Am Tag zuvor hatte die Fußballnationalmannschaft in Yokohama das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Brasilien mit 0:2 verloren. Zweimal hatte Ronaldo den besten Torhüter des Turniers, Oliver Kahn, bezwungen und ganz Deutschland trug auch am lauen Sommerabend danach noch Trauer. Wohl auch der Owinger Markus Endres, der mit seinem Cousin kurz vor Mitternacht noch vor dem Fernsehgerät gesessen hatte.

"Wir hörten plötzlichen einen mächtigen Rumms", erinnert sich der Feuerwehrmann, der heute stellvertretender Abteilungskommandant ist: "Wir dachten: Kommt denn jetzt noch ein Gewitter." Auf dem Balkon wurden sie eines Besseren belehrt. Noch hoch oben am Himmel sahen sie "riesige Flammen" und beobachteten, wie offensichtlich brennende Teile herabstürzten. Sieht so die Apokalypse aus? "Wir hatten keine Ahnung, was das sein könnte", sagt Endres heute. "Wir haben auch gar nicht lange darüber nachgedacht." Doch sie wussten, dass in unmittelbarer Nähe etwas Katastrophales passiert sein musste.

Markus Endres: "Die Bilder kommen immer mal wieder hoch"

"Es hätte ja vielleicht auch ein Satellit oder etwas Ähnliches sein können", sagt Endres heute. "Wir sind dann ohne Alarmierung sofort zum Feuerwehrhaus gerannt", erinnert sich der Owinger. Als die Besetzung eines Löschgruppenfahrzeugs komplett war, fuhren sie auf Verdacht los. "Auf Sicht, denn wir konnten quasi die Flammen in Richtung Golfplatz sehen." Eine Funkverbindung und Informationen zu bekommen, war unmöglich. Doch die Gewissheit lag im Vorgarten eines Hauses: brennende Teile einer Tragfläche und das große Bugrad eines Flugzeuges. "Das musste eine riesige Maschine gewesen sein."

Dann löschten sie die Brände. "Die Bilder kommen immer wieder mal hoch", sagt Markus Endres mehr als 15 Jahre später: "Man soll sie ja auch nicht ganz verdrängen." Opfer, von denen einige gar nicht weit entfernt lagen, bekam Endres selbst zu diesem Zeitpunkt nicht zu Gesicht. "Als die Flammen gelöscht waren, wurde es ja stockdunkel."

Michael Lükewille: "Das Schlimmste war der Geruch"

Ähnlich erging es Feuerwehrmann Michael Lükewille in Überlingen. Noch bevor der Piepser einen Alarm meldete, wurde er vom Telefon aus dem Bett geklingelt. Der Lehrer ist verantwortlich für die Schulfeuerwehr des Salem College. Er traute seinen Ohren kaum, als der Internatsleiter fragte: "Bei Spetzgart ist ein Flugzeug abgestürzt. Die Schüler wollen raus. Was soll ich machen?" In der Schule brenne es, hörte Lükewille über Funk, als er wenig später im Tanklöschfahrzeug an einem brennenden Triebwerk vorbei fuhr.

Die Schule brannte nicht, doch was die Helfer wenige hundert Meter entfernt vorfanden, war schrecklich genug. 71 Menschen, davon 49 Kinder, hatten nach einer Kollision eines Passagierflugzeugs aus Baschkirien mit einer DHL-Frachtmaschine ihr Leben verloren. Mehr als 20 Schüler des Salem College durchstreiften später mit den Suchketten der Helfer der den brusthoch auf den Feldern stehenden Mais, um nach Leichen Ausschau zu halten.

"Mir macht das nichts, ich habe schon Schlimmes gesehen", zitiert Lükewille einen bosnischen Schüler von damals, der als Kind den Krieg um Sarajevo miterlebt hatte. Doch auch er sollte sich getäuscht haben. "Das Schlimmste war der Geruch, das ist sehr lange in der Nase geblieben."

Matthias Pasewaldt: "Lange Zeit ging mein Blick kritisch nach oben"

Noch von Triebwerksgeräuschen geweckt wurde in Owingen damals auch Matthias Pasewaldt, heute Gesamtkommandant der Feuerwehr. "Ich war schon wieder am Einschlafen, als ich durch den Alarm des Funkmeldeempfängers wach gerüttelt wurde." Beim Eintreffen am Feuerwehrgerätehaus kam ihm bereits das erste Löschfahrzeug entgegen. "Später stellte sich heraus, dass dies die Kameradinnen und Kameraden waren, die die Kollision am Himmel mitbekommen hatten und sich intuitiv in den Einsatz begeben hatten."

Die ganze Nacht hatte Pasewaldt Bereitschaft in der Funkstelle am Kogenbachkreisel. "Während ich dort meinen Dienst tat, ist eine Hundertschaft an Polizeifahrzeugen reihenweise mit Blaulicht nach Owingen gefahren und ich habe mich gefragt, wie es wohl in unserem Ort ausschauen dürfte. Sind Menschen zu Schaden gekommen? Sind Gebäude beschädigt?" Zu diesem Zeitpunkt war das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht bekannt, man wusste noch nicht, wie viele Menschen ihr Leben hatten lassen müssen.

"Mein größter Respekt gilt all den Einsatzkräften, die die schreckliche Aufgabe der Bergung der Opfer übernommen haben," sagt Pasewaldt: "Lange Zeit danach ging mein Blick kritisch nach oben, sobald irgendwelche Fluggeräusche von Verkehrsmaschinen zu hören waren. Dieses Ereignis wird mir für ewig in Erinnerung bleiben, zumal das Jahr des Absturzes das Geburtsjahr meines ersten Sohnes war."

