Die toskanische „Stadt der Türme“ San Gimignano und Meersburg haben viele Gemeinsamkeiten: Wein, gutes Essen, Tourismus und eine sehenswerte Altstadt zeichnen beide Städte aus, nur dass San Gimignano von allem ein bisschen mehr hat. So kamen 2018 und 2019 jeweils rund drei Millionen Tagestouristen mit 16 000 bis 18 000 Bussen und über einer Million Autos, dazu noch einmal rund 200 000 Übernachtungsgäste, die über 500 000 Übernachtungen gebucht haben. Das sind deutlich mehr Touristen, als Meersburg und die Mainau zusammen haben. Doch wo sich sonst die Massen durch die Gassen wälzen und man ein polyglottes Gezwitscher aller nur denkbaren Sprachen hören kann, herrscht zur Zeit eine gespenstische Ruhe.

So sieht es zu normalen Zeiten in San Gimignano aus: Der Domplatz, an dem auch das Rathaus, das „Pro Loco“, eine Bar und einige Geschäfte liegen, ist nicht nur voll, wenn der Fanfarenzug aus Meersburg spielt.
So sieht es zu normalen Zeiten in San Gimignano aus: Der Domplatz, an dem auch das Rathaus, das „Pro Loco“, eine Bar und einige Geschäfte liegen, ist nicht nur voll, wenn der Fanfarenzug aus Meersburg spielt. | Bild: Uwe Petersen
Die italienische Tricolore wird vielfach als Symbol des Durchhaltens genutzt. In San Gimignano hat Bürgermeister Andrea Marrucci die drei Rathausfenster im ersten Stock grün, weiß und rot illuminieren lassen – zur Freude der Bewohner.
Die italienische Tricolore wird vielfach als Symbol des Durchhaltens genutzt. In San Gimignano hat Bürgermeister Andrea Marrucci die drei Rathausfenster im ersten Stock grün, weiß und rot illuminieren lassen – zur Freude der Bewohner. | Bild: Stadt San Gimignano

Drastische Ausgangssperre in Italien

Wie im ganzen Land herrscht auch in San Gimignano und der Toskana eine drastische Ausgangssperre. Wer sein Haus verlassen möchte, braucht einen Passierschein, auf dem er den Anlass des Ausganges begründen muss. Wird jemand ohne diesen Schein angetroffen oder hat er keinen plausiblen Grund für seinen Gang, drohen drastische Strafen. Dabei darf man seinen Wohnort nicht verlassen, muss alle Besorgungen im Dorf erledigen. Die geringen Lockerungen, die in den vergangenen Tagen gemacht wurden – so dürfen etwa Läden für Kinderbekleidung wieder öffnen – gehen mit einer allgemeinen Maskenpflicht einher: Jeder Bürger hat von seiner Gemeinde ein Päckchen bekommen. Damit alle Bürger immer Bescheid wissen, bietet Bürgermeister Andrea Marrucci fast täglich Fragestunden bei Facebook an.

Fulvia Braccagni: „Viele glauben, dass die Saison 2020 völlig verloren ist und erst ab März 2021 wieder beginnt. Ich habe Angst, dass sie recht haben.“
Fulvia Braccagni: „Viele glauben, dass die Saison 2020 völlig verloren ist und erst ab März 2021 wieder beginnt. Ich habe Angst, dass sie recht haben.“ | Bild: Uwe Petersen

Fulvia Braccagni, die im normalen Leben in der Touristinfo „Pro Loco“ in San Gimignano arbeitet, trägt ihre Maske. Sie arbeitet seit dem 12. März im Homeoffice. Fast täglich nutzt sie das Angebot der Region Toskana, neue touristische Programme zu entwickeln. Anschließend diskutiert sie online im Kollegenkreis das Gelernte. Das Homeoffice selbst empfindet sie als „stressig“: „Jetzt gibt es keine Anfangs- und Endzeit. Wir sind zu Hause und alle rufen an oder senden E-Mails und Whatsapps. Nach fast 30 Jahren muss ich eine neue Organisation des Arbeitstages lernen – und das ohne direkten Kontakt.“

