Am Samstag startete „Meersburg elektrisiert“ in der Oberstadt völlig geräuschlos – dank eines eigens zu diesem Zweck entwickelten Lieferfahrzeugs, das einer der ersten vollelektrischen Lkws in Deutschland sei. Er hat eine Reichweite von rund 200 Kilometern und wird in der Stadt rund 30 Gastronomiebetriebe – das entspricht rund 40 Prozent der einschlägigen Unternehmen – mit Frischware beliefern.

Das Projekt, das die Stadt mit dem Gastro-Logistik Unternehmen Geyer Food Konzept aus Bad Waldsee und dank Förderung des Landes-Wirtschaftsministeriums durchführt, läuft zunächst bis Ende 2021. Bürgermeister Robert Scherer hofft aber auf eine Verlängerung zumindest bis Anfang der Saison 2022. Wegen Corona und wegen der schwierigen Beschaffung eines geeigneten Fahrzeugs war der ursprünglich bereits für Februar 2021 anvisierte Projektbeginn verschoben worden.

Kühlanlage mit separater Batterie

Denn obwohl bereits 125 Jahre vergangen sind, seit Gottlieb Daimler den ersten Lastkraftwagen der Welt vorgestellt hat, war es nun alles andere als einfach, einen modernen, umweltfreundlichen Nachfolger zu finden, der nicht nur mit Strom fährt, sondern auch vollelektrisch die Kühlung der leicht verderblichen Waren gewährleistet. Die Augsburger Firma Quantron rüstete schließlich einen Diesel-Lkw von Iveco in ein vollelektrisches Fahrzeug um. Die Kühlanlage wird von einer separaten Batterie gespeist.

Mitglieder der Knabenmusik schauen vor dem neuen vollelektrischen Liefer-Lastwagen den davonschwebenden Luftballons nach, die das künftig eingesparte CO2 symbolisieren.
Mitglieder der Knabenmusik schauen vor dem neuen vollelektrischen Liefer-Lastwagen den davonschwebenden Luftballons nach, die das künftig eingesparte CO2 symbolisieren. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Bürgermeister Robert Scherer zeigte sich erfreut, gerade im 125. Jubiläumsjahr des ersten motorbetriebenen Lastwagens einen kleinen Beitrag zur Entlastung der Umwelt leisten zu können. Ein konventioneller Lkw stoße auf den 140 Kilometern von Bad Waldsee, wo Projektpartner Geyer angesiedelt ist, nach Meersburg und zurück rund 111 Kilo Kohlendioxid aus. „Um dieses CO2-Gas wieder aus der Atmosphäre zu ziehen, bräuchte man rund 3241 Bäume“, führte er aus. Um diese Menge, 56 Kubikmeter an Kohlendioxid zu veranschaulichen, entließen die Projektpartner aus einem in etwa so großen Kubus auf dem Marktplatz schwarze Luftballons. Letztere seien mit unschädlichem Helium gefüllt und bestünden aus Naturkautschuk, das innerhalb weniger Tage abgebaut sei, betonte Diplom-Chemiker Wolfgang Scheunemann von der Kommunikationsagentur Dokeo, die für das Projektmanagement und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

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Andreas Geyer, Geschäftsführer von Geyer Food Konzept, der derzeit bereits rund 40 Prozent der Gastrobetriebe in der Stadt beliefert, sagte, es hätten bereits drei weitere Zulieferer Interesse signalisiert, sich eventuell dem E-Projekt anzuschließen. Die Warenaufnahme dafür erfolgt an einem zentralen Hub am Rande der Stadt, beim Wein- und Kulturzentrum des Winzervereins.

Geyer, dessen Firma den vollelektrischen Lkw auch nach dem Projekt übernehmen wird und so dessen Beschaffung ermöglichte, sagte, derzeit seien die Kaufpreise für Diesel-Lkw noch weit niedriger als die von E-Lkw. „Das liegt aber nur daran, dass die volkswirtschaftlichen Kosten von Diesel-Lkw im Preis nicht mitgerechnet werden“, betonte er. Jedes Jahr emittierten Lkw auf deutschen Straßen rund zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid und verursachten so volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von rund 1,8 Milliarden Euro. Durch eine Kaufprämie könnten elektrische Lkw aber erheblich preiswerter werden, unterstrich Geyer.

Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer (rechts) überreicht an Gastro-Zulieferer Andreas Geyer das Schild für den neuen vollelektrischen Lastwagen.
Meersburgs Bürgermeister Robert Scherer (rechts) überreicht an Gastro-Zulieferer Andreas Geyer das Schild für den neuen vollelektrischen Lastwagen. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Auf Fördermöglichkeiten verwies auch Christoph Wede, Vertriebsleiter von Quantron. Der reine Kaufpreis für einen vollelektrischen Lkw liege bei 150.000 Euro im Vergleich zu 80.000 bis 100.000 Euro für einen herkömmlichen Laster, so Wede auf Nachfrage. Seine Firma sei stolz, in Meersburg das Modell Q-Light BEV vorstellen zu dürfen. Vom Q-Light seiner Firma sei auch Ikea überzeugt: Für den Möbelriesen seien in Österreich bereits seit vielen Wochen 30 Fahrzeuge dieses Typs unterwegs.

Per Videobotschaft, die auf den gut besuchten Marktplatz übertragen wurde, ließ Patrick Rapp, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus, ausrichten: „Ich freue mich sehr, dass mit dem heutigen Meilenstein-Event der Startschuss“ für das Projekt „Meersburg elektrisiert“ falle. Dass es nun tatkräftig umgesetzt werde, „verdanken wir dem unermüdlichen Einsatz von Herrn Bürgermeister Scherer“, unterstrich der Staatssekretär.

Zehn Infostelen erklären Projekt

Das Projekt verfolge ein vorbildliches Ziel: den Lieferverkehr für die Gastronomie in Meersburg „schlanker und vor allem klimaneutral zu gestalten.“ Davon, so zeigte sich Rapp überzeugt, profitierten die Bürger und die Besucher der Stadt gleichermaßen. Zu Letzteren, die an diesem sonnigen Tag zudem vom parallel stattfindenden Herbstmarkt auf dem benachbarten Schlossplatz angezogen wurden, zählten als geladene Gäste etwa auch die beiden Landtagsabgeordnete Martin Hahn (Grüne) und Klaus Hoher (FDP) sowie Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Abgerundet wurde die Veranstaltung, zu der auch ein Kinderprogramm inklusive Umwelt-Quiz gehörte, durch die musikalische Begleitung einer Abordnung der Knabenmusik. Ferner wurden in der Stadt verteilt zehn temporäre Infostelen aufgestellt, die über das emissionsfreie Logistik-Projekt Auskunft geben.