Genau zu Beginn der 1960er-Jahre war der "Männergesangverein Eintracht 1860 Salem-Neufrach" 100 Jahre alt. Bis heute wird im Verein die Sangeskultur gepflegt und nach hoher Qualität gestrebt. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit doch so manches verändert. Der Traditionsverein hat sein Alleinstellungsmerkmal aus früheren Zeiten verloren. Die örtliche Vereinspalette ist gewachsen, das Freizeitangebot gestiegen. An Nachwuchs fehlt es allerorts, auch bei Salems Sangesmannen um Dirigent Ulrich Raither. 39 sind sie an der Zahl und das nur durch die Fusion mit einem Teil des mittlerweile aufgelösten Chorensembles aus Mimmenhausen. Das durchschnittliche Alter der Mitwirkenden liegt bei 66 Jahren. Der Jüngste ist 32, der Älteste 89 Jahre alt. In den 60er-Jahren war das noch anders.

"Da waren die ganz jungen Nachwuchssänger noch stolz, mit den gestandenen Männern zusammen zu singen", erzählt Peter Müller, der seit 1960 dabei ist. Dass das Durchschnittsalter vormals deutlich niedriger war, sieht Chorkollege Siegfried Kienle auch darin begründet, "dass es in früheren Zeiten nur wenig Optionen für junge Leute gab, überhaupt einmal zuhause raus zu kommen". Das hat sich durch das breite Freizeitangebot heutzutage deutlich gewandelt. Und noch mehr ist anders: "Das Singen hat damals noch einen viel größeren Stellenwert gehabt. Überall wurde gesungen", sagt der Männerchorvorsitzende Wilhelm Gindele. Hinzu kam die Unterstützung von außen. Zum Beispiel durch die 1985 verstorbene Musikpädagogin Dora Loch-Roth, "die das Musikverständnis der Gemeindejugend geweckt hat", erinnert sich Joachim Sigel, der langjährige und mehrfach ausgezeichnete Männerchorleiter.

Heute gibt es nur wenige jüngere Nachwuchssänger. "Der soziale Aspekt, sich gesanglich oder anderweitig als Chorgruppe für gemeindliche und kirchliche Zwecke zur Verfügung zu stellen, ist für den Sängernachwuchs eher ein Hemmnis", stellt der aktuelle Männerchorleiter fest. Auch das Interesse am Pflegen der Chorgemeinschaft über das Singen hinaus, beispielsweise durch gemeinsame Ausflüge, hat laut Raither abgenommen. "Jeder will heute seine Freizeit individuell gestalten, keiner will sich binden", ergänzt Vorsitzender Gindele. Die Nachproben im ehemaligen Wirtshaus Sternen hätten seinerzeit deutlich länger gedauert. Derzeit müsse jeder aufgrund von vielfältigen Verpflichtungen möglichst bald daheim sein, bedauert Sänger Peter Müller.

Geprobt wurde bis 1972 im alten Rathaus vis à vis des heutigen Rathausbaus. Schon immer waren Leiter und Sänger bestrebt, guten Gesang und ebensolche Harmonien zu produzieren. "Das Bemühen um die Qualität ist geblieben", betont Joachim Sigel. Genauso sind Teile des Repertoires gleich. Nach wie vor werden deutsche Volkslieder und klassisches Liedgut gesungen, aber zunehmend auch aktuellere Titel einstudiert. Entscheidend ist nach Ansicht von Dirigent Ulrich Raither, wie es geübt wird. Zum Beispiel wird viel Wert gelegt auf Aussprache und Dynamik. Die Anforderungen an die singenden Männer sind gestiegen durch ein Mehr an Rhythmik – und weil die Lieder aus Rundfunk und Fernsehen bekannt sind. "Deshalb müssen sie entsprechend gut rüberkommen, weil jeder das Original kennt", erklärt Raither seinen Qualitätsanspruch.

Bei überregionalen Wettbewerben waren die Chorsänger schon sehr erfolgreich und auch in der Heimat waren und sind sie bis heute aktiv. Zusätzlich zu ihrem alljährlichen Festkonzert in der Neufracher Kapelle treten sie regelmäßig im Dienst der Allgemeinheit auf. Beispielsweise singen sie beim altenbetreuten Wohnen, im Pflegeheim Wespach oder bei festlichen Gottesdiensten. Pianistin und Ex-Musikschulleiterin Barbara Mohm-Löhle begleitete sie häufig. An den Benefizkonzerten zur Anschaffung eines Konzertflügels für die Festhalle Prinz-Max waren sie ebenfalls rege beteiligt. Ebenso beim "Großen Landesfest" zur Übernahme von Schloss Salem durch das Land in 2009.

