walser." Dabei sei dieser "unmoderierbar". Und: "Die richtige Frage an Martin Walser ist die, die ihn zum Widerspruch reizt." Für Wirbel sorgte ein "Sonntagsgespräch" 1986, in dem Walser über die deutsche Teilung sprach, mit der er sich nicht abfinden wollte. Es ist das einzige Mal an diesem Abend, an dem sich Walser selbst zu Wort meldet: Als Herles damals vorschlug, man könne etwa darüber sprechen, woran Walser gerade schreibe, habe er gesagt: "Das interessiert mich nicht. Ich kann nur über die deutsche Teilung reden und habe das auch getan."

Rund 100 Besucher verfolgten interessiert die Veranstaltung, darunter auch die Schriftstellerin und frischgebackene Meersburger Ehrenbürgerin Monika Taubitz (vorne, rechts). Bild: Sylvia Floetemeyer
Rund 100 Besucher verfolgten interessiert die Veranstaltung, darunter auch die Schriftstellerin und frischgebackene Meersburger Ehrenbürgerin Monika Taubitz (vorne, rechts). Bild: Sylvia Floetemeyer

Herles sagt am Ende der Veranstaltung: "Ich hoffe, dass wir uns im nächsten Jahr wiedersehen – und zum 100sten." Kopitzki verspricht: "Und dann laden wir auch Frauen ein", was man übrigens auch 2017 schon versucht habe. Eine Frau war jedoch am Zustandekommen des Buches maßgeblich beteiligt und sowohl Verleger Ernstle als auch Kopitzki danken ihr herzlich dafür: Lektorin Annette Güthner.

 

Zum Buch

Der Sammelband "Der erste unserer Sprachmenschen" – Neue Einsichten zum Werk von Martin Walser" ist eine Hommage an den in Überlingen-Nußdorf lebenden Schriftsteller. Das Buch ist das Ergebnis eines Kolloquiums, das vor einem Jahr in der Städtischen Galerie "Fauler Pelz" in Überlingen im Rahmen der Festtage zu Ehren Walsers 90. Geburtstag rund um den Bodensee stattfand. Herausgeber des Bandes sind die Kulturjournalisten Wolfgang Herles aus Berlin, der das Expertengespräch 2017 auch moderierte, und Siegmund Kopitzki, langjähriger SÜDKURIER-Feuilleton-Redakteur, der die "Walser-Festspiele" mitorganisierte. Der Band enthält Beiträge von Peter Blickle, Anton Philipp Knittel, Jörg Magenau, Andreas Meier, Stefan Neuhaus und Arnold Stadler. Etliche öffentliche und private Geldgeber unterstützten die Publikation.

Das Buch erscheint im Konstanzer Südverlag. Diesen, sowie den SÜDKURIER, gründete Johannes Weyl im Sommer 1945, nachdem er dafür von der französischen Militärregierung die Lizenz erhalten hatte. Im Südverlag, der 2014 neu belebt wurde, erscheinen auch Erich Ohsers berühmte Geschichten von "Vater und Sohn". Um die beiden beliebten Gestalten ist mittlerweile eine ganze Produktlinie entstanden. Im Verlagsprogramm liegt das Schwergewicht außerdem auf Titeln zu historischen und literarischen Themen mit regionalem Bezug. (flo)

"Der erste unserer Sprachmenschen" – Neue Einsichten zum Werk von Martin Walser", hrsg. von Wolfgang Herles und Siegmund Kopitzki, Südverlag: Konstanz 2018, 192 Seiten, 20 Euro.