Herr Jehle, wir stehen am Beginn der Sommerferien und am Ende eines ziemlich chaotischen Schulhalbjahres. Was waren die größten Herausforderungen sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler?

Unsere Kultusministerin Susanne Eisenmann ist ja angetreten und hat gesagt, die Qualität der Bildung spiele jetzt die entscheidende Rolle und nicht mehr die Strukturfragen. Und das erste, was dann bei dieser digitalen Lern- und Kommunikationsphase gemacht wurde, war im Prinzip, alle Standards abzuräumen. Sprich, es gab keinerlei Vorgaben, wie oft man Schülern Aufgaben geben soll oder wie die Kommunikation stattfinden soll. Oder ob man bei den Schülern Aufgaben einfordern und per Abgabetermin erzwingen soll. Benoten durfte man es auf jeden Fall nicht. Wir konnten also nicht mal die Schüler belohnen, die fleißig waren.

Was hat das für die Motivation bei den Schülern bedeutet?

Die war bei manchen Schülern schnell am Boden. Selbst wenn man sagt, man macht am Ende daraus keine Note, gibt es einfach immer einen Eindruck, auf welchem Stand sich die Schüler befinden. Man sollte da die Ansprüche nicht zu hoch setzen, aber ich kann durchaus bewerten, ob jemand zum Beispiel einen ordentlichen Heftaufschrieb hat. Dann sieht man, dass sich jemand mit einer Aufgabe beschäftigt hat; und dann wäre das schon mal im Bereich 2.

SÜDKURIER-Mitarbeiterin Helga Stützenberger im Gespräch mit Jochen Jehle, der als Lehrer am Gymnasium des BZM auf ein turbulentes Schulhalbjahr zurückblickt. Bild: Helmar Grupp
SÜDKURIER-Mitarbeiterin Helga Stützenberger im Gespräch mit Jochen Jehle, der als Lehrer am Gymnasium des BZM auf ein turbulentes Schulhalbjahr zurückblickt. | Bild: Grupp, Helmar

Es gab zwei Phasen des Lernens. Bis zu den Pfingstferien, und jetzt bis zu den Sommerferien. Wie entschieden sich diese Phasen im Lernen und Arbeiten voneinander?

Die Oberstufenschüler waren schon immer gut dabei, weil sie schon ab Mai fast normalen Unterricht inklusive Klassenarbeiten hatten. In den anderen Klassen hat man nach Pfingsten deutlich gemerkt, welche Schüler sich mit den digitalen Lernaufgaben beschäftigt hatten und welche nicht.

Die Motivation war sicher bei allen höher, aber wenn keine Klausuren geschrieben wurden, haben abseits der Hauptfächer einige Schüler die digitalen Aufgaben der Zwischenphasen nicht sehr zuverlässig bearbeitet. Als die Schulleitung dann noch gefordert hatte, Klassenarbeiten anzumelden, da hab ich als Lehrer gesagt, jetzt ist dann wirklich gut.

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Es

gab also seitens unserer Kultusministerin überhaupt keinen Plan, den die Schulen übernehmen konnten?

Weder Schüler, Eltern noch Lehrer wussten genau, was von ihnen nun erwartet wird oder was sie erwarten dürfen. Ich bin zwar digital ganz gut aufgestellt, aber viele waren da ziemlich allein gelassen. Engagierte Kollegen haben nach den Osterferien kurze schulinterne Fortbildungen zu unserer Lernplattform Moodle angeboten. Dazu muss ich sagen, das Erstellen digitaler Unterrichtsinhalte ist etwas völlig anderes und viel aufwändiger als einen normalen Unterricht vorzubereiten.

Man muss sich über die Aufgabenstellung und den Lernweg viel mehr Gedanken machen, weil man Schwierigkeiten nicht gleich durch ein Gespräch zwischen Schülern und Lehrern ausräumen kann. Das alles dann auch noch in einem attraktiven Format aufs elektronische Papier zu bringen, dauert lange. Für mehr als den Verweis auf Buchseiten und die anschließende Lösung hat es dann oft nicht gereicht.

