Für die Sanierung eines barocken Wohnhauses in der ehemaligen „Lakaiensiedlung“ werden am kommenden Dienstag die Eigentümer sowie die sechs beteiligten Handwerkerfirmen aus der Hand von Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege erhalten. Der Preis wird nur alle acht Jahre nach Baden-Württemberg vergeben.

Die Rückseite des sanierten Barockhauses. Derzeit arbeitet das dafür ausgezeichnete Handwerkerteam am Nachbargebäude, das ebenfalls von ihm instandgesetzt wird.
Die Rückseite des sanierten Barockhauses. Derzeit arbeitet das dafür ausgezeichnete Handwerkerteam am Nachbargebäude, das ebenfalls von ihm instandgesetzt wird. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Noch wissen die Ausgezeichneten nicht, ob sie den ersten, zweiten oder dritten Platz errungen haben, das wird sich erst am kommenden Dienstag in Stuttgart erweisen. Doch eines steht für sie jetzt schon fest: Gewonnen haben sie auf jeden Fall. Denn nach nur 15-monatiger Bauzeit haben sie eindrucksvoll bewiesen, dass man in einem Denkmal auch heute noch wohnen könne – und zwar mit modernem Komfort. Das betont Sebastian Schmäh von der Firma Holzbau Schmäh, der die Bauleitung innehatte: von der Planung über die Beantragung von Fördergeldern bis hin zur Vergabe und Koordination der einzelnen Gewerke. Das ganze Projekt war in Handwerkerhand, auch das ist außergewöhnlich. Die beteiligten Firmen haben schon oft zusammengearbeitet, ein eingespieltes Team. Aber kein historisches Gebäude gleicht dem anderen. Jedes Denkmal stellt sie vor neue Aufgaben, die Auflagen des Denkmalschutzes zu erfüllen und gleichzeitig die Wohnwünsche moderner Hausbesitzer zu erfüllen. 

Alles muss reversibel sein

So ist es etwa eine „besondere Herausforderung, Bäder modern, funktional und passend zum Gebäude zu machen“, berichtet Johann Philip von Philip Bad & Haustechnik. Wie gestaltet man ein Bad, ohne Fliesen zu verlegen? Indem man stattdessen im Duschraum einen Mineralwerkstoff aus gemahlenem Stein verwendet, erklärt Philip. Historische Wände sind ein besonders sensibles Thema. Malermeister und Restaurator Markus Waibel wirft ein: „Man darf nicht in sie schlitzen.“ Deshalb verlegte man auch sämtliche Leitungen in einen Sockelaufbau – und verwendete Funkschalter, erklärt Elektrikermeister Gregor Dreher. Sämtliche Wandoberflächen, betont Waibel, „haben wir reversibel bearbeitet, damit alles wieder ablösbar und nachvollziehbar ist.“ Letzteres ist im Denkmalschutz ganz wichtig. „Teilweise hatten wir zehn Lagen Tapete“, erzählt Waibel.

„Schichtarbeit“ für Stukateure

„Schichtarbeit“, aber andersherum, leisteten auch Stuckateurmeister Klaus-Peter Pfau und sein Team: So brachte es auf den Sockel des Gebäudes sechs Putzaufbauten auf. Bei der Sanierung legte man den Urputz teilweise frei. Dabei wurde auch eine alte Giebelseite inklusive Engadiner Sgraffito sichtbar, farblich abgesetzte, eingeritzte Quaderungen, die nun dem modern eingerichteten Wohnbereich einen ebenso originalen, wie originellen Hintergrund verleihen.

Ein Schlafzimmer im Obergeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes.
Ein Schlafzimmer im Obergeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten, ausgeführt von Holzbau Schmäh, machten einen Großteil der Maßnahme aus. So baute man beispielsweise, neben den vorhandenen Gaupen, die man sanierte und dämmte, drei zusätzliche Gaupen ein. Das Dach deckte man mit Biberschwanzziegeln, teils mit den erhaltenen, teils mit neuen. Auch die Holzbalken sanierte man und versah sie, ebenso wie die Wände, mit einem weißen Kalkanstrich. Die Räume wirken durch die helle Gestaltung in Weiß- und Grautönen luftig. Das Farbkonzept ist laut Waibel in Anlehnung an die bauhistorische Untersuchung entstanden. Gleichzeitig erinnern in den Wohnräumen historische Details wie der ehemalige Lastenaufzug an die frühere Geschichte des Gebäudes. Ferner wurden natürlich auch viele weitere Elemente wie Fenster, Treppen und Dielen überarbeitet oder neu gestaltet. Eine knifflige Aufgabe stellte die Sanierung des durchfeuchteten Kellers dar, die unter anderem mittels eines offenen Klinkerbodens gelang. Erhalten blieb ein alter Futtertrog, der daran erinnert, dass sich hier einmal ein Stall befand.

Änderungen in verschiedenen Epochen

„Jeder von uns hat was Neues integriert, aber zum Teil mit alten Materialien“, fasst Schmäh zusammen. Das Haus legt Zeugnis ab von unterschiedlichen Epochen. Sowohl in den 1870er, als auch in den 1930er Jahren gab es größere Umbaumaßnahmen, die Fenster stammen teils aus den 1960er Jahren. Im Denkmalschutz habe in den vergangenen Jahrzehnten ein Wandel stattgefunden, sagt Schmäh: „Man will nicht Disneyland machen und in die älteste Epoche zurück, sondern Schichten sichtbar machen und erhalten.“

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Die Arbeit geht dem Team übrigens nicht aus: Derzeit arbeitet es am direkt angrenzenden Nachbargebäude, das ebenfalls von ihm instandgesetzt wird.