Ein Horrorszenario für den FC 09 Überlingen: Keine zwei Jahre ist der Kunstrasenplatz des Sportplatzes Altbirnau alt, als die EU verkündet: Sie plane, das Kunststoffgranulat auf Kunstrasenplätzen zu verbieten. Das traf den Fußballclub, der auf dem Kunstrasenplatz trainiert, unerwartet: „Als wir vor zwei Jahren gebaut haben, war das noch kein Thema“, sagt Günter Hornstein, zweiter Vorsitzender des FC 09.

Der Kunstrasenplatz wurde erst im November 2017 eingeweiht. Kosten für den Bau: Knapp 500 000 Euro. Entschieden hat sich der Verein für einen Kunstrasenplatz, weil er viele Vorteile gegenüber Naturrasen biete: Kunstrasen brauche keine Erholungsphasen, müsse nicht gewässert werden und könne auch bei nasser Witterung bespielt werden. Ein Kunstrasenplatz ersetze damit drei Naturrasenplätze. Deshalb sei der Kunstrasenplatz für den FC 09 Überlingen unverzichtbar: Von Montag bis Freitag sei er von 17 bis 21.30 Uhr komplett belegt.

Platz auf 15 Jahre ausgelegt

Normalerweise halte ein Kunstrasenplatz bis zu 15 Jahre. In seiner jetzigen Form wird der Platz aber wahrscheinlich nicht so lange existieren können. Für Markus Wolf, Sachgebietsleiter Abteilung Grünflächen, Umwelt und Forst ist klar: „Langfristig wird man vom Granulat abrücken müssen.“ Das Problem von Kunstrasenplätzen sind die Mikroplastik-Teilchen, die sich zwischen den Plastik-Grashalmen befinden. Sie funktionieren wie Erde im Naturrasen: Sie dämpfen ab. Das Gummigranulat bleibt jedoch nicht vollständig auf dem Rasen, sondern gelangt durch Wind, Regen und die Kleidung von Sportlern in die Umwelt und ins Grundwasser.

Vom Winde verweht: Kunststoffgranulat, das nicht mehr auf dem Spielplatz, sondern durch Luft und Regen vom Platz getragen wurde.
Vom Winde verweht: Kunststoffgranulat, das nicht mehr auf dem Spielplatz, sondern durch Luft und Regen vom Platz getragen wurde. | Bild: Judith Brouwers

Daten des Instituts sind umstritten

Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts sind Sportplätze damit die fünftgrößte Quelle für Mikroplastik in Deutschland: Jedes Jahr gelangen auf diese Weise gemäß den Berechnungen des Instituts rund 11 000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt. Um das zu verhindern, hat die Europäische Chemikalienagentur ECHA vorgeschlagen, das Einstreugranulat ab 2022 zu verbieten. Bisher ist aber unklar, ob es wirklich zum Verbot von Plastikeinstreu kommen wird. Denn die Daten des Fraunhofer-Instituts sind umstritten. Das Unternehmen Polytan, das Fußballplätze mit Kunstrasensystemen ausstattet, bezweifelt die Richtigkeit der Ergebnisse des Fraunhofer-Instituts. Gemäß den Zahlen müsste jeder Platz jährlich mehr als drei Tonnen Granulat verlieren. Die Realität liege aber nach Meinung des Unternehmens deutlich darunter, bei 200 bis 350 Kilogramm.

Auf den Markt gibt es aber schon mögliche Alternativen zum Plastikeinstreu. Nach Angaben der Stadt Überlingen haben die aber auch Nachteile: Eine Möglichkeit sei es, die Kunstrasenplätze statt mit Plastik mit Kork zu befüllen. Das dämpfe genauso gut wie das Gummigranulat, sei aber ein nachwachsender Rohstoff. Allerdings müsse für ein ökologischeres Ergebnis darauf geachtet werden, dass Kork nachhaltig und pestizidfrei angebaut werde. Kork sei zudem teurer als Plastik, könne schimmeln, es schwemme bei Feuchtigkeit auf und werde leichter als Plastik aus dem Spielfeld getragen.

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Statt des Gummigranulats könnten Vereine auch auf Quarzsand setzen – von ihm bräuchte es allerdings die vierfache Menge, um die gleiche Wirkung wie Plastik zu haben. Zusätzlich sorge Quarzsand für einen verstärkten Abrieb der Plastikhalme – die Haltbarkeit des Platzes minimiere sich so. Und: Bei Sandeinstreu steige die Verletzungsgefahr der Sportler. Zusätzliches Problem für viele Vereine: Eine Umrüstung der bestehenden Kunstrasenplätze ist teuer, zwischen 30 000 und 60 000 Euro können laut Kultusministerium anfallen.

