Überlingen – In der Bürgerfragestunde des Gemeinderats erblickte das Thema erstmals das Licht der Öffentlichkeit. Es betrifft die Zukunft des Telekomgebäudes in der Langgasse und damit ganz unterschiedliche Interessengebiete: Überlingens Vereine als Nutzer des Bestandsgebäudes sind davon betroffen, die Nachbarschaft, die sich vor Veränderungen bis hin zum Bau eines 15-stöckigen Hochhauses fürchtet. Außerdem berührt das Thema die Baupolitik in seiner Gesamtheit, in einer Zeit, in der Wohnraum knapp und teuer ist.

Eine der größten Bausünden in Überlingen: Das Telekom-Gebäude in der Langgasse, auch "Haus der Vereine" genannt.
Eine der größten Bausünden in Überlingen: Das Telekom-Gebäude in der Langgasse, auch "Haus der Vereine" genannt. | Bild: Hilser, Stefan

Besorgte Bürger fragen im Gemeinderat

Was bislang hinter verschlossenen Türen besprochen wurde, was zu Ängsten in der Nachbarschaft führte, wollte die Bürgerin Mirijam Geiger-Riess in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats nun geklärt wissen. Ob die Gerüchte stimmen, dass der Telekomturm in der Langgasse zu einem 15-stöckigen Wohnhaus umgebaut werden soll? In seiner Antwort verwies Oberbürgermeister Jan Zeitler auf die Nichtöffentlichkeit des Themas. Ihm und dem Gemeinderat sei es verboten, Informationen nach draußen dringen zu lassen. Er betrachte es als einen "schwerwiegenden kommunalrechtlichen Verstoß", dass dennoch Gesprächsinhalte aus der Ratssitzung nach draußen drangen.

Wir fragten beim betroffenen Bauträger nach

Hans-Peter Betz ist nicht zur Verschwiegenheit verpflichtet, im Gegenteil, er hat Interesse daran, seine Pläne und Ideen offen zu legen. Beim Bauträger handelt sich um die Firma Betz Baupartner aus Ludwigsburg, die in Überlingen eine Bauruine eines insolventen Bauträgers in der Hohlen Straße übernommen und fertig gebaut hat, und die im Herbst 2015 das Telekom-Areal in der Langgasse erwarb. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER sagte Hans-Peter Betz, dass er dem Gemeinderat nur den Plan zum Bau von 3- und 4-geschossigen Gebäuden auf dem Parkplatz an der Langgasse vorgestellt habe, und dass dann aus dem Bauausschuss heraus die Idee geäußert worden sei, das Gelände insgesamt zu entwickeln. Daraufhin habe er weitere Ideen geboren, mehr aber nicht. Darunter besagte Idee, den Turm mit Wohnungen zu ummanteln.

Auf dem Telekom-Areal, auf dem Bild rechts vom Bestandsgebäude, im Bereich der Bäume, sollen vier Wohnblöcke entstehen, mit zwei und drei Vollgeschossen.
Auf dem Telekom-Areal, auf dem Bild rechts vom Bestandsgebäude, im Bereich der Bäume, sollen vier Wohnblöcke entstehen, mit zwei und drei Vollgeschossen. | Bild: Hilser, Stefan

Wie OB Zeitler versucht einzuordnen, ohne Namen zu nennen

Zurück in die Bürgerfragestunde des Gemeinderats: OB Zeitler sagte, es handle sich um "einen politischen Prozess" in nichtöffentlicher Sitzung, "um dem Gemeinderat Gelegenheit zu geben sich zu positionieren". Das Gebäude sei von einem Investor erworben worden. "Er will, wie jeder andere Investor, das Grundstück entwickeln." Von Seiten der Stadt sei er aufgefordert worden, seine Ideen zu benennen. "Wir möchten wissen, was er vor hat." Bürgermeister Matthias Längin ergänzte, dass die betroffenen Anwohner im Rahmen eines möglichen Bebauungsplanverfahrens früh genug einbezogen würden.

Massiv vorgetragene Anwohnersorgen

Das ist den Anwohnern zu spät. "Wir könnten uns erst wehren, wenn die Fakten längst geschaffen sind", findet Reinhard Irmscher, ein Anwohner im Werner-Haberland-Weg. Christian Greiter aus dem Kuchelmannweg äußert Sorgen vor einem "Schreckgespenst Wohnturm", "dass kein Lichtstrahl mehr auf unser Haus fallen wird". Alfred Gaiser aus dem Werner-Haberland-Weg hat Sorge vor einem Einfluss aufs Mikroklima, und Elisabeth Horn aus dem Werner-Haberland-Weg ermahnt: "Hochhäuser waren eine Bausünde der 70-er und 80-er Jahre." Von einem "Schattenwurf des riesigen Gebäudes" spricht Meike Vonderschmitt-Becker aus dem Kuchelmannweg, und sie fragt sich, wie es sein könne, dass sie sich an ihren Bebauungsplan halten müsse, während die Stadt auf einen ortsfremden Investor ein Bebauungsplan zuschneide.

