Es ist ein bewegender Abend gewesen, an dem die Frickingerin Dodo Wartmann über ihre Erfahrungen im Umgang mit ihrem an Demenz erkrankten und im November verstorbenen Mann berichtete. Viele Details von den ersten Beobachtungen bis zu den dramatischen Veränderungen vor dem Tod hatte sie dokumentiert und schon kurz nach dessen Tod mit dem Linzgau-Literaturverein herausgeben (der SÜDKURIER berichtete damals).

Buch in zweiter Auflage unter Pseudonym erschienen

Jetzt hat sie das Buch "Blaues Edelweiß" überarbeitet, erweitert und im Mannheimer Waldkirch-Verlag in einer zweiten Auflage unter dem Pseudonym Mari Blum neu herausgebracht. Auf Bitten von Cornelia Haag, hauptamtliche Koordinatorin der Hospizgruppe, und Ilse Erzigkeit, Sprecherin der ehrenamtlichen Hospizhelfer, hatte sich Wartmann zu einer Lesung aus ihrem Buch bereit erklärt.

Teilweise analytisch, teilweise sehr emotional

Was Dodo Wartmann über ihre Erlebnisse und Herausforderungen schilderte, teilweise sehr analytisch, teilweise sehr emotional, ging den Zuhörern spürbar an die Nieren. Und dennoch dürfte niemand diese Auseinandersetzung mit einem ebenso aktuellen wie brisanten Thema bereut haben. Zumal Pianist Thomas Blaser mit viel Feingefühl ansprechende Kompositionen als Intermezzi ausgewählt hatte und diese zauberhaft interpretierte – wie "Windmills of your mind" oder "If I only had time".

Die ersten Anzeigen: Der Biologe bezeichnet Enziane als "blaue Edelweiße"

Das Buch ist unter dem Pseudonym Mari Blum in zweiter Auflage erschienen.
Das Buch ist unter dem Pseudonym Mari Blum in zweiter Auflage erschienen.

Noch kein Jahr liegt der Tod ihres Mannes zurück, umso bemerkenswerter die Souveränität, mit der Wartmann aus ihrem Buch vorlas und diese Schilderungen durch persönliche Anmerkungen ergänzte. 2014 hatte sie die ersten Anzeichen der Veränderung wahrgenommen, als der kenntnisreiche Biologe auf den Alpenwiesen am Gotthard die Enziane als "blaue Edelweiße" bezeichnete. Nein, es war kein Versprecher, wie seine Frau in den folgenden Monaten feststellen sollte.

Die Betroffenen versuchen, eine Fassade aufzubauen

"Oh, da hat sich jemand verändert", diagnostizierte sie immer wieder aufs Neue. "Betrüblich ist, dass der Pflegende alles auf sich selbst bezieht", betont Wartmann und beschreibt den Umgang mit dieser schwierigen Situation als größte Herausforderung. "Ich habe das nicht verstanden. Ich dachte, er mag mich nicht mehr", sagt sie. "Alle Beschönigungen sind unangebracht", erklärt Dodo Wartmann klipp und klar. Die Betroffenen blufften und versuchten eine Fassade aufzubauen, um die Wahrheit und die geistigen Veränderungen zu verbergen. "Die meisten Leute fallen darauf herein."

Leistungsdruck von den Erkrankten nehmen

Erkrankte sehen die Situation anders, nehmen sie einfach anders wahr. Wartmann vergleicht es mit der Kreativität von Künstlern, die über den Tellerrand der Realität hinausblicken. "Denken Sie nur an die blauen Pferde von Franz Marc." Bei den Betroffenen sei es Teil der Wahrnehmung, die "wir respektieren und in aller Demut akzeptieren müssen", formuliert Dodo Wartmann. Als Begleiter können man nur helfen, indem man den Erkrankten das Leben leichter mache und ihnen den Leistungsdruck nehme. Gerade die Müdigkeit sieht Wartmann als wichtiges Symptom. "Denn viele Situationen werden zu einer Überforderung. Die Festplatte war einfach voll."

Die Erkrankung lebt vom Chaos

Diese Krankheit entpuppe sich als "ein großer Berg von Mosaiksteinchen, dessen Hänge abrutschen und die Erkrankten und die Pflegenden unter sich begraben", beschreibt sie. Diesen Strom versuche man zu begreifen. Aus anfänglichem Optimismus werde bald Bestürzung und Verzweiflung, ja "komplette Resignation". Die Erkrankung entziehe sich jeder Ordnung, sie lebe vom Chaos. Dieses Chaos anzunehmen, sei Herausforderung und einzige Chance zugleich.

Kreativität im Gehirn freigesetzt, die zuvor blockiert war

Irgendwann habe sie mit ihrem Mann angefangen zu malen, berichtet Dodo Wartmann, "und er konnte noch kreativ sein". Entstanden seien zum Beispiel fantasievolle Bilder von Vögeln oder Menschen, "die ich nie hätte so malen können". Plötzlich sah sie eine Kreativität im Gehirn freigesetzt, die zuvor blockiert schien.

"Du bist die Frau, ohne die ich nicht leben könnte"

Auf der anderen Seite gingen Begriffe und Wörter verloren, die korrekte Zuordnung zu den Dingen geriet durcheinander. "Hol mir bitte die Bohrmaschine", habe sie ihren Mann einmal gebeten, "doch er kam mit der Stichsäge". Um ihr anschließend den Vorwurf zu machen: "Du arbeitest unprofessionell. Du weißt immer alles besser." Wartmann: "Manchmal weiß ich nicht mehr, ob ich die Gesunde oder die Kranke bin." Dann kommen wiederum geradezu weise Antworten. "Wer bin ich denn?", fragte sie ihren Mann einmal und er reagierte prompt: "Du bist die Frau, ohne die ich nicht leben könnte."

"Mit so einem stumpfen Messer kann ich dich nicht umbringen"

Ab und zu habe es "klare Momente" gegeben, schildert Dodo Wartmann. Doch diese waren nicht leichter. "Er wollte von mir getötet werden. Er brachte mir ein Messer und ich hätte ihm die Pulsadern aufschneiden sollen." In seinem Nachttisch habe er fortan ein Messer gehabt, an dem sie die Spitze abgezwickt hatte. "Ich habe das an jedem Küchenmesser gemacht und ihm gesagt: Mit so einem stumpfen Messer kann ich dich nicht umbringen."

Mari Blum: "Blaues Edelweiß – und auf einmal war alles anders". Verlag Waldkirch, Mannheim, 2. erweiterte Auflage 2018. Taschenbuch und E-Book.