Aus Sicht der Überlinger SPD könnte das Thema auch gleich vom Tisch gewischt werden: "Ein derartiges Bauvorhaben ist für uns vollkommen unvorstellbar", schrieb die Partei an die Anwohner rund um den Telekomturm in der Langgasse. Sie reagiert damit auf die Diskussionen um das von der Firma Betz Baupartner aus Ludwigsburg gekaufte Telekom-Areal. Zuvor hatte bereits die politische Gruppierung BÜB+ ihre ablehnende Haltung bekundet.

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Betz beantragt den Bau von 3- und 4-geschossigen Gebäuden auf dem Parkplatz neben dem Telekomgebäude. Darüber hinaus, so Hans-Peter Betz, gebe es "Gedankenspiele", den bestehenden Sendeturm als 15-stöckigen Wohnturm zu ummanteln.

Telekomturm vor Münsterturm in Überlingen.
Telekomturm vor Münsterturm in Überlingen. | Bild: Hilser, Stefan

Auch wenn die Überlinger SPD mitteilte, dass für sie dies "unvorstellbar" sei, organisiert sie ein Bürgergespräch, es findet statt am Samstag, 6. Oktober, um 10 Uhr. Treffpunkt ist am Telekomgebäude.

Wen die SPD beteiligt

Hans-Peter Betz ist bei dem Gespräch nicht dabei. "Ich würde auch an Bürgerfragestunden oder ähnlichem teilnehmen, der 6. Oktober ist mir aber zu kurzfristig, das schaffe ich nicht." Bei einer Ortsbegehung will die SPD, so ihre Ankündigung, "dabei helfen, eine gute Lösung zu finden". Diese solle für alle Beteiligten akzeptabel sein, wobei die SPD darunter dezidiert "Anwohner, Vereine und Eigentümer" versteht.

An wen der Mieterbund denkt

Auf der von der SPD aufgestellten Liste an "Beteiligten" stehen Wohnungssuchende nicht. Für sie macht sich nun der Verein "Mieterbund Bodensee" stark. "Wohnungsnot ist seit Jahren kein Phänomen von Randgruppen in den großen Städten", betont Winfried Kropp. "Wenn die Zahl der Haushalte steigt, brauchen wir auch mehr Wohnungen, und zwar schnell."

Eine Bausünde?

Auf Überlingen bezogen, meint Kropp: "Da Grund und Boden begrenzt und sehr teuer sind, müssen wir auch in historisch gewachsenen Städten überlegen, inwieweit höher gebaut werden kann und muss. Viele Beispiele aus anderen Städten zeigen, dass Hochhäuser nicht automatisch eine Bausünde sind." Sein Credo laute deshalb: "Für alle bauen, auch in die Höhe."

Was OB Zeitler öffentlich rauslässt

Wie Oberbürgermeister Jan Zeitler (SPD) auf SÜDKURIER-Anfrage mitteilte, sei es künftig nötig, "deutlich verdichteter" zu bauen, um den Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum decken zu können. Verdichtung bedeute aber nicht nur Bauen in die Höhe. "Mit der Durchmischung verschiedener Gebäudetypen wie Doppel-, Reihen-, Ketten- und Gartenhofhäusern kann eine hohe und auch durchaus sozialverträgliche Verdichtung erzielt werden." Den Rahmen in Überlingen biete das 2015 verabschiedete ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept).

Wann die Anwohner beteiligt werden

Auf die aktuelle Diskussion um den Telekom-Turm wollte Zeitler direkt nicht eingehen, obwohl Investor Betz sich mit seinen Überlegungen öffentlich schon dazu geäußert hatte. Ein Mitwirkungsrecht werde es im Bauleitverfahren selbstverständlich geben, so Zeitler. Derzeit werde das Thema aber nicht-öffentlich behandelt, weil "berechtigte Interessen Einzelner" dies erforderlich machten. "Die Öffentlichkeit wird dann informiert, wenn konkrete Pläne vorliegen."

Angebot an die Vereine

Neun Überlinger Vereine nutzen das Telekomgebäude derzeit in Mieträumen. Betz bot ihnen, befristet für ein Jahr und bis zur Klärung seines Reinvests für das Gesamtgebäude, einen Mietvertrag von 5 Euro pro Quadratmeter. Auf die Frage an Zeitler, welche Erwartungen er an Betz in Bezug auf den Erhalt der Vereinsräume habe, antwortete der OB: "Für unsere Vereine und Nutzer wünschen wir uns eine annehmbare Miete." Für den Fall, dass sich die Nutzung des Telekom-Gebäudes zerschlagen sollte, verwies er auf Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen, die abends genutzt werden könnten, und auf die im Bau befindliche Sporthalle, die im Juli 2020 übergeben werden soll. "Diese wird die Stadt den Vereinen kostengünstig anbieten."

Kritik von Anwohnern

Elis und Dieter Horn, Anwohner und Mitglieder einer Bürgerinitiative, betonen in einem Brief an unsere Redaktion, dass der bestehende Bebauungsplan nur eine zweigeschossige Bebauung zulasse, abgesehen von den Ausnahmen Susokirche und Telekom-Sendeturm. Bei einer Änderung würden weitere Hochhausbebauungen in diesem Gebiet zulässig, so ihre Sorge. Sie hätten alle im Vertrauen darauf gebaut, dass der Bebauungsplan seine Gültigkeit behalte, weshalb sie sich "mit allen verfügbaren Mitteln gegen eine Bebauung wehren" würden. Der Investor wolle die Stadt damit "ködern", dass er den Vereinen eine Bestandsgarantie verspreche. "Die Stadt hätte dieses Problem nicht", so die Auffassung des Ehepaars Horn, "wenn die damalige Oberbürgermeisterin das Objekt selbst für die Stadt erworben hätte".

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Grundsätzliche Überlegungen des Mieterbunds

Nach Ansicht des Mieterbundes genügt es nicht, nur attraktive und hochwertige Eigentumswohnungen zu bauen. Nötig seien Wohnungen für Menschen mit mittleren Einkommen und der klassische soziale Wohnungsbau. Wenn niemand Sozialwohnungen errichten will, müsse dies eine kommunale Baugesellschaft tun. Vorbilder dafür seien die Wohnungsbaugesellschaften der Städte Konstanz oder Ulm. Damit es genügend preisgünstigen Wohnraum gibt, müssen nach Ansicht des Deutschen Mieterbunds auch die Städte entsprechend planen: "In Konstanz schreibt das Handlungsprogramm Wohnen vor, dass in jedem neuen Wohngebiet mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen entstehen sollen. Wir meinen, die Stadt Überlingen sollte sich an diesem und anderen Vorbildern ein Beispiel nehmen." Auch bei der Prüfung eines Hochhauses um den Überlinger Telekom-Turm solle "nicht nur Ästhetik" eine Rolle spielen, so Kropp gegenüber dem SÜDKURIER. "Wichtiger als die Frage, ob benachbarten Eigentümern eine etwa schlechtere Sicht droht, ist eine ausreichende Wohnraumversorgung für Menschen aller Einkommensschichten. Wenn der Bauherr dies zusichern kann, dann sollte er – soweit baurechtlich möglich – auch in die Höhe gehen können."