Die Einladung zur Abschlussausstellung des Vorstudiums Gestaltung in Form eines ärztlichen Rezeptes hatte diagnostiziert: "Wir sind doch alle ein bisschen Irr" und verschrieb als Heilmittel eine Kunsttherapie mit Sekt und Snacks. Die Leiterin der Jugendkunstschule, Christa "Kicki" Bartsch, bestätigte in ihrer Abschiedsrede, dass es sich um eine harmonische, zuverlässige Gruppe gehandelt habe, die neue Wege gegangen sei: "Eine Ausstellung mit auf den Boden liegenden Bildern hatten wir noch nie." Sie bescheinigte den Abgängern, nach dem zurückliegenden Jahr voller Arbeit die "Akademiereife" und übergab den nach ihrem selbst gewählten Motto einheitlich schwarz-weiß gekleideten jungen Männern und Frauen das Kunstschul-Zertifikat.

Elf Monate erlernten die jungen Erwachsenen Kunstgeschichte, die Grundlagen der Farblehre, übten sich in verschiedenen Maltechniken oder besuchten Museen. Ziel des Vorstudiums ist es neben der Ermutigung zum selbstständigen Arbeiten, eine individuelle Bewerbungsmappe für weiterführende Hochschulen zu erstellen. Der stellvertretende Bürgermeister Peter Schmidt gratulierte und meinte, das Vorstudium sei "eine einmalige Chance, sich dem Thema Kunst in Ruhe zu nähern". Egal, wie der weitere Lebensweg aussehe, sei es für die Studenten "kein verlorenes Jahr der Kreativität".

Der Landrat des Bodenseekreises, Lothar Wölfle, freute sich besonders, dass unter den Absolventen auch zwei Preisträgerinnen des Jugendkunstpreises Baden-Württemberg waren. Marine Ehrle und Sophia Carloni haben neben sechs anderen Preisträgern des Landes eine Kunst- und Kulturreise nach Krakau gewonnen. Wölfle bilanzierte, dass man in den 23 Jahrgängen des Vorstudiums 587 Studenten verabschiedet habe und meinte: "Wenn ich sehe, welche Ergebnisse hier rauskommen, dann macht es richtig Spaß." Der Landkreis ist Träger der Schule und Wölfle sprach sich für eine Kunstförderung aus, da "von der Höhlenmalerei bis heute die gesellschaftlichen Entwicklungen durch die bildliche Darstellung in der Kunst festgehalten werden".

Kunst ist ihre Berufung

Marina Ehrle, Sipplingen
Marina Ehrle, Sipplingen | Bild: Lorna Komm

Marina Ehrle, Sipplingen: "Ich male, seitdem ich den Stift in der Hand halten kann." Im Gegensatz zu anderen konnte die 20-Jährige Kunst nicht als Hauptfach im Abitur wählen. "Wir waren zu wenig Leute an meiner Schule." Trotzdem wusste sie schon früh, dass Kunst ihre Berufung ist. Sie wurde an der Stuttgarter Akademie für bildende Kunst angenommen und wird Kunst auf Lehramt studieren. "Da kann ich nebenbei immer noch frei künstlerisch tätig sein", sagt sie. Während des Vorstudiums habe sie bemerkt, dass sie entgegen ihres ersten Berufsziels "doch nicht der Design-Typ" ist, sondern eher "der Kunst-Typ". Deshalb sei die Zeit an der Jugendkunstschule sehr wichtig zur Orientierung gewesen. "Ich will frei von Vorstellungen von Kunden oder anderen Menschen Kunst schaffen."

"Ganz neue Ideen und Gedanken"

Sophia Carloni, Daisendorf
Sophia Carloni, Daisendorf | Bild: Lorna Komm

Sophia Carloni, Daisendorf: Die 20-Jährige besuchte schon als Kind Kurse in der Jugendkunstschule und wählte für das Abitur Design als Profilfach. Im Vorstudium habe sie gelernt, frei zu arbeiten. "Vorher habe ich feste Regeln und Strukturen gebraucht", sagt sie. Die Zeit in der Jugendkunstschule habe sie bestärkt, später beruflich etwas mit Kunst zu tun. "Ich konnte viel ausprobieren, mir sind ganz neue Ideen und Gedanken kommen." Durch das freie Arbeiten habe sie sich weiterentwickelt und Kreativität gewonnen. Gerne würde sie Kommunikationsdesign studieren, doch die Plätze sind knapp, für dieses Jahr hat ihre Punktzahl nicht für die Aufnahme an einer Hochschule gereicht. Sie hofft, dass es nächstes Semester klappt, bis dahin wolle sie Praktika machen und vielleicht reisen.

Warten auf Antwort von PH Weingarten

Dana Geßler, FriedrichshafenBild: Lorna Komm
Dana Geßler, FriedrichshafenBild: Lorna Komm | Bild: Lorna Komm

Dana Geßler, Friedrichshafen: "Meine Oma hat noch viele Bilder aus meiner Kinderzeit", antwortet die 18-Jährige auf die Frage, ob sie schon früh mit dem Malen angefangen habe. Ihre Bewerbungsmappe hat sie an der Universität in Konstanz und an der PH in Weingarten abgegeben, auf eine Antwort wartet sie noch. "Es wäre schon cool, wenn ich in Weingarten angenommen werden würde", sagt sie und fügt an, dass sie gerne Kunst auf Lehramt studieren würde. Das Vorstudium habe sie in ihrem Berufswunsch bestärkt. Sich den ganzen Tag, die ganze Woche über Monate hinweg mit Kunst zu befassen, "das war für mich das Richtige". Aktzeichnen und Fotografie seien ihr neu gewesen, insbesondere Fotografie sei "spannend" gewesen, "weil man sich ein Motiv suchen muss, statt es selber zu gestalten".

Nächste Station: Fachhochschule Düsseldorf

Ines Minich, Bielefeld
Ines Minich, Bielefeld | Bild: Lorna Komm

Ines Minich, Bielefeld, ist mit 27 Jahren die älteste Studentin des Jahrgangs. "Ich war bei der Bewerbung gerade an der Altersgrenze von 26 Jahren", sagt sie. Zwar habe sie als Kind schon angefangen zu malen und später ein Designstudium in Erwägung gezogen, doch dann siegten die Zukunftsgedanken: "Ich mache erst einmal etwas Sicheres." So habe sie Steuerrecht studiert und in einer Finanzbehörde gearbeitet. So ganz glücklich war sie mit den Zahlen dann aber doch nicht und es zog sie zurück zur Kunst. Mit ihrer Bewerbungsmappe wurde sie nun an der Fachhochschule Düsseldorf angenommen. Illustratorin für Bücher oder Zeitungen ist Berufsziel. Der Unterricht an der Jugendkunstschule habe ihr sehr geholfen: "Es macht Freude, auch wenn man jeden Tag kreativ sein muss."