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Anfang April hatte Fulvia Braccagni noch gehofft, dass sie nach Ostern wieder im Büro arbeiten kann, doch jetzt sind die Maßnahmen bis in den Mai hinein verlängert. Ihr selbst geht es gut, sie vertreibt sich ihre Zeit mit Kochen, Lesen und arbeitet an ihren Deutschkenntnissen. „Ich lerne viele neue Wörter, mein Lieblingshobby.“ Nur um ihre Eltern macht sie sich Sorgen. „Die sind 79 und 83 Jahre alt und seit Ende Februar nicht mehr draußen gewesen, nur auf dem Balkon.“

Von morgens bis nach Mitternacht dient die Domtreppe den Besuchern während der Saison als Sitzplatz. Besonders voll ist sie während der „Ferie delle messi“, wie hier 2019.
Von morgens bis nach Mitternacht dient die Domtreppe den Besuchern während der Saison als Sitzplatz. Besonders voll ist sie während der „Ferie delle messi“, wie hier 2019. | Bild: Uwe Petersen

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Die Zukunft San Gimignanos sieht sie schwierig. „Zwischen Mai und Juni könnten die Aktivitäten vielleicht wieder öffnen, aber die ersten Monate nach einer solchen Leere werden wirklich schlecht sein“, befürchtet sie. „Wer wird beim Neuanfang das Geld, den Mut und auch die Lust haben, Urlaub zu machen? Die Leute sind alle sehr verzweifelt, weil die Saison 2020, ihrer Meinung nach, völlig verloren ist und erst ab März 2021 wieder beginnt. Ich habe Angst, dass sie recht haben.“

Carolina Taddei: „Wir haben momentan sehr viel zu tun. Wir müssen alle Vorgaben der Regierung umsetzen und gleichzeitig die Stadt und ihre Bürger unterstützen.“
Carolina Taddei: „Wir haben momentan sehr viel zu tun. Wir müssen alle Vorgaben der Regierung umsetzen und gleichzeitig die Stadt und ihre Bürger unterstützen.“ | Bild: Uwe Petersen

Auch Carolina Taddei, die in der Stadtverwaltung für Tourismus und Kultur zuständig ist, arbeitet jetzt zu Hause. „Wir haben momentan sehr viel zu tun. Wir müssen alle Vorgaben der Regierung umsetzen und gleichzeitig die Stadt und ihre Bürger unterstützen, wo wir es können. Das ist eine echte Aufgabe für die Zukunft.“ Für den Tourismus arbeitet sie ein Konzept aus, in dem sich San Gimignano seinen potenziellen Besuchern von verschiedenen Seiten präsentiert. „Außerdem analysieren wir gerade unsere touristischen Angebote und wollen sie bis zu einem Neustart optimieren. Wir glauben, dass wir in Zukunft noch mehr auf Qualität setzen.“

Doppelte Symbolik: So ein Päckchen mit Mundschutz-Masken hat vor einer Woche jeder in Italien erhalten – hier liegt sie auf dem Homeoffice-Platz von Fulvia aus dem Pro Loco.
Doppelte Symbolik: So ein Päckchen mit Mundschutz-Masken hat vor einer Woche jeder in Italien erhalten – hier liegt sie auf dem Homeoffice-Platz von Fulvia aus dem Pro Loco. | Bild: Fulvia Braccagni

