Was war zuerst da – die Fastnacht oder die Fastenzeit? Diese Frage kann auch unmittelbar nach der Fastnacht nur eine rhetorische sein. Schließlich wurde schon zu biblischen Zeiten gefastet und gerade in Überlingen trägt das Fasten in seinen verschiedenen Varianten sehr viel zum Ruf und zur Wirtschaftskraft der Stadt bei.

"Fasten tut jedem gut", sagt der Mediziner Adrian Schulte vom F.X.Mayr-Zentum in Hödingen. "Auch wenn sich jedes Jahr viele Menschen hinstellen und sagen: Das braucht man doch gar nicht." Insbesondere für den Darm ist eine Fastenkur aus Sicht des Hödinger Arztes eine Wohltat, ja kann das meist kaum beachtete Organ und viele damit verbundene Krankheiten therapieren. Der Darm wird während des Fastens weitgehend ruhig gestellt und kann sich regenerieren.

Wer redet schon gerne über seine Verdauung oder konkreter über seine Darmtätigkeit? Dieses Tabu ist für den Mediziner eher ein Hindernis, das den Weg zu mehr körperlichem Wohlbefinden und Gesundheit verbaut. Verschiedene Methoden haben sich des Problems angenommen und sind inzwischen auf dem Markt. Schulte setzt ganz auf Mayr – korrekt F.X. Mayr.

Wer den Namen schon einmal gehört hat, der verbindet damit meist trockene Semmeln – Franz Xaver Mayr (1875-1965) war schließlich Österreicher – und eventuell noch Milch. Fast im Verborgenen blüht in Hödingen heute das F.X.Mayr-Zentrum, das Adrian Schulte 1999 hier gegründet hat. Der Allgemeinmediziner, Arzt für Naturheilkunde und natürlich Mayr-Arzt hatte das frühere Gästehaus Helga in der Ortsmitte übernommen und umgebaut. 2007 erweiterte er es um einen Anbau und modernisierte es. Die 30 Betten des F.X.Mayr-Zentrums sind ständig ausgebucht. Nicht nur Autos aus München, Stuttgart und der Schweiz zeugen vom großen Einzugsgebiet. "Die Leute kommen ins F.X.Mayr-Zentrum und nicht nach Überlingen", sagt Schulte selbstbewusst. Gerne lernen sie dabei allerdings die Landschaft und die Lage hoch über dem Bodensee schätzen.

A propos trockene Semmeln. Die gibt es bei Schulte nur noch selten. Schließlich waren sie nur Mittel zum Zweck und sind angesichts zunehmender Gluten-Allergien nicht mehr sinnvoll. "Bei uns gibt es stattdessen meistens eine halbe Hand voll Nüsse oder in Ausnahmefällen auch helles Dinkelbrot ", erklärt der Mediziner. Zumindest wenn die Patienten keine Allergie gegen Nüsse haben. "Kautraining mit Nüssen ist ernährungsphysiologisch supergesund."

Denn es geht bei der Kur darum, erst mal wieder das Kauen richtig zu üben. Das intensive Kauen dient nicht nur der wichtigen mechanischen Zerkleinerung, sondern der Auslösung des Speichelflusses und dem ersten Schritt der Vorverdauung. "Wir essen meistens zu schnell und schlingen vieles nur hinunter", sagt Schulte. Die Hauptursache für Darmprobleme sieht Schulte gerade in der schlechten Vorarbeit von Mund und Zähnen, die dadurch Magen und Darm überfordern. Wobei nicht nur Völlegefühl und Verstopfung die Folge sein können, auch Ventrikel und Darmkrebs können durch die Überlastung ausgelöst werden. Schulte: "Intensives Kauen sorgt zudem dafür, dass das Hungergefühl verschwindet."

Für eine erste Erprobung bedarf es keines stationären Aufenthalts. "Am besten ist als Einstieg ein Zehn-Tage-Fitness-Programm für den Darm", sagt Schulte. Eine verdünnte Bittersalz-Lösung sorgt für eine ganz schonende Darmspülung, ohne abführend zu wirken. "Das Sulfat tötet vor allem gärungs- und fäulnisauslösende Keime ab, die unerwünscht sind", betont der Mediziner: "Die guten Keime, die für die schützende Schleimschicht im Darm verantwortlich sind, die bauen sich auf. Das Bittersalz ist daher ein ganz wichtiger Punkt in der Therapie."

Zur Person

Dr. Adrian Schulte (51) ist in der ganzen Republik und im Ausland inzwischen bekannter als am Bodensee oder in Überlingen. In der "Brigitte" hat er seine Empfehlungen dargestellt, in der "Bild"-Zeitung stellte er ein Drei-Tage-Darm-Fit-Programm vor. Auslöser des Hypes war unter anderem sein populäres Buch zu Darmproblemen, dem er den derben Titel "Alles Scheiße!? – Wenn der Darm zum Problem wird" gegeben hatte. Trotz anfänglicher Vorbehalte des Verlags ist die 2016 erschienene Publikation inzwischen in der sechsten Auflage, fast 40 000 Exemplare wurden verkauft. Doch Schulte geht es bei dem Heischen um Aufmerksamkeit vor allem um die Sache. Dass mit einer Fastenkur eine Gewichtsreduktion verbunden ist, ist eine Sache. Dass zudem die Reparaturmechanismen der Körperzellen gestärkt werden und eine ganzheitliche Regeneration erfolgt, ist für den Mayr-Mediziner der wichtigere Aspekt. (hpw)

"Vor allem kauen wir zu schlecht"

Welches sind die Hauptfehler bei unserer Ernährung?

Die Menschen essen oft zu schnell, zu viel und vor allem kauen wir zu schlecht. Das belastet Magen und Darm. Wir nehmen zu wenig gute Ballaststoffe zu uns – das heißt vor allem Gemüse und Früchte in Maßen. Vollkornbrote sind aufgrund der Zubereitung heutzutage oft schwer verdaulich. Da muss man vorsichtig sein.

Oft ist von einer Entschlackung des Körpers die Rede. Was hat es damit auf sich?

Wirkliche Schlacken gibt es eigentlich nicht, auch wenn viele gerne von Entschlackung sprechen. Es gibt allerdings Gifte, die unseren Körper auf Dauer schwächen. Eine Fastenkur tut dem Stoffwechsel gut und pflegt quasi den Darm. Zudem werden die Reparaturmechanismen unserer Körperzellen aktiviert. Das beugt zahlreichen Krankheiten vor und stärkt den Organismus ganzheitlich.

Was würden Sie jemand empfehlen, der noch nie gefastet hat?

In meinem Buch habe ich ein Zehn-Tage-Fitness-Programm für den Darm als Sofortmaßnahme dargestellt. Das kann jeder sehr gut umsetzen, wenn er nicht gerade in sehr viel Alltagsstress ist. Das Kautraining ist erklärt und die Wirkung des Bittersalzes. Man bleibt dabei allerdings leistungsfähig, allenfalls die Ausdauer ist etwas geringer. Man sollte daher in dieser Phase nicht zu viel Sport treiben, obwohl Bewegung sehr wichtig ist. Auf Alkohol sollte man während des Programms ganz verzichten.

Funktioniert das Fastenprogramm denn im Alleingang?

Das geht sehr gut, wenn man sich an die Vorgaben hält und etwas entspannen kann. Ich habe erst vor Kurzem von Überlingern sehr positive Rückmeldungen bekommen, die es selbstständig ausprobiert haben. Die ganze Familie war hell begeistert und fühlte sich anschließend sehr wohl. (hpw)