Hunderte Literaturbegeisterte waren bei den erstmals zwei langen Büchernächten am Freitag und Samstag in der Stadt unterwegs. An 15 Orten fanden über 30 Lesungen statt. Kulturamtsleiter Michael Brunner zeigte sich sehr zufrieden mit der Besucherresonanz. "Vor allem abends war sie gigantisch." So standen die Fans von Matthias Zimmermann, der in der Stadtbücherei Texte von Martin Suter präsentierte, bereits in der Steinhausgase Schlange.

Brunner selbst bestritt am Freitagabend den Auftaktvortrag dieser 16. Büchernacht-Auflage. Im Museumssaal, der Schauplatz einer Reihe von Veranstaltungen war, die auch zur derzeitigen Monster-und-Geister-Ausstellung passten, referierte Brunner über Kunst-Pionierinnen bis 1700. Bereits in der Antike gab es Künstlerinnen, eine Frau soll sogar die Kunst erfunden haben. Allerdings schmälerte und verzerrte die dominierende männliche Perspektive jahrhundertelang weibliche Leistungen, so tat das etwa der barocke Maler und Kunsthistoriker Joachim von Sandrart. Die Büchernacht wird 2019 und 2020 wegen des Stadtjubiläums anders verlaufen: 2019 in kleinerer Form, da die Stadt als Veranstalter ausfällt. Dafür soll es im Jubeljahr 2020 zwei Lesefestivals geben: eine Büchernacht im Mai mit dem Fokus auf Überlinger Literatur sowie die Klassikerin im November.

Wolfgang Neuser und Ulf Janicke erklären die Welt der Quanten. Bild: Sylvia Floetemeyer
Wolfgang Neuser und Ulf Janicke erklären die Welt der Quanten. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Reise ins Subatomare

Mit „Quantensprung“ bezeichnet der Volksmund gerne einen großen Fortschritt. Tatsächlich beschäftigt sich die Quantenmechanik mit der subatomeren Welt, der Physik des Ultrakleinen, die den so genannten gesunden Menschenverstand übersteigt. Der Physiker Ulf Janicke (rechts) und der Physiker und Philosophieprofessor Wolfgang Neuser versuchten, im Museumssaal eine Einführung in die Quantenmechanik und -philosophie zu geben. Schwierig, denn, so betont Neuser, die Quantenmechanik folge einer anderen Logik „als die Alltagslogik in der Makrowelt". Lassen sich bei einem Aufprall zweier Autos alle Faktoren genau berechnen, gilt das nicht für die Welt der Quanten: „Wenn wir den Impuls haben, haben wir keinen Ort“, so Neuser. Man könne entweder nur das eine oder das andere messen. So sei auch das berühmte Doppelspalt-Experiment, wie Janicke erläutert, zwar einfach zu beschreiben, aber nur sehr schwer zu begreifen. (flo)

Thommie Bayer las in der "Buchlandung" aus seinem neuesten Roman. Bild: Sylvia Floetemeyer
Thommie Bayer las in der "Buchlandung" aus seinem neuesten Roman. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Bayer in der „Buchlandung“

Thommie Bayer war sicher der größte Literaturstar, der bei der diesjährigen Büchernacht auftrat. Entsprechend groß war der Andrang in der Buchhandlung „Buchlandung“, wo nicht alle Interessierten Platz fanden. Mit Reibeisenstimme las der gebürtige Esslinger Bayer, nachdem ihn sein einstiger Schwager Ossi Burger kurz vorgestellt hatte, ein großes Stück aus seinem neuesten Roman „Das innere Ausland“. In Letzterem vereinsamt der Protagonist, der 64-jährige Andreas, nach dem Tod seiner Schwester Nina in deren Haus in Südfrankreich mehr und mehr. Doch plötzlich steht eine junge Frau namens Malin vor der Tür und reißt ihn aus seiner Lethargie, indem sie verkündet: „Ich bin deine Nichte.“ Andreas wusste nicht, dass seine Schwester eine Tochter hatte und auch Malin erfuhr erst nach Ninas Tod, dass diese ihre wahre Mutter war. Nach und nach entwickelt der vielseitig begabte Bayer in seinem Roman die Schicksale der drei Hauptfiguren. (flo)

Eggert Blum, Wolf-Ulrich Strittmatter und Oswald Burger (von links) bei ihrer Lesung im "Knallaktiv-Café". Bild: Sylvia Floetemeyer
Eggert Blum, Wolf-Ulrich Strittmatter und Oswald Burger (von links) bei ihrer Lesung im "Knallaktiv-Café". | Bild: Sylvia Floetemeyer