Schwierige Lage auch bei den Winzern

Etwas anders sieht es bei den Winzern aus, da sie arbeiten dürfen, wenn auch mit Masken und Abstand. Die frühere Präsidentin des „Consorzio del vino Vernaccia“, Letizia Cesani, die mit Vater und Schwester ein großes Gut bewirtschaftet, ist dennoch besorgt. „Der große Einbruch erfolgt beim Weinverkauf. Wir können ja nur an Privatpersonen liefern, die direkt bei uns bestellen. Nur denjenigen geht es gut, die Supermärkte beliefern. Der ganze Umsatz aus der Gastronomie fehlt uns. Damit ist das Jahr 2020 verloren.“ Hoffnungen setzt sie auf das Consorzio. „Das muss den Regierungen klar machen, dass die Landwirtschaft ihre Produktion nicht stoppen kann, auch wenn sie nichts verkauft. Und es kann uns bei zukünftigen Aufgaben unterstützen.“

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Sorgen ganz anderer Art hat Elena Silvani. Sie steht am Anfang ihres Berufslebens, befand sich nach Abschluss eines Touristikstudiums gerade in München in einem Praktikum, als sie wegen Corona abbrechen musste. „Für mich wird es sehr schwer sein, einen Job zu finden, weil sich die Unternehmen ohne Gewinn nicht leisten können, neues Personal einzustellen“, sieht sie die Lage skeptisch. Zu Hause musste sie erst einmal in Quarantäne und auch ihren Geburtstag, der in diese Zeit fiel, alleine feiern. „Ich habe mit Freunden und der Familie Videoanrufe gemacht. So vertreiben wir uns auch jetzt manchmal die Zeit.“

Elena Silvani: „Für mich wird es sehr schwer sein, einen Job zu finden, weil sich die Unternehmen ohne Gewinn nicht leisten können, neues Personal einzustellen.“
Elena Silvani: „Für mich wird es sehr schwer sein, einen Job zu finden, weil sich die Unternehmen ohne Gewinn nicht leisten können, neues Personal einzustellen.“ | Bild: Uwe Petersen

Mittelalterfest im Juni fällt aus

„Ein harter Schlag“ sei es für die „Cavalieri“, sagt ihr Präsident Thomas Trosini, „dass wir unser Mittelalterfest im Juni nicht ausrichten können“. Denn darauf arbeitet San Gimignanos wichtigster Verein das gesamte Jahr hin. „Die Situation ist surreal.“ Er ist aber optimistisch für die Zukunft. „Ich weiß, dass wir ein gutes Team sind und stark genug, nächstes Jahr wieder anzufangen.“ Als Arbeiter der Gemeinde darf er „mit allen Vorsichtsmaßnahmen arbeiten. Wir erledigen Hilfsaktionen und Hilfen für die, die es nötig haben.“

„Die ganze Situation ist surreal. Ich weiß aber, dass wir ein gutes Team sind und stark genug, nächstes Jahr wieder anzufangen“, sagt Thomas Trosini.
„Die ganze Situation ist surreal. Ich weiß aber, dass wir ein gutes Team sind und stark genug, nächstes Jahr wieder anzufangen“, sagt Thomas Trosini. | Bild: Uwe Petersen

Seinem Vorgänger fällt dagegen die Decke auf den Kopf. Federico „Ghigo“ Francardelli ist Gärtner und gewohnt, draußen zu arbeiten. Jetzt muss er zu Hause sitzen, „obwohl bei uns kaum jemand erkrankt ist“. Wie die meisten hat aber auch er eher Angst um seine Eltern. „Die Jungen sind zwar verängstigt, aber haben sich angepasst. Meine Eltern aber sind 81 und 85 Jahre alt und seit Anfang März eingeschlossen.“

Eine Katze streunt durch die ansonsten einsamen Gassen San Gimignanos: ein ungewohntes Bild.
Eine Katze streunt durch die ansonsten einsamen Gassen San Gimignanos: ein ungewohntes Bild. | Bild: Fulvia Braccagni
Ein Blick von oben auf den Domplatz: gähnende Leere trotz schönen Wetters.
Ein Blick von oben auf den Domplatz: gähnende Leere trotz schönen Wetters. | Bild: Elena Silvani