Sie nannten sich "Die goldene 10". Zunächst zehn junge Musiker, die aus der bereits in den 1950er Jahren gegründeten Tanzkapelle der Markdorfer Stadtkapelle hervorgingen. Unter der Leitung von Bernd Lehmann, einem allen flotten Klängen aufgeschlossenen Berufsmusiker aus Berlin, eigneten sie sich den typischen Big-Band-Sound der 1960er Jahre an. Unter Zuhilfenahme von Schlagzeug, Posaunen und neuerdings auch Saxofon spielte "Die goldene 10" mit moderner Tanzmusik auf. "Wir sind in Markdorf aufgetreten", erinnert sich Horst Pollini, einer der Saxofonisten im munter-swingenden Stadtkapellen-Ableger, "aber auch auswärts – zum Beispiel in Pfullendorf oder in Langenargen."

Heute proben die Musiker der Stadtkapelle nicht mehr im ehemaligen Heim an der Waldhornstraße, der ausgebauten Scheune der Familie Mock-Pfau, sondern im neuen Domizil bei der Feuerwache. Hier Stadtkapellen-Ehrenmitglieder Franz Mock (links) und Horst Pollini.
Heute proben die Musiker der Stadtkapelle nicht mehr im ehemaligen Heim an der Waldhornstraße, der ausgebauten Scheune der Familie Mock-Pfau, sondern im neuen Domizil bei der Feuerwache. Hier Stadtkapellen-Ehrenmitglieder Franz Mock (links) und Horst Pollini. | Bild: Jörg Büsche

Treibende Kraft in der Stadtkapelle war in den 1960er Jahren Hans Ströhle, deren Vorsitzender. Er entwickelte das Orchester mit viel Geschick. Was die Weiterentwicklung des Orchesters damals begünstigt hat, erklärt Robert Städele, Tubist bei der Stadtkapelle: "Außer Musik und Fußball gab es damals ja nichts." Provisorische Heimstatt der Markdorfer Stadtkapelle war in jenen Jahren die Alte Kaplanei beim Hexenturm. Als Probelokale wurden auch zahlreiche andere Räumlichkeiten genutzt. "Wir waren auch im Schloss, manchmal haben wir in der Stadthalle geprobt, andere Male auch in der Jakob-Gretser-Schule", erinnert sich Horst Pollini.

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Es mangelte an der geeigneten Akustik. Es mangelte aber auch am Platz für Noten, Instrumente und Uniformen. So wuchs der Wunsch nach einem eigenen Musikerheim. Dank des Entgegenkommens der Familie Mock-Pfau, Franz Mock spielte ja selber mit in der Stadtkapelle, konnten sich die Musiker eine Scheune samt Grundstück an der Waldhornstraße für vier Jahrzehnte pachten. 1967 begannen die Arbeiten an der Scheune. "Wir haben das ja alles nach Feierabend gemacht", erklärt Horst Pollini. Eine Leistung, die ohne den Zusammenhalt der größtenteils befreundeten Stadtkapellenmusiker kaum denkbar gewesen wäre. Und nach rund 4000 Stunden freiwilliger Arbeit, unter Heranziehung etlicher Sach- und Geldspenden konnte im Juli 1968 das umgebaute beziehungsweite erweiterte Musikerheim der Stadtkapelle eingeweiht werden.

Traditionell begleitet die Stadtkapelle die kirchlichen Prozessionen in Markdorf.
Traditionell begleitet die Stadtkapelle die kirchlichen Prozessionen in Markdorf. | Bild: SÜDKURIER

Was war entstanden? Erwin Schütterle beschreibt das Interieur in seinem Beitrag für die 100-Jahre-Jubiläums-Festschrift sehr anschaulich: Er schildert den glasierten Klinkerboden, die fichtenholz-verschalten Wände. Und eine wahre Meisterleistung nennt er das von Hermann Meier aus Bermatingen entworfene Bild an der Westwand des 70 Quadratmeter großen Proberaums, das eine Markdorfer Stadtansicht zeigt. Schütterle erwähnt die "Ornament-Fliesenarbeit von Musikkamerad Helmut Kaum" im Gast- und Aufenthaltsraum ebenso wie die dort hängenden kupfernen Lampen, die alles in eine "heimelige Atmosphäre" tauchen. Der Vorplatz scheint ihm geeignet "zur Abhaltung von Sommernachtsfesten", aber auch Frühschoppenkonzerte.

Serenade "Feierabend auf dem Gehrenberg"

Die Bauleitung hatte in den Händen von Siegfried Fehrenbach gelegen, die Finanzverwaltung in denen von Franz Rid und die Gesamtorganisation hatte der Vorsitzende Hans Ströhle koordiniert. Wofür ihm Musikdirektor Helmut Jassoy, der Dirigent der Stadtkapelle, ein eigenes Werk widmete: den "Feierabend auf dem Gehrenberg", eine Serenade für Solotrompete und Blasorchester, die beim Einweihungsfest uraufgeführt wurde. Einem großen Ereignis in der Stadt. Zu dem sich außer dem Bürgermeister auch der Landrat, die beiden Pfarrer, Ehrendirigent und Ex-Bürgermeister Bürkle, etliche Stadträte und viele weitere Honoratioren der Stadt eingestellt hatten.

"Die goldene 10" sorgte in den 60er Jahren als swingender Ableger der Stadtkapelle mit ihrer Unterhaltungsmusik für viel Begeisterung im Publikum (rechts im Bild spielt Horst Pollini Saxofon).
"Die goldene 10" sorgte in den 60er Jahren als swingender Ableger der Stadtkapelle mit ihrer Unterhaltungsmusik für viel Begeisterung im Publikum (rechts im Bild spielt Horst Pollini Saxofon). | Bild: SÜDKURIER

Gute 20 Jahre lang spielte man im Musikerheim in der Waldhornstraße. Erst 1989 standen Renovierungsarbeiten an. Weitere 21 Jahre später bezieht die Stadtkapelle ihr neues Heim am Atlenberg, wo gleichzeitig auch die neue Feuerwache entstanden ist.

100. Jubiläum als großer Erfolg

Ein Jahr später, im Juni 1969, feierte die Kapelle ihr 100. Jubiläum. Schirmherr war Bürgermeister Gerhard Thiede. Nach einem Festbankett in der Stadthalle für geladene Gäste gab es im großen Festzelt auf dem Marktplatz ein Konzertprogramm für die Öffentlichkeit. Zum Auftakt des Festwochenendes ein Militärkonzert mit dem Musikkorps der 10. Panzergrenadierdivision Ulm, am Sonntag einen Festgottesdienst mit der Stadtkapelle Pfullendorf, es folgte ein Festumzug durch die Stadt mit 40 Gruppen, diversen Wagen, Kapellen und Fußgruppen. Auch finanziell war das Jubiläumswochenende ein großer Erfolg. Mit den erzielten Gewinn konnte die Stadtkapelle ihr für das Musikerheim aufgenommenes Darlehen abbezahlen, heißt es in der Festschrift von 1993.

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Helmut Jassoy leitete seit 1964 die Stadtkapelle und das Jugendorchester. "Leider hatte Jassoy, ein hervorragender Dirigent und Arrangeur, nicht die glückliche Hand seiner Vorgänger im Umgang mit Jugendlichen", heißt es in der Jubiläums-Festschrift aus den 1990er Jahren. Man wusste sich zu helfen. Statt des Musikdirektors nahmen sich die Stadtkapellen-Musiker des Nachwuchses an. Erst 1970 fand mit Martin Linke wieder ein Stadtkapellen-Leiter ans Pult, der wieder große musikpädagogische Qualitäten besaß. Bis dahin jedoch, erinnert sich Horst Pollini, "haben uns die aktiven Musiker das Spielen beigebracht".

Geschichte der Stadtkapelle Markdorf

Die Geschichte der Stadtkapelle reicht weiter zurück als nur bis zur ihrer eigentlichen Begründung, heißt es in der Festschrift von 1993. Die führt die Wurzeln des Ensembles in die frühe Neuzeit zurück, in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. Damals formierten sich die Bürger in Schützengesellschaften, um ihre Stadt nötigenfalls verteidigen zu können. Und wenn sie sonntags zum Schießstand zogen, so taten sie das mit dem Klang von Trommeln und Pfeifen. Erst im beginnenden 19. Jahrhundert erweitert sich das Instrumentarium der Stadtmusik, sie hieß bis dahin "Bürger-Companie" um Blechblasinstrumente. Seit etwa 1827 trägt die "Bürger-Companie mit Musik" besonders prunkvollen Uniformen. Sie bestand aus scharlachroten Hosen, einem Rock in Kornblumenblau sowie einem Tschako zur Kopfbedeckung.

1868 kam es zur Neugründung der Musikkapelle, die sich in den 1840ern aufgelöst hatte – und sich lange Jahre auf die Begleitung der Fronleichnamsprozession beschränkt hatte. Was ihr den Beinamen "Herrgotts-Soldaten" eintrug. Nach 1868 erhielt die Stadtkapelle einen festen Zuschuss von der Stadt. Die Folge-Jahrzehnte verlaufen höchst wechselhaft – Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg stellen je eigene Einschnitte dar. 2018 feierte die Markdorfer Stadtkapelle ihr 150. Jubiläum. (büj)