Eigentlich hätte es eine offizielle Abschiedsfeier geben sollen. So wie es eigentlich normal ist, wenn eine prägende Figur ein Haus verlässt. Doch normal ist in diesen Corona-Zeiten so gut wie nichts und daher fällt auch die Verabschiedung von Waltraud Zeller-Fleck vom Leitungsteam des Mehrgenerationenhauses (MGH) anders aus als geplant, beziehungsweise fällt sie persönlich derzeit ganz aus.

Abschied fällt mitten in die Corona-Krise

Zeller-Fleck, die in den Ruhestand geht, ist krisenerprobt – so wie beispielsweise 2015 bei der Flüchtlingskrise, doch die derzeitige Situation stellt alle Menschen vor große Herausforderungen, auch das MGH-Team. „Damals konnten wir näher zusammenrücken und uns für Gespräche zusammensetzen“, erinnert sich Zeller-Fleck. Dies sei nun komplett anders – neue Wege seien gefragt.

Und das in einem Haus, dass von Menschen, von Beziehungen und Begegnungen geprägt ist. Aber Zeller-Fleck gibt sich zuversichtlich: „Wir finden Lösungen. Das zeichnet uns aus.“ Der wichtigste Teil ihrer Arbeit war genau diese Begegnungen mit Menschen. „Das werde ich auch am meisten vermissen, hier sind Kontakte, Beziehungen und Freundschaften entstanden.“

Renate Hold (links) und Waltraud Zeller-Fleck haben das Mehrgenerationenhaus gemeinsam aufgebaut.
Renate Hold (links) und Waltraud Zeller-Fleck haben das Mehrgenerationenhaus gemeinsam aufgebaut. | Bild: Mehrgenerationenhaus

Eine Freundschaft ist die zu Renate Hold, ebenfalls vom MGH-Leitungsteam. Die beiden Frauen haben das Haus aufgebaut und in der Öffentlichkeit präsentiert. Das Haus selbst lebt von den vielen engagierten Ehrenamtlichen, Müttern, Senioren, Alleinerziehenden, Menschen mit Migrationshintergrund und dem Nachwuchs – angefangen bei der Krabbelgruppe.

2003 beginnt Waltraud Zeller-Fleck im Familientreff in Markdorf

Mit einem Mutter-Kind-Programm fing Waltraud Zeller-Fleck 1981 beim Kreisjugendamt an; sie unterstützte Alleinerziehende, es gab Hausbesuche und Gruppentreffen. Der Beginn der Familientreffs, die in den 90er Jahren entstanden. 2003 kam Waltraud Zeller-Fleck, inzwischen dreifache Mutter, nach Markdorf zum Familientreff, eine Einrichtung des Kreisjugendamtes, in der Zeppelinstraße.

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Ihr Schwerpunkt galt der Unterstützung der Alleinerziehenden und Familien. Die Idee der Mehrgenerationenhäuser wurde 2006 durch die Bundesregierung ins Leben gerufen, dahinter stand der Gedanke Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen. Markdorf bewarb sich und bekam den Zuschlag, im April 2007 wurde das Haus in der Spitalstraße eröffnet.

2017 feiert das MGH seinen 10. Geburtstag: Renate Hold und Waltraud Zeller-Fleck freuen sich über den von Bürgermeister Georg Riedmann überreichten Scheck aus dem Rathaus.
2017 feiert das MGH seinen 10. Geburtstag: Renate Hold und Waltraud Zeller-Fleck freuen sich über den von Bürgermeister Georg Riedmann überreichten Scheck aus dem Rathaus. | Bild: Jörg Büsche

„Seitdem hat sich die Arbeit wesentlich verändert“, sagt Zeller-Fleck, es galt sich zu vernetzen. Das Haus wurde zu einem festen Ankerpunkt des sozialen Miteinanders und des Austauschs der Generationen und ein Gewinn für die Stadt und die Region. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, so Zeller-Fleck. Wenn sie die Zeit beschreiben würde, fallen Aussagen wie „unwahrscheinlich dynamisch“, „bereichernd“ und „konnte viel für Familien“ bewegen. Es sei ein gutes Miteinander gewesen, was den Abschied schwer machen würde.

Haben 2016 ein Programm für Alleinerziehende entwickelt (von links): Renate Hold, Irmgard Teske, Heike Floeth und Waltraud Zeller-Fleck.
Haben 2016 ein Programm für Alleinerziehende entwickelt (von links): Renate Hold, Irmgard Teske, Heike Floeth und Waltraud Zeller-Fleck. | Bild: Jörg Büsche

Nachfolgerin Christin Jungblut war „Wunschkandidatin“

Worüber Waltraud Zeller-Fleck aber besonders glücklich ist, ist die Tatsache, dass mit Christin Jungblut, ihre Wunschkandidatin ihre Nachfolgerin wird. „Ich weiß, dass ich meine Arbeit in allerbeste Hände übergebe.“ Die beiden Frauen kennen und schätzen sich seit vielen Jahren, Jungblut kam einst als junge Mutter zum Familientreff und blieb lange Zeit ehrenamtlich engagiert.

Waltraud Zeller-Fleck vom Leitungