Der Storch hat ganze Arbeit geleistet, dafür muss er am Helios-Spital für fünf bis sechs Wochen eine Atempause einlegen: Da von den acht angestellten Hebammen an der Geburtshilfe der Überlinger Klinik die Hälfte zeitgleich ausfällt, sahen Geschäftsführer Sven Axt und Gynäkologe Roland Rein keine andere Möglichkeit, als den Kreißsaal nach Pfingsten ab 22. Mai abzumelden.

Auf die Schnelle keine Hebammen zu bekommen

Allein drei Geburtshelferinnen meldeten eine Schwangerschaft und dürfen seit diesem Zeitpunkt nicht mehr eingesetzt werden. "Da gilt ein sofortiges Beschäftigungsverbot", sagt Axt. Ersatz ist auf dem weitgehend leergefegten Markt für Hebammen nur sehr schwer zu bekommen – schnell schon gar nicht.

 

Blick in die Statistik: Anstieg der Geburten

Binnen zehn Jahren ist die Zahl der Geburten am Helios-Spital Überlingen von 343 (2007) auf zuletzt 577 (2017) gestiegen, am stärksten in den letzten drei Jahren um jeweils rund 20 Prozent. Ab Juli will die Geburtshilfe der Klinik für werdende Mütter auch wieder mit ihrem Kreißsaal bereit stehen. Beratung finden Schwangere auch in der Zwischenzeit rund um die Uhr unter der Hotline 07551/9477-5933. Unterdessen gehen die anderen Angebote – wie die Elternschule, der Geschwisterkurs oder das Babycafé – uneingeschränkt weiter. (hpw)

 

Keine endgültige Schließung geplant

"Wir wollen keinesfalls die Geburtsklinik schließen, im Gegenteil", betont der Geschäftsführer. Zumal in den letzten Jahren die Zahlen rasant gestiegen seien. "Darüber sind wir extrem glücklich." Immerhin seien 2017 insgesamt 577 Kinder zur Welt gekommen. "Umso bitterer ist es, dass wir es in diesem Zeitraum nicht hinbekommen", sagt Axt.

"Doch mit einer auf die Hälfte dezimierten Belegschaft können wir jedoch keinen tragfähigen Dienstplan aufstellen." Man habe am Ende keine andere Wahl gehabt. "Das ist etwas peinlich, aber es ist so", gesteht der Klinikchef ehrlich ein: "Doch aus medizinischer Sicht wäre es nicht zu verantworten."

Schwangere und Ärzte sind informiert

Nicht nur die niedergelassenen Ärzte seien auf direktem Weg über den bevorstehenden Engpass in Kenntnis gesetzt worden. "Wir haben auch alle bereits zur Geburt angemeldeten Schwangeren persönlich informiert", betont Geschäftsführer Axt. "Wir bedauern die Einschränkung für die werdenden Eltern und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten sehr." Selbstverständlich stehe die Abteilung beratend zur Seite und suche mit den Betroffenen nach einer Ausweichlösung.

Großes Verständnis bei werdenden Müttern

"Natürlich waren die werdenden Mütter enttäuscht", erklärt Gynäkologe Roland Rein, der seit rund drei Jahren für die Geburtshilfe zuständig ist: "Doch wir sind auf der anderen Seite erstaunlicherweise auch auf großes Verständnis gestoßen." Den Frauen sei es schließlich wichtig, dass sie optimal versorgt sind. Dies bekräftigt auch Pflegedienstleiterin Daniela Klesel. "Die Sicherheit für Mütter geht vor", sagt sie.

Hotline rund um die Uhr erreichbar

Zudem sei den Hebammen auch der aus den Engpässen resultierende Zusatzstress nicht zuzumuten. Helios will die Zwangslage nun zugleich nutzen, um angelaufene Überstunden bei den Mitarbeiterinnnen abzubauen. Ungeachtet dessen ist die geburtshilfliche Hotline unter 07551/9477-5933 rund um die Uhr erreichbar.

Im Herbst drei neue Hebammen

Und der Silberstreif am Horizont ist schon greifbar. Bis zum Herbst bekommt das Helios-Spital drei neue Hebammen, die ihren Vertrag schon unterschrieben haben. Für die Übergangszeit gebe es auch Gespräche mit Arbeitnehmerüberlassungsagenturen, sagt Sven Axt.

Als Plus für die Geburtshelferinnen bei Helios sieht die Klinikleitung die familiäre Atmosphäre einer überschaubaren Station. Zudem mindert die Festanstellung das persönliche Risiko, das selbstständige Hebammen absichern müssen. "Das ist ein kleiner Wettbewerbsvorteil gegenüber Mitbewerbern", sagt Christoph Miltenberger, der Ärztliche Direktor. "Die Bewerbung einer Hebamme ist dennoch ein Highlight", sagt er.

Ausweichen in Nachbar-Kliniken

Im Juli 2018 soll der reguläre Kreißsaalbetrieb wieder aufgenommen werden. Bis dahin werden die registrierten werdenden Eltern den umgebenden Kliniken in Friedrichshafen oder Singen empfohlen, die allesamt auch über eine Kinderklinik verfügen. Begeistert seien allerdings auch diese nicht gewesen, erklärt Geschäftsführer Sven Axt: "Die sind auch alle gut ausgelastet."

 

Verständnis im Geburtshaus für Notfallmaßnahme der Klinik

"Dieser Engpass bei Helios tut uns auch sehr leid", sagt Christine Franz, Hebamme und Gründerin des Geburtshauses am Bodensee in Überlingen. Das Haus war 2012 gestartet und hat nach einer Zwangspause aufgrund fehlenden Personals im Oktober 2017 mit einer Partnerin wieder geöffnet.

"Wir sind froh, dass wir weitere Hebammen gefunden haben", sagt Christine Franz, die mit ihren Mitarbeiterinnen auch Hausgeburten begleitet. 2017 erblickten 17 Kinder das Licht der Welt. 2018 waren es bis jetzt noch einmal rund 20. "Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Helios", sagt Hebamme Franz, "und sind auch verständigt worden über die Unterbrechung der Versorgung." Insbesondere bei nachgeburtlichen Notfällen oder Problemen stehe die Klinik dem Geburtshaus auch weiterhin zur Verfügung.

Auch das Geburtshaus hat es nicht leicht, wenn es den Mitarbeiterinnen eine Verschnaufpause gönnen will. "Im September arbeiten wir zwar, haben aber keine Rufbereitschaft und deshalb für diesen Monat keine Geburten angenommen", sagt Christine Franz. Sie verweist dann auf Hausgeburtbetreuerinnen oder das nächste Geburtshaus in Villingen. Vielen Einrichtungen hat die hohe Haftpflichtprämie, die jede selbstständige Hebamme finanzieren muss, den Garaus gemacht. "Inzwischen sind es über 8000 Euro pro Jahr", erklärt Christine Franz. "Doch wir machen weiter." (hpw)