Mobilität ist nicht nur für Bahn- und Busreisende das Thema am Überlinger Bahnhof. „Das ist der ideale Ort für mobile Jugendarbeit“, dachten sich die Initiatoren von „Bus Stop“. Das Projekt richtet sich an junge Erwachsene mit Fluchthintergrund, die hier ihre Fahrräder reparieren können und einen Gesprächspartner antreffen, der ihnen Beratung und Hilfe anbietet.

Anhänger zur fahrbaren Reparaturwerkstatt umgebaut

Dieser Ansprechpartner ist Carlos Goeschel, ein sogenannter Streetworker. Er baut hier jeden Dienstag seinen zur fahrbaren Reparaturwerkstatt umgebauten Anhänger auf, klappt das Vordach aus und stellt einen Tisch mit Stühlen bereit. Für akustische Aufmerksamkeit sorgt ein mobiler Lautsprecher. „Mit dem Bus Stop suchen wir den Kontakt zu Jugendlichen. Zwischen 14 und 27 Jahre können alle kommen“, sagt Goeschel.

Steetworker Carlos Goeschel in dem zur Fahrradwerkstatt umgebauten Anhänger.
Steetworker Carlos Goeschel in dem zur Fahrradwerkstatt umgebauten Anhänger. | Bild: Sabine Busse

Hauptsächlich will das Projekt junge Leute ansprechen, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Überlingen gekommen und mittlerweile volljährig sind. Bis dahin waren die meisten von ihnen beim Verein Linzgau Kinder- und Jugendhilfe untergebracht. Dort arbeitet Carlos Goeschel in Teilzeit, in der anderen Hälfte seiner Arbeitszeit ist er seit März Streetworker. Das Geld dafür hatte der Gemeinderat im vergangenen Jahr genehmigt. „Wir haben uns entschieden, keine neue Stelle bei der Stadt anzusiedeln, sondern mit einem erfahrenen Partner zu kooperieren“, erläutert Fachbereichsleiter Raphael Wiedemer-Steidinger.

„Ziel ist es, Kontakt zu den Jugendlichen zu knüpfen und ihnen als Berater zur Verfügung zu stehen.“
Carlos Goeschel, Streetworker

Das niederschwellige Angebot wird hauptsächlich von jungen Flüchtlingen und Migranten der zweiten Generation genutzt. „Ziel ist es, Kontakt zu den Jugendlichen zu knüpfen und ihnen als Berater zur Verfügung zu stehen“, fasst Carlos Goeschel die Intention zusammen. Dazu lädt er zu gemeinsamen Aktivitäten wie Segeltouren, Grillabende oder Open-Air-Kino im Jugendcafé ein. Das ist für die Nutzer kostenlos, denn das Projekt wird von der Integrationsoffensive Baden-Württemberg für ein Jahr mit 7000 Euro unterstützt.

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Junge Migranten und die Obdachlosigkeit

Eines der Hauptprobleme der jungen Migranten ist die Obdachlosigkeit. 2015 kamen viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Überlingen, wo sie meist in die Obhut der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe kamen. Dort können sie bis zum 21. Lebensjahr bleiben, wenn sie „entsprechend mitwirken“. Einige ziehen aus, weil sie bereits arbeiten, andere wollen nicht mehr dort wohnen, unabhängig sein oder sich nicht an die Spielregeln halten. Dann gleiten sie ab in die Obdachlosigkeit.

Zahl der Wohnungslosen in Überlingen nimmt zu

Flüchtlinge, die hier die Volljährigkeit erlangen, dürfen nicht in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden. Auch die Betreuung durch Sozialarbeiter und Integrationsmanager der Diakonie ist nicht vorgesehen. „Diese Gesetzeslücke ist seit 2015 bekannt, wurde aber nie verändert“, sagt Wiedemer-Steidinger. Die Zahl der Wohnungslosen nehme in Überlingen zu, so der Fachbereichsleiter weiter, der auf der Suche nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten ist. „Die gesellschaftliche Entwicklung hat immer mehr Obdachlose in allen Altersgruppen zur Folge, darunter auch Rentner. Es fehlt der soziale Wohnungsbau.“

Zurzeit sei ein Gedanke, den Überlinger Spital- und Spendenfonds, der sich die Unterstützung von Bedürftigen auf die Fahnen geschrieben hat und Immobilien und Grundstücke besitzt, mehr in die Pflicht zu nehmen, sagt Wiedemer-Steidinger.

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