SÜDKURIER-Mitarbeiterin Helga Stützenberger im Gespräch mit Jochen Jehle, der als Lehrer am Gymnasium des BZM auf ein turbulentes Schulhalbjahr zurückblickt.
SÜDKURIER-Mitarbeiterin Helga Stützenberger im Gespräch mit Jochen Jehle, der als Lehrer am Gymnasium des BZM auf ein turbulentes Schulhalbjahr zurückblickt. | Bild: Grupp, Helmar

Wo hatten Sie bei den Schülern das Gefühl, dass es am ehesten hakt? An der Hardware oder der geeigneten Software? Denn es ist ja nicht vorauszusetzen, dass jeder Schüler zuhause Zugriff auf einen PC hat.

Viele haben das Handy genutzt. Unsere Lernplattformen waren mit PC und Handy zugänglich. Es gab oftmals Aufgaben und Lösungen, die zum Runterladen waren; in Mathe hatten wir dann von einem Verlag ein kostenloses digitales Schulbuch bekommen. Einer Familie mit vielen Kindern hatte ich angeboten, einen Computer aus der Schule zur Verfügung zu stellen. Das war dann aber nicht notwendig.

Worin bestanden dann die größten Schwierigkeiten?

In manchen Haushalten gab es mit dem Homeoffice der Eltern Überschneidungen bei der Nutzung der Hardware. Videokonferenzen haben wir dann halt auf die Zeit gelegt, wo die Eltern den PC nicht brauchten. Der größte Brocken für die Schüler und Eltern war tatsächlich die Strukturierung des Tages.

Da kam manchmal die Rückmeldung von Eltern: Mehr als zwei, drei Stunden am Tag schaff ich‘s nicht, meine Kinder zu motivieren. Bei zwei oder drei Kindern kann das schwierig werden, vor allem wenn beide noch berufstätig sind. In solchen Fällen haben wir in Absprache mit den Eltern die Kinder in die Notbetreuung geholt. Und dann haben diese Schüler ihre Aufgaben in der Schule gelöst. Da war es sogar manchmal der Fall, dass die Aufgaben zu schnell alle waren und für den ganzen Vormittag in der Schule doch zu wenige waren.

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Also war die Motivation in der Schule plötzlich wieder da. Wie war das nach den Pfingstferien, als alle wieder in die Schule kamen? Musste man die Schüler sehr in Zaum halten?

Nein, nicht direkt. Es war eigentlich ein ganz ruhiger Start. Es waren einfach alle froh, wieder in die Schule zu kommen. Allein die sozialen Kontakte, die Freunde wieder treffen, die Kollegen wieder mal sehen, einfach die gesamte Kommunikation hatte gefehlt.

Wie geht‘s nach den Ferien weiter und welche Schlüsse wurden aus dieser Zeit gezogen?

Wir haben in allen Fächern dokumentiert, welchen Stoff wir in diesem Schuljahr geschafft haben und welche Lücken es noch gibt. Sodass man nach den Ferien das nochmals aufgreifen und wiederholen kann. Und es gibt zu Beginn des neuen Schuljahres Standards des Kultusministeriums und schulinterne Fortbildungen für Lehrer.

Wie ist Ihr persönliches Fazit nach diesem Schulhalbjahr? Und wie ist ihre Perspektive für den Herbst?

Es gibt so viele „Wenns“ und „Danns“. Das zeigt auch das jüngste Schreiben unserer Kultusministerin. Für den Fall, dass eine zweite Welle kommt, muss man die Klassen wieder halbieren und wochenweise im Wechsel unterrichten. Und geht damit wieder einen Schritt zurück. Wenn diese zweite Welle ausbleibt, kann‘s immer leichter werden.

Das Schwierige, aber auch das Gute ist, dass sich das Leben ständig wandelt. Es kann nach den Sommerferien sehr gut und bei fast normalem Schulbetrieb weitergehen. Es kann aber auch schnell wieder kippen. Darauf muss man sich einfach einstellen. Man muss daraus einfach das Beste machen.

Letzte Frage: Wie verbringen Sie Ihre Sommerferien?

Wenn alles gut geht, fahre ich an die Nord- oder Ostsee. Aber erst gegen Ende der Ferien. Am Strand spazieren, in die Sonne und auf‘s Meer kucken, im Strandkorb ein Buch lesen, einfach durchatmen. Das werde ich genießen.