Interessierte sind dem Männergesangverein stets willkommen. Auf einem extra für die Mitgliederwerbung erstellten Flyer heißt es: "Schick uns deinen Mann und du hast Zeit für dein Hobby." Eine coole, junge Frau mit feuerroten Haaren, Stöckelschuhen und Arm-Tätowierung spielt daneben in Kittelschürze und mit Besen die Luftgitarre. Humorvoll geht der Chor aus Salem das Problem des Mitgliederschwundes an, der derzeit viele Männerchöre ereilt. Zwar haben die Sänger durch den Zusammenschluss mit dem Mimmenhausener Chor im Jahr 2013 aktuell noch 39 Sänger, aber das Durchschnittsalter ist mit 66 Jahren zu hoch. "Wir suchen dringend nach jungen Mitsängern", sagt Raither, der das Ensemble seit elf Jahren leitet.

Neben der hohen musikalischen Qualität wird auch Wert gelegt auf das Miteinander. Einmal monatlich soll wieder eine gesellige Unternehmung angeboten werden, schwebt Raither vor. Außerdem betont er, "dass Singen geistig fit hält". Geprobt wird immer montags zwischen 20 und 21.30 Uhr im Proberaum des Prinz-Max im Salemer Teilort Neufrach. Kontakt ist möglich über den Vorsitzenden Wilhelm Gindele, der telefonisch unter 0 75 53/9 16 48 35 erreichbar ist. Der musikalische Leiter ist zu erreichen unter der Nummer 0 75 53/6 03 42. Weitere Informationen zum Chor gibt es im Internet unter www.maennerchor-neufrach.de.

Spannende Vereinsgeschichte

Die Vereinswurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Mai 1863 konnte der Gesangverein seine erste Fahnenweihe feiern. Doch schon sieben Jahre später kam es laut Festschrift zu einer schweren Vereinskrise. Grund hierfür waren politische Auseinandersetzungen. Die damaligen Neufracher Sänger spalteten sich noch vor Gründung des deutschen Kaiserreichs auf in "Rote" und "Schwarze". Die im Jahr 1898 erstellte Vereinsfahne trägt den Namen "Gesangverein Eintracht Neufrach 1898" und kann für das danach folgende, einträchtige Miteinander bis heute stehen. Die Fahnen-Vorderseite ziert das Großherzoglich Badische Wappen, sowie Abbildungen von den alten Musikinstrumenten Lyra und Harfe. Auf der Rückseite ist das damalige Motto zu lesen: "In Freud und Leid zum Lied bereit."

Das 2001 restaurierte Fahnensymbol hat auf Anregung des langjährigen Sängers Paul Müller einen Ehrenplatz in einer Glasvitrine im heutigen Prinz-Max gefunden. Im Laufe der Vereinsgeschichte gab es einige Auszeichnungen unter anderem die Zelter Plakette zur 100-Jahr-Feier. Die konnte erst ein Jahr nach dem Vereinsgeburtstag überreicht werden, weil der damalige Leiter Willi Busch erkrankt war. Mit der Plakette wurde das langjährige Engagement der Neufracher Chorgemeinschaft um Chormusik und Volksliedgut gewürdigt. Zum 125. Jubiläum feierten die Sänger mit einem Festkonzert im Bildungszentrum sowie einem Freundschaftssingen im Dorfgemeinschaftshaus Beuren. Drei Jahre später, im Jahr 1989, gelang dem Chorensemble ein besonderer Erfolg. Bei einem Wertungssingen in Prag im Rahmen des Internationalen Chorwettbewerbs erhielt der Klangkörper die Gesamtnote "ausgezeichnet" und das "Goldene Band". Der damalige musikalische Leiter Joachim Sigel wurde im Zuge dessen als "bester Nachwuchs-Dirigent" geehrt.

Zwölf Jahre danach stellte sich die Chorgruppe erneut erfolgreich einem Wettbewerb. Mit dem Titel "Konzertchor im Badischen Sängerbund" kehrten sie vom Chorwettbewerb in Karlsruhe zurück. Neben Wettbewerben unternahm die Salemer Sängergruppe auch einige Reisen wie zum Beispiel nach Südtirol, Luxemburg, München oder Wien. Die Reisen waren immer gekrönt von einem Konzert. Für ihr Gastkonzert auf Borkum haben sie damals 1000 D-Mark bekommen, erzählt der frühere Vereinsvorsitzende Gebhard Gern. Auch die Zuspätkommer-Kasse und das jährliche Flaschensammeln am Ort brachten Geld in die Vereinskasse. Damit konnten die Sangesmannen dann wieder neue Reisen unternehmen. Heutzutage wird deutlich weniger gereist.

Auch in der Heimat waren und sind die Chorsänger bis heute aktiv. Zusätzlich zu ihrem alljährlichen Festkonzert in der Neufracher Kapelle treten sie regelmäßig im Dienst der Allgemeinheit auf. Beispielsweise singen sie beim altenbetreuten Wohnen, im Pflegeheim Wespach oder bei festlichen Gottesdiensten. Pianistin und Ex-Musikschulleiterin Barbara Mohm-Löhle begleitete sie häufig. An den Benefizkonzerten zur Anschaffung eines Konzertflügels für die Festhalle Prinz-Max waren sie ebenfalls rege beteiligt. Ebenso beim "Großen Landesfest" zur Übernahme von Schloss Salem durch das Land in 2009.