Leseort mit Geschichte

Den neunten Band aus der Reihe „Täter, Helfer Trittbrettfahrer“ über NS-Belastete aus der Region stellten die drei Autoren Eggert Blum, Wolf-Ulrich Strittmatter und Oswald Burger (von links) an einem geschichtsträchtigen Ort vor: dem „Knallaktiv-Café“ des Gemeindepsychiatrischen Zentrums. Denn es befindet sich in einem der früheren acht Eingänge des ehemaligen Goldbacher Stollens, den KZ-Häftlinge bauen mussten. Burger schrieb über Georg Grünberg, der als SS-Kommandant auch für das Überlinger Außenlager des KZs Dachau zuständig war und nach dem Krieg als „Mitläufer“ davonkam. Von Strittmatter stammt der Beitrag über den Journalisten Julius Viel aus Ravensburg, der mit 81 Jahren zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, weil er im April 1945 sieben jüdische Häftlinge erschossen hatte. Blum zeigt in seinem Beitrag über Martin Heidegger, wie tief der Philosoph in völkisches und rassistisches Denken verstrickt war. (flo)

Anschaulich erklärt Peter Pautsch das Prinzip des "Lean Managements". Bild: Sylvia Floetemeyer
Anschaulich erklärt Peter Pautsch das Prinzip des "Lean Managements". | Bild: Sylvia Floetemeyer

Schlankes Wirtschaften

Unterhaltsam erklärte Peter Pautsch, Professor für Volkswirtschaft, im Museumssaal das Prinzip des „Lean Managements“, also des schlanken Wirtschaftens. Es geht darum, Werte ohne Verschwendung zu schaffen. Dies gelingt, indem man etwa unnötige Wartezeiten und Wege vermeidet, wiederkehrende Abläufe optimiert und direkt in der Produktion ansetzt. Pautsch bediente sich anschaulich des Beispiels der Polarexpeditionen von Scott und Amundsen. Im Gegensatz zu Scotts Team, das 18 Kilometer von einem Nahrungslager entfernt verhungerte, nutzte Amundsen Wartezeiten, um die Ausrüstung zu verbessern, setzte Hundeschlitten (statt Ponys) ein und markierte nicht nur die Depots sondern auch die Wege dahin. Scotts Priorität war, den Südpol zu erreichen, Amundsens Hauptziel, sein Team heil nach Hause zu bringen. Anhand clever markierter Ordner illustrierte Pautsch außerdem, was ein effizientes Ordnungssystem ausmacht. (flo)

Grete Leutz berichtet, wie sie das Novemberpogrom 1938 in Überlingen erlebte. Bild: Sylvia Floetemeyer
Grete Leutz berichtet, wie sie das Novemberpogrom 1938 in Überlingen erlebte. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Deutscher Schicksalstag

Über den „Schicksalstag der Deutschen“, den 9. November, und zwar in Überlingen, berichtete Oswald Burger an eben diesem Datum im Rathauscafé. Am Anfang steht die Ausrufung der Republik und die Revolution 1918, die, so Burger, in Überlingen nicht wirklich etwas veränderte. Bewusst wählte Hitler für seinen Putsch 1923 den 9. November und bewusst an diesem Tag startete 1938 die endgültige Entrechtung der Juden. In Überlingen ging die SA gegen den Wäschehändler Levi vor. Die 88-jährige Grete Leutz berichtete, wie sie tags darauf an dem geschändeten Laden vorbeikam. Ein Jahr später entging Hitler dem Attentat, das Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller verübte, wo sich die Nazis zum „Heldengedenktag“ trafen. Eine völlig andere Qualität hat der 9. November 1989. Schon kurz darauf entsteht die schon zu DDR-Zeiten angebahnte Städtepartnerschaft Überlingens mit Bad Schandau. Das Bild zeigt die 88-jährige Grete Leutz, die darüber berichtet, wie sie das Novemberpogrom 1938 in Überlingen erlebte. (flo)

Grusel-Lesung für Kinder. Bild: Julia Rieß
Grusel-Lesung für Kinder. | Bild: Julia Rieß

Gruselwusel im Rathaussaal

Rund 20 Kinder im Alter von vier Jahren und aufwärts lauschten im historischen Rathaussaal eine knappe Stunde der Geschichte vom Baby-Gespenst Gruselwusel. „So lange habt Ihr ruhig zugehört“, wurden Sie am Ende von Luise Schindele gelobt, „das erlebt man nicht oft.“ Dass sich sechs Vorleser des Lesezeichen e.V. die Rollen teilten und dadurch die Geschichte noch lebendiger wurde, trug bestimmt seinen Teil dazu bei. „Die Sache mit dem Gruselwusel“ von Christine Nöstlinger erzählt von Joschi, der seiner furchtlosen Schwester Mizzi mit einem selbst gebastelten Gespenst einen gehörigen Schreck einjagen will. „Aus Versehen“ erweckt Joschi mit einem Zauberspruch den Gruselwusel zum Leben, und muss das Baby-Gespenst vor seiner Familie verstecken. Das ist nicht einfach: Es will drei Mal am Tag mit Spinnweben gefüttert werden und stellt im Haus so einiges auf den Kopf. Schließlich kommt Mizzi hinter das Geheimnis und bastelt mit Joschi eine Gruselwusel-Mama, damit die sich um Gruselwusel kümmert... (jur)