Christian Gorber: "Das Flugzeugunglück war der größte Einsatz in der Geschichte"

Christian Gorber aus Überlingen ist heute Oberbrandmeister und Pressesprecher der Kreisfeuerwehren. "Das Flugzeugunglück war der größte Einsatz in der Geschichte", sagt Gorber, "nicht aber automatisch der schlimmste." In seiner jetzt 30-jährigen aktiven Dienstzeit habe er Einsätze erleben müssen, "die mir persönlich noch mehr unter die Haut gegangen sind. Das hat immer auch mit individuellen Faktoren zu tun."

Falsch findet es Christian Gorber, wenn man bei Freiwilliger Feuerwehr immer gleich an "Horroreinsätze" denke. Denn bei der ganz überwiegenden Anzahl der echten Notfalleinsätze, in denen es "um die Wurst" geht, gelinge es der Feuerwehr, Leben zu retten. Und das Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein und seinen "Job" gut gemacht, mit einem echten Team Leben gerettet zu haben, sei mit nichts vergleichbar. Gorber: "Das trägt auch durch schwere Stunden."

 

Großeinsätze für die Feuerwehren in Überlingen

Die Rauchschwaden verhießen nichts Gutes: Im hinteren Bereich dieses Hauses in der Wiestorstraße brach 1989 ein Feuer in einem chinesischen Restaurant aus. Der Brand breitete sich rasend schnell aus, auch auf die beiden anliegenden Gebäude.
Die Rauchschwaden verhießen nichts Gutes: Im hinteren Bereich dieses Hauses in der Wiestorstraße brach 1989 ein Feuer in einem chinesischen Restaurant aus. Der Brand breitete sich rasend schnell aus, auch auf die beiden anliegenden Gebäude. | Bild: Dirk Diestel
  • Februar 1989
    Erst als bereits die Flammen aus den Fenstern im ersten Obergeschoss schlugen, bemerkte eine Frau den Brand im hinteren Bereich des Hauses Wiestorstraße 17. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Zum Glück war bald klar, dass sich keine Menschen mehr in dem Gebäude befanden. Alle Löschzüge der städtischen Abteilung der Feuerwehr sowie aus den Teilorten Bambergen, Hödingen und Nußdorf waren mit 120 Mitgliedern im Einsatz, außerdem die Drehleiter aus Uhldingen-Mühlhofen. Nach zweieinhalb Stunden war der Brand unter Kontrolle. Wie die Untersuchungen ergaben, war dieser im Küchenbereich eines chinesischen Restaurants ausgebrochen. Der Schaden belief sich auf 1,5 Millionen Mark.
  • Dezember 1990
    Nachdem es bereits 1984 in der Gaststätte „Zum Faulen Pelz“ gebrannt hatte, brach dort im Dezember 1990 erneut ein Feuer aus. Der Vollbrand im Erdgeschoss und dem ersten Obergeschoss rief ein Großaufgebot der Feuerwehr auf den Plan. Alle Löschzüge der Stadt sowie der Abteilungen Bambergen, Bonndorf, Hödingen, Nesselwangen und Nußdorf waren im Einsatz. 29 Menschen wurden evakuiert. Über 200 Feuerwehrleute bekamen das Feuer nach zweieinhalb Stunden unter Kontrolle. Erst nach 15 Stunden wurde endgültig „Feuer aus“ an die Leitstelle übermittelt.
  • Mai 1999
    Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser waren die Feuerwehren stark gefordert, besonders Hagnau traf es hart. Der Pegelstand des Sees stieg kontinuierlich an und lag zeitweise bei 5,65 Metern, über zwei Meter höher als üblich um diese Jahreszeit. Die Feuerwehr Hagnau bereitete sich Tag und Nacht vor und füllte etwa 3000 Sandsäcke. Doch als der Sturm aufzog, war die Feuerwehr machtlos. Der Landungssteg wurde wie mit einem Hieb in Einzelteile zerschlagen. In der Seestraße stand das Wasser über einen Tag lang etwa einen halben Meter hoch. Geschäfte und Wohnhäuser wurden überflutet, die Parkanlage wurde komplett zerstört. Die Feuerwehren waren eine Woche lang in kompletter Stärke im Einsatz.
  • April 2001
    Der Hotel-Traube-Brand sollte einer der gefährlichsten Brände werden, die Überlingen in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Schuld daran war die kompakte, geschlossene Bauweise der Altstadt. Lebensgefährlich wurde der Einsatz für den Trupp, der sich in das brennende Haus begab. Der Rückzugsweg wurde durch heruntergestürzte brennende Bauteile abgeschnitten. Auch die Schlauchleitung, die ins Gebäudeinnere verlief, wurde durch herabstürzende Teile durchtrennt. Damit waren die Feuerwehrleute in der Falle, eingeschlossen im Feuer. In der Folge mussten die Feuerwehrleute, die mit der Drehleiter unterwegs waren, von der Brandbekämpfung abgezogen werden, um ihre Kollegen zu retten. Die Rettungsaktion glückte in letzter Sekunde. Das Feuer war nach eineinhalb Stunden unter Kontrolle. 15 Fahrzeuge und ungefähr 120 Wehrmitglieder waren im Einsatz. (che)

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