Um sich ein Bild vor der Lage vor Ort zu machen, ist der Landtagsabgeordnete der Grünen, Martin Hahn, zum Kunstrasenplatz Altbirnau gekommen. Weil das Thema so schnell aufgekommen sei, wolle er sich nun einen Eindruck von der Situation in Überlingen machen.

Grünen-Politiker Martin Hahn zeigt das Plastikgranulat, das sich auf dem Überlinger Kunstrasenplatz befindet.
Grünen-Politiker Martin Hahn zeigt das Plastikgranulat, das sich auf dem Überlinger Kunstrasenplatz befindet. | Bild: Judith Brouwers

Die Situation im Sportgelände Altbirnau imponiere ihm: Nur 50 Kilogramm Plastikgranulat müsse der Verein jedes Jahr neu aufschütten, sagt FC 09-Vorsitzender Klaus Pillebeil. Dass das so wenig sei, liege auch an der guten Instandhaltung des Platzes: „Man kann viel einsparen, wenn man den Rasen gut pflegt. Wenn sich keine Häufchen von Granulat bilden, dann verliert man auch weniger Granulat, weil der Wind weniger davon trägt“, sagt Rolf Geiger, Leiter des städtischen Grünflächenamts. „50 Kilogramm – das finde ich im Vergleich zum normalen Plastikmüll eines Haushalts nicht viel“, sagte Hahn.

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Wichtig sei für ihn auch, das Mikroplastik-Problem von Kunstrasenplätzen mit dem hohen Wasserverbrauch für das Gießen von Naturrasenplätzen in Relation zu setzen. Die baden-württembergische Regierung hat die Landesförderung für Kunstrasenplätze, die mit Gummi-Granulat befüllt werden, bereits eingestellt. Bisher wurden Neubau und Sanierung von Kunstrasenflächen durch das Land bezuschusst. Wie eine Förderung von Umrüstungen aussehen könnte, kann Hahn bisher nicht beantworten. Laut Kultusministerium sollen Umrüstungen von Kunstrasenplätzen aber gefördert werden.

Diskussionsrunde auf dem Fußballplatz, von links: Rolf Geiger, Leiter der Abteilung Grünfläche, Umwelt und Forst, Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen, Günter Hornstein (oben), zweiter Vorsitzender des FC 09, Markus Wolf (unten), Sachgebietsleiter im Grünflächenamt der Stadt, und Klaus Pillebeit, erster Vorsitzender des FC 09 Überlingen.
Diskussionsrunde auf dem Fußballplatz, von links: Rolf Geiger, Leiter der Abteilung Grünfläche, Umwelt und Forst, Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen, Günter Hornstein (oben), zweiter Vorsitzender des FC 09, Markus Wolf (unten), Sachgebietsleiter im Grünflächenamt der Stadt, und Klaus Pillebeit, erster Vorsitzender des FC 09 Überlingen. | Bild: Judith Brouwers

Mittel dafür sieht Sportministerin Susanne Eisenmann im Solidarpakt Sport – dort stünden vier Millionen Euro zur Verfügung. Die Stadt will aber erst einmal abwarten. Falls sich das Verbot von Plastikgranulat durchsetzen sollte, will sich Bundesinnenminister Horst Seehofer für eine Übergangsfrist von sechs Jahren für bestehende Kunstrasenplätze einsetzen. „Das Thema ist jetzt angestoßen, es wird sich viel tun in den nächsten Jahren. Wir beobachten, was sich im Laufe der Zeit so tut, vielleicht kann man das Material ja dann irgendwann auswechseln“, sagt Geiger. Bis zur EU-Entscheidung dauert es mindestens noch ein Jahr. Wie diese ausfällt ist auch noch unklar: Denn bisher stützt sich die ECHA nur auf die Ergebnisse des Fraunhofer-Instituts. Das hat inzwischen eingeräumt, dass die ermittelten Zahlen auf Schätzungen beruhten, die nicht den deutschen Normen entsprachen – deshalb nehme das Institut bald eine neue Studie in Angriff.

Vereine in der Region

Auch andere Vereine in der Region geben sich gelassen. Die Spielvereinigung Frickingen/Altheim/Lippertsreute hat erst vor wenigen Jahren einen neuen Naturrasenplatz bekommen und sich aus wirtschaftlichen Gründen gegen einen Kunstrasenplatz entschieden. Sie ist also nicht von einem möglichen Mikroplastikgranulat-Verbot betroffen. Ähnlich verhält es sich bei den Sportfreunden Owingen-Billafingen, die erst vor Kurzem ihren Naturrasenplatz frisch saniert haben – aus wirtschaftlichen und Umweltgründen. Der FC Rot-Weiß Salem überlegt derzeit, auf einen Hybridrasen umzustellen. Genauer geplant ist zurzeit aber noch nichts. Auch der FC Uhldingen und der TuS Meersburg sind nach eigenen Angaben nicht von einem Kunststoffgranulat-Verbot betroffen. (jbr)