Betz spricht über seine "Gedankenspiele"

Ist das Bild, das die Anwohner zeichnen, richtig? Wir fragten bei Investor Hans-Peter Betz nach. „Eine der Ideen lautet, den Turm zu ummanteln. Die Höhe des Turms entspräche einem 15-geschossigen Gebäude", sagte er. "Eine weitere Idee wäre die Aufstockung des Bestandsgebäudes. Das geht dann, wenn der Gemeinderat Wohnraum schaffen möchte und bei solchen Projekten mitzieht.“ In beiden Fällen handle es sich aber nur um "Gedankenspiele", wie Betz im Gespräch mit dem SÜDKURIER sagte. Solchen Ideen müsse man sich angesichts der Gesamtentwicklung auf dem Wohnungsmarkt stellen, lautet sein Credo als Bauträger.

Betz über seine baupolitischen Vorstellungen

"Vielleicht ist das ja auch ein interessantes Thema vor den Gemeinderatswahlen", so Betz, der andeutet, dass der Rat die Interessen von Anwohnern, aber auch von Wohnungssuchenden im Blick haben müsse. Er könne nachweisen, dass es bei anderen Projekten gelungen sei, die vorher definierten Zielgruppen zu erreichen und für sie Wohnraum zu schaffen. Beispielsweise für junge Familien oder als Ersatzwohnraum für solvente ältere Bürger, deren frühere Häuser mit einem teils viel zu großen Zuschnitt dann für andere Nutzer frei wurden. Betz: "Ich wundere mich, dass es bereits in der jetzigen Phase, wo wir Gedankenspiele hegen, eine Bürgerinitiative dagegen gibt. Dass schon Ideen nicht mehr gedacht werden dürfen, finde ich bedenklich.“

Betz über die Vereine als Mieter

Wie Betz weiter sagte, betrachte er das Areal gesamtwirtschaftlich und langfristig. "Wir brauchen die Vereine als Mieter aus wirtschaftlicher Sicht nicht, aber wir stellen uns der Aufgabe." Beim Kauf 2015 habe ihm die damalige Oberbürgermeisterin, die von Betz gelegentlich als freiberufliche Beraterin und Juristin beauftragt wird, folgendes signalisiert: Dass die Stadt in der ein- bis zweijährigen Übergangszeit eine Ersatzlösung für die Vereine schaffen werde, "sie wollte eine Art Vereinshaus bauen". Davon ist weit und breit nichts in Sicht.

Hintergrund zum Telekom- und Vereinsgebäude

Die Telekom verkaufte das Areal in der Langgasse im Herbst 2015 an die Bauträgerfirma "Betz Baupartner" in Ludwigsburg und sicherte sich Teile des Gebäudes selbst, indem sie sie auf 30 Jahre hin mietete, darunter der Senderturm. Auf 1400 Quadratmeter waren zuletzt 9 Vereine im Gebäude untergebracht (Karate-Dojo, Boxverein, Judo, Tanzsportclub Blau-Gold, Tauchgruppe, Chorgemeinschaft, CJD, Bodenseeaquanauten, DAV). Am 30. Juni dieses Jahres, so Hans-Peter Betz, endete ein Vertrag mit der Stadt, über den die Räume an die Vereine untervermietet wurden. Wie die Stadt mitteilt, hätten sich die Vereine mit einem Eigenanteil von insgesamt etwa 9600 Euro jährlich an den Mietkosten beteiligt. Momentan, so Hans-Peter Betz, erhalte er gar keine Mieterträge.

Befristetes Angebot an Vereine: 5 Euro pro Quadratmeter

Auf Wunsch der Stadt solle er Einzelmietverträge abschließen. Dies könne er aber nur bedingt, da er mit dem Gesamtareal noch nicht kalkulieren könne. Bis geklärt ist, was er wo bauen darf, biete er den Vereinen die Räume für 5 Euro pro Quadratmeter und Monat an, befristet auf ein Jahr. Er gehe davon aus, dass bis Sommer 2019 geklärt ist, wie sich das Areal für ihn gesamtwirtschaftlich rechnen lässt.

Die Anwohner rund um das Telekomgebäude in der Langgasse machen sich Sorgen vor einer in ihren Augen zu massiven Bebauung.
Die Anwohner rund um das Telekomgebäude in der Langgasse machen sich Sorgen vor einer in ihren Augen zu massiven Bebauung. | Bild: Hilser, Stefan