So viele Fahrradfahrer wie in Überlingen gibt es in dem kleinen Dorf bei Sigmaringen nicht. Insofern fehlte dem Bürgermeister jener 2800-Seelen-Gemeinde jegliches Verständnis, als ihn die Polizei am Freitag in der Münsterstraße, einer Fußgängerzone, vom Rad holte und ihn mit 15 Euro bedachte. "Da lupft es mir doch den Hut", sagte der Mann, der namentlich nicht genannt werden wollte, und der den Polizisten nachrief: "Wenn man die Staatsmacht wirklich braucht, ist niemand da."

Bild: Schönlein, Ute

Überlingen ist nicht jenes Dorf bei Sigmaringen, sondern eine der belebtesten Touristenstädte am Bodensee, durch die einer der meist befahrenen Radwege der Region führt. Das führt zu Interessenkonflikten. Radler irren ziellos durch die Stadt, weil sie den richtigen Weg nicht finden. Fußgänger fühlen sich belästigt. So wie jene 80-Jährige, die regelmäßig von Rengoldshausen mit dem Bus in die Altstadt fährt. Sie ermunterte die Polizisten: "Richtig, sorgen Sie dafür, dass hier nicht ständig mit dem Fahrrad gefahren wird."

Verständnis vom Oberbürgermeister

OB Jan Zeitler kennt beide Seiten. Das Ordnungsamt sei angewiesen, Fahrradfahrer zu stoppen und auf die Rechtslage hinzuweisen. "Das führt dann regelmäßig zu interessanten Diskussionen mit den Betroffenen." Wobei Zeitler auch die Sicht der Radler nachvollziehen kann. "Wenn man mal ehrlich ist: So ganz klar ist die Situation für Fahrradfahrer nicht, wenn man von Osten kommt." Eine Verbesserung verspreche er sich von der Öffnung der Hafenstraße für Fahrradfahrer in beide Richtungen. Momentan ist hier die Fahrt nach Westen verboten. Die Münsterstraße ab Pflummernplatz ist ab 10 Uhr für Radler gesperrt. "Und so kommen die ganz Verwegenen auf die Idee und fahren über die Promenade."

Das könnte Sie auch interessieren

Polizeikontrolle an der Promenade

Genau dort, an der Seeschule, stand am Freitag ebenfalls ein Posten von Polizei und Ordnungsamt. Ein Paar aus Freudenstadt erkannte die Ordnungskräfte zu spät und rollte ihnen mit dem Rennrad vor die Füße. Sie hätten vorgehabt, so ihre Entschuldigung, genau in diesem Moment abzusteigen. Dass sie sich entlang des Mantelhafens schon in einer Fußgängerzone befunden hatten, das haben sie wohl übersehen. Dass sie schon am Ochsen verbotswidrig abgebogen sind? Geschenkt! Macht jedenfalls zwei Mal 15 Euro. Wobei diese nur unter Protest akzeptiert werden. Der Mann, ein Jurist, drohte den Beamten "rechtliche Konsequenzen" dafür an, dass sie das Geld nicht bar angenommen haben. "Schreiben Sie das ins Protokoll", herrschte er den Polizeibeamten an. Bevor er und seine Frau das Rad über die Promenade schoben, wünschten sie "noch viel Vergnügen mit verärgerten Touristen".

Die Polizeibilanz

Andreas Rieß von der Führungsgruppe der Polizei kennt solche Sätze. Sie sollten sich um die großen Fische kümmern, laute eine Standardformulierung. Er bilanzierte am Ende der Kontrolle, an der sechs Polizeibeamte und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts teilnahmen, 34 Verwarnungen wegen Fahrens in der Fußgängerzone. Die Kontrolle dauerte von 10.30 Uhr bis 11.45 Uhr, Posten gab es an der Seeschule, in der Hafenstraße und in der Münsterstraße, Ecke Hofstatt. Grund zur Kontrolle sieht die Polizei unter anderem in der steigenden Zahl an Fahrradunfällen, was mit der steigenden Zahl an motorisierten Fahrrädern einhergeht. "Natürlich ist das für uns ein Grund, diese Gruppe auch mal genauer in Augenschein zu nehmen."

Appell an die Stadtverwaltung

Ermunterung erfährt die Polizei auch durch Briefe wie diesen, den die Überlingerin Birgit Liesching an die Stadtverwaltung schickte. Darin schildert sie ihre Erfahrungen an der Uferpromenade und fordert zur Verteilung von Knöllchen und einer eindeutigeren Beschilderung auf. "Anscheinend verstehen die auswärtigen Radfahrer nicht, dass eine Promenade zum Zweck des Promenierens besteht, nicht als Radweg." Ihr Appell an die Ordnungskräfte: "Bitte, tun Sie endlich was."