Sie sind aus Sicht des organisierten Handwerks der lebendige Beweis für die Richtigkeit und wirtschaftliche Bedeutung des Meistersystems in Deutschland. 22 Alt-Meister aus dem Bereich der Kreishandwerkerschaft Sigmaringen erhielten im Rahmen einer Feierstunde im Langenharter Brigel-Hof 50 Jahre nach der erfolgreichen Meisterprüfung ihre goldenen Meisterbriefe. Unter ihnen mit Friseurmeisterin Doris Gess aus Stetten-Frohnstetten auch eine Frau.

Kreishandwerksmeister Siegmund Bauknecht bezeichnete bei der Feierstunde im Brigelhof die Meister-Jubilare als „Vorbilder“.
Kreishandwerksmeister Siegmund Bauknecht bezeichnete bei der Feierstunde im Brigelhof die Meister-Jubilare als „Vorbilder“. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

In ihren Grußworten betonten Kreishandwerksmeister Siegmund Bauknecht und der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Reutlingen, Joachim Eisert, übereinstimmend die Lebensleistung der zu ehrenden Handwerksmeister. Gleichzeitig unterstrichen die Redner ihre Vorbildrolle für die junge Generation. Joachim Eisert erinnerte an den gesellschaftlichen Wandel im Verständnis des Handwerks. Während für die Altmeister ihre handwerkliche Tätigkeit zur inhaltsfüllenden Lebensaufgabe geworden sei, sei für manche jungen Leute die Ausbildung im Handwerksbereich „nur eine von mehreren Optionen“. Das zeige sich daran, dass im Bereich der Handwerkskammer 64 bereits fest abgeschlossene Lehrverträge kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres gekündigt worden seien.

Die jungen Leute hätten sich für einen anderen Beruf entschieden, sagte der Reutlinger zur Motivation. Dabei sei das Handwerk dringend auf die junge Generation angewiesen. Eisert: „Die Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften!“ Zu den negativen Entwicklungen rechnet der Hauptgeschäftsführer auch die steigende Zahl der Ausbildungsverträge, die 2019 noch in der Probezeit gekündigt worden seien. Der Sprecher nannte die Zahl von 119 und sprach „von einer Entwicklung, die Sorge bereiten“ würde. Insgesamt ging die Zahl der neuen Ausbildungsverträge im Kammerbezirk in diesem Jahr um elf Prozent zurück. Lediglich der Kreis Sigmaringen verzeichne einen Zuwachs von 7,4 Prozent.

Lehrlinge mit Migrationshintergrund stützen das Handwerk

Gerade in diesem Zusammenhang sind alle Bereiche der Branche auf die jungen Lehrlinge mit Migrationshintergrund angewiesen. Der Hauptgeschäftsführer: „Gegenwärtig werden in unseren Betrieben 329 Auszubildende mit Migrationshintergrund betreut.“ Alleine für das angelaufene Ausbildungsjahr seien 134 neue Lehrlinge mit Migrationshintergrund aus acht verschiedenen Ländern eingestellt worden.

„Der Mensch fängt nicht erst beim Abitur an“

Kreishandwerksmeister Bauknecht wies in auf die bevorstehenden Schwierigkeiten bei der Gewinnung von neuen Auszubildenden auch im Landkreis Sigmaringen hin. Bauknecht erinnert daran, dass wegen der demografischen Entwicklung in wenigen Jahren 25 Prozent weniger Schulabgänger zu verzeichnen seien als heute. Er befürchtet vor diesem Hintergrund einen „Wettkampf um Auszubildende“. Dazu kommt der aus Sicht des Handwerks bedauerliche Trend vieler Eltern, ihre Kinder ins Gymnasium zu schicken. Bauknecht: „Der Mensch fängt nicht erst beim Abitur an.“

Goldene Meisterbriefe

Die Kreishandwerkerschaft Sigmaringen zeichnete folgende Handwerker mit dem goldenen Meisterbrief aus, die vor 50 Jahren die Meisterprüfung bestanden haben:

Siegfried Bihl (Kraftfahrzeugmechaniker), Stockach; Karl Binder (Landmaschinenmechaniker), Sigmaringendorf; Martin Bosch (Metzger), Schwenningen; Reinhold Albert Bögle (Metzger), Hettingen; Doris Gess (Friseurin), Stetten a.k.M.; Erwin Goetz (Metzger), Sigmaringendorf; Josef Grömminger (Installateur), Meßkirch; Fritz Hansmann (Kfz-Mechaniker), Sigmaringendorf; Philipp Herdt (Friseur), Wald; Heribert Holderried (Maurer), Sigmaringen; Alwin Jenter (Schreiner), Pfullendorf; Eberhard Köder (Kfz-Mechaniker), Pfullendorf, Werner Kopp (Maler und Lackierer); Stetten a.k.M., Manfred Martin (Friseur); Pfullendorf, Fritz Metzger (Kfz-Mechaniker); Hettingen, Rudolf Michelberger (Maurer); Bad Saulgau; Josef Polak (Schreiner), Sigmaringen; Ernst Riester (Maurer), Kreenheinstetten; Johann Sessler (Kfz- und Landmaschinenmechaniker), Wald; Ernst Spöttl (Steinmetz), Pfullendorf; Franz Türk (Elektroinstallateur), Neufra und Rudolf Zengerle (Raumausstatter) aus Sigmaringen. (hps)

Schon immer die einzige Frau

Doris Gess aus Stetten-Frohnstetten war die einzige Frau unter den in Langenhart geehrten Alt-Meistern. Die Friseurmeisterin steht mit ihren 75 Jahren noch regelmäßig an drei Wochentagen hinter ihren Kunden, schneidet, formt und färbt Haare. „Es macht mir Spaß“, kommentiert die Seniorin und inzwischen zweifache Großmutter ihren unermüdlichen Arbeitseinsatz. Sie stammt aus Ebingen. Die Lehrzeit von 1958 bis 1961 absolvierte Gess beim damaligen Obermeister Sigg in Ebingen. 1969 qualifizierte sich die Friseurin für den Meistertitel. Die Frohnstettenerin erinnert sich: „In der Meisterschule in Sigmaringen war ich die einzige Frau.“ Das änderte sich erst im zweiten Teil der theoretischen Meisterausbildung in Reutlingen. Seit 1969 führt Doris Gess ihren Salon in dem heutigen Stettener Teilort. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat die Friseurmeisterin einiges an Veränderung mitgemacht. Sie nennt als Beispiel die früher so beliebten und heute kaum noch verlangten Dauerwellen. Die Meisterin erinnert sich an die Zeit, in der auch für Jungen und Männer lange Haare der letzte Modeschrei waren. Erfreut registriert die Seniorin, dass die Haarwelt inzwischen bunter geworden ist. Alles in allem habe sie ihre Berufsentscheidung aus den 50er-Jahren nie bereut. (hps)

Doris Gess
Doris Gess | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Holzwurm aus Leidenschaft

Schon als Schüler bastelte Alwin Jenter gerne mit Holz. Deswegen war für den 1943 geborenen Volksschüler aus Engstlatt die Berufswahl kein Problem – er wurde Schreiner. Seine Lehre in Balingen endete 1958 mit einem sehr guten Gesellenabschluss. Die nächsten Jahre verdiente Jenter noch als Angestellter in einer Schuhfabrik seinen Lebensunterhalt. Durch die Wehrdienstzeit kam Alwin Jenter nach Pfullendorf. In der Linzgau-Stadt fand er seine Frau. Die Hochzeit war 1966 und drei Jahre später absolvierte er 1969 erfolgreich die Meisterausbildung. Zunächst arbeitete der Schreinermeister bei Alno und erlebte den Aufstieg des Unternehmens von 90 auf schließlich 3400 Mitarbeiter. Den eigenen holzverarbeitenden Betrieb im Stadtteil Denkingen gründete Jenter 1983. Vor einem halben Jahr übergab er offiziell den heute 22 Mitarbeiter umfassenden Betrieb an seinen Sohn. Das, so betont der Alt-Meister schmunzelnd, bedeute aber keineswegs, dass er sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen habe. Wo nötig und möglich arbeitet der Senior in der Werkstatt mit. (hps)

Alwin Jenter
Alwin Jenter | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Ein Arbeitsleben mit Benzin im Blut

Eberhard Köder (78) aus Pfullendorf hatte während seines gesamten Berufslebens „Benzin im Blut“, zwar nicht als Rennfahrer oder Testfahrer, sondern als Kfz-Mechaniker und ab 1969 als Kfz-Mechaniker-Meister bei der Fahrzeugwartung. Sein erster Arbeitgeber war ab 1959 die Bundespost, die damals noch einen umfangreichen Fahrzeugpark unterhielt. Zunächst in Karlsruhe und später in Konstanz reparierte und wartete Köder alles, was einen Motor hatte und damals im Dienst der Staatspost stand, vom Zusteller-Auto bis zum Postbus. Ab 1964 war Köder bei Geberit für die technische Betreuung des Fahrzeugparks zuständig. Diesem Arbeitgeber war der Pfullendorfer auch nach seiner Meisterprüfung 1969 treu. Warum er nie selbstständig wurde, begründet der Rentner im Rückblick so: „Mich hat die Arbeit bei Geberit derart in Anspruch genommen, dass ich überhaupt nie daran dachte, selbstständig zu werden. Mein Job füllte mich völlig aus.“ Seit 1971 ist der Kfz-Mechaniker verheiratet, zwei Kinder gehörten bald zur Familie und forderten das Freizeitengagement des Vaters. (hps)

Eberhard Köder
Eberhard Köder | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Das Farbenreich als Berufswelt

Werner Kopp (73) aus Stetten a.k.M. absolvierte als 23 Jahre alter Geselle 1969 seine Meisterprüfung im Maler- und Lackierer-Handwerk. Der Berufsbazillus für den Umgang mit bunten Farben und reinem Weiß erhielt Werner Kopp bereits im Elternhaus. Sein Vater führte einen Malerbetrieb. Hier absolvierte der heutige Alt-Meister von 1960 bis 1963 seine Lehre. Den elterlichen Betrieb übernahm er Anfang der 80er-Jahre. Es war, so erinnert sich der Handwerksmeister, ein kleiner Betrieb, mit immer drei oder vier Mitarbeitern. Aus gesundheitlichen Gründen war Werner Kopp gezwungen, den Malerbetrieb und damit die Selbstständigkeit aufzugeben. Sein neuer Arbeitgeber war die Bundeswehr. Bis zum Erreichen der Altersgrenze mit 63 Jahren sorgte der Stettener im Auftrag der Standortverwaltung in seinem angestammten Beruf für ordentlich gestrichene Räume und Einrichtungsgegenstände. In dieser Zeit bildete er eine junge Frau aus, die zum Jahrgangssieger bei der Gesellenprüfung wurde. Kopp erinnert sich noch gerne an „seinen arbeitswilligen und sehr bestrebten Lehrling“. (hps)

Werner Kopp
Werner Kopp | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter