Der Bundestag hat die Mission der Bundeswehr in Afghanistan für zehn Monate verlängert. Das hat auch Konsequenzen für den evangelischen Militärpfarrer Hans Wirkner (42), der nach seiner Gemeindearbeit in Salem und Pfullendorf seit Ende 2018 als Militärseelsorger in Stetten am kalten Markt tätig ist.

In der zweiten Jahreshälfte wird er für einige Monate an den Hindukusch gehen und dort geistlicher Beistand der Einsatzkräfte sein – jeweils einen Monat Quarantäne vorher und nachher inklusive.

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Für Wirkner ist diese Abordnung eine Verpflichtung. Als Militärpfarrer sehe er seine Aufgabe „überall da, wo die Soldaten sind“. Dies gilt sowohl für die Albkaserne in Stetten wie für den Einsatz im Krisen- und Kriegsgebiet, den er als seelsorgerliche Aufgabe versteht.

Als Pfarrer der evangelischen Landeskirche in Baden sei er für das Militärpfarramt in Stetten quasi „ausgeliehen“ an die Militärseelsorge. „Nach innen bin ich immer badischer Pfarrer“, sagt Hans Wirkner: „Die Verteidigungsministerin kann mir da nichts vorschreiben. Das ist eine tolle Regelung.“

Militärpfarrer war als Soldat in Afghanistan

In Afghanistan war der jetzige Militärpfarrer schon einmal als Soldat im Rahmen seines Wehrdienstes. Vorgedrängelt hat er sich jetzt dennoch nicht. „Ich werde abgeordnet“, erklärt Wirkner. Es sei keine Frage „ob ich will oder nicht?“ Als Militärpfarrer begleite er Soldaten „überall, wo sie sind“, sagt Wirkner, das sei für ihn „keine Wahl, sondern ein Anspruch“.

Es sei zwar längst „nicht alles gut in Afghanistan“, sagt er in Anspielung auf ein Zitat der früheren EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann. „Doch es ist einiges besser geworden“, ist er überzeugt.

Das ehemalige Postgebäude der früheren Kaserne war in den 1960er Jahren schon von den damals hier stationierten französischen Truppen zu einer Kirche umgebaut worden. Hier befinden sich neben einem Andachtsraum und einem Unterrichtsraum auch die Büros der beiden Militärpfarrer Hans Wirkner und Pater Stefan Havlik.
Das ehemalige Postgebäude der früheren Kaserne war in den 1960er Jahren schon von den damals hier stationierten französischen Truppen zu einer Kirche umgebaut worden. Hier befinden sich neben einem Andachtsraum und einem Unterrichtsraum auch die Büros der beiden Militärpfarrer Hans Wirkner und Pater Stefan Havlik. | Bild: Hanspeter Walter

Dass die evangelische Landeskirche in Baden ein Strategiepapier mit dem Titel „Sicherheit neu denken“ entworfen hat, in dessen Szenario die militärische Verteidigung und die Bundeswehr bis zum Jahr 2040 überflüssig gemacht werden sollen, respektiert Pfarrer Hans Wirkner. Die Zuversicht der Autoren teilt er allerdings nicht und hält sie für zu visionär.

Neue Kirchenglocken mit Munitionsresten

„Friede sei mit euch“ steht auf einer der beiden neuen Kirchenglocken, die der Militärseelsorger in einem Projekt mit seinem römisch-katholischen Amtsbruder Militärpfarrer Pater Stefan und mit rund 60 Soldaten im Vorjahr in Straßburg gießen ließ und die an Pfingsten in der Kirche der Kaserne aufgehängt und geweiht werden sollen. „Wenn in der Umgebung Gewehrfeuer zu hören ist, läuten wir mit unseren Glocken.“

Dass in den Glockenguss auch Munitionsreste – teilweise noch aus dem ersten Weltkrieg – eingebracht wurden, sieht Hans Wirkner auch als Denkanstoß für die Soldaten zur kritischen Reflexion der eigenen Rolle und zum Lernen aus der Geschichte. „Schon 1917 wurden Glocken eingeschmolzen und zu Waffen gemacht“, sagt der Pfarrer.

Während der Passionszeit umgibt ein Stück Stacheldraht die Bibel auf dem Altar. „Das ist ja im Prinzip die moderne Dornenkrone“, sagt Pfarrer Hans Wirkner.
Während der Passionszeit umgibt ein Stück Stacheldraht die Bibel auf dem Altar. „Das ist ja im Prinzip die moderne Dornenkrone“, sagt Pfarrer Hans Wirkner. | Bild: Hanspeter Walter

In Erinnerung an das Ende des 1. Weltkriegs habe er dieses Projekt angeregt. Hier habe man den Prozess umgedreht und quasi „Waffen zu Glocken gemacht“ – auch als Impuls in der Kaserne. „Wir als Kirche sind bei euch“, formuliert Wirkner seine Botschaft: „Aber wir mahnen und fragen euch: Macht ihr das, was ihr macht, mit gutem Gewissen?“

Pfarrer legt Wert auf zivile Konfliktlösung

Zivile Konfliktlösung haben „immer Vorrang“, betont der Pfarrer. Er persönlich sei allerdings der Überzeugung, „dass wir 2021 und noch eine ganze Weile Streitkräfte als ‚ultima ratio‘ brauchen, um Werte zu verteidigen“.

Im Ernstfall müsse man sagen können: „Wenn ihr einen Schritt in das Dorf macht, um das Dorf zu zerstören, um die Kinder zu quälen und Frauen zu schänden, dann werden wir uns wehren.“ Es sei allerdings ein „Scheitern der Menschlichkeit“, wenn es soweit komme.

Bedarf an Seelsorge ist „gigantisch groß“

Der Bedarf an Seelsorge sei auch in der Albkaserne, in der mehr als 3000 Soldaten und zivile Mitarbeiter tätig sind, „gigantisch groß“. Dabei gehe es um individuelle Probleme, Paarseelsorge oder Belange von Gruppen – bis hin zu Kriseninterventionen, sagt der zum Konfliktmoderator ausgebildete Geistliche und fügt hinzu: „Das schöne ist: Dafür ist hier immer Zeit, anders als oft in den Gemeinden.“

Zum Pflichtprogramm gehört der „Lebenskundliche Unterricht“ mit einem festen Themen – unabhängig von Konfession oder Religion. Ziel sei, so Hans Wirkner, eine „berufsethische Qualifizierung für Soldaten“, um das eigene Handeln kritisch und moralisch hinterfragen zu können.

An der Wand hängt die Kopie eines dreiflügeligen Altars, den deutsche Soldaten in einem englischen Kriegsgefangenenlager zu Weihnachten 1945 unter der Anleitung eines Künstlers gemeinsam gestaltet haben. Auf der anderen Seite ein Druck der berühmten Stalingrad-Madonna, die ein eingekesselter Soldat 1942 mit einem Kohlestift und dem Titel „Licht – Leben – Liebe“ gezeichnet hatte.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen die guten Willens sind… Ein dreiflügeliger Altar, wie ihn deutsche Soldaten in englischer Kriegsgefangenschaft vor Weihnachten 1945 gestaltet hatten. Ein Objekt, das Hans Wirkner berührt und das er mit Soldaten thematisiert.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen die guten Willens sind… Ein dreiflügeliger Altar, wie ihn deutsche Soldaten in englischer Kriegsgefangenschaft vor Weihnachten 1945 gestaltet hatten. Ein Objekt, das Hans Wirkner berührt und das er mit Soldaten thematisiert. | Bild: Hanspeter Walter

Nicht das Ziel, „den Kampf besser zu machen“

Wenn er gefragt werde, was ihm an der Arbeit mit den Soldaten wichtig sei, erzähle er diese beiden Geschichten, sagt Wirkner. „Ich bin kein Politoffizier, mein Ziel ist es nicht, den Kampf besser zu machen“, betont der Pfarrer und formuliert stattdessen seine Botschaft: „Selbst wenn alles um dich verloren scheint, bist du als Mensch nicht verloren, selbst wenn die Lage aussichtslos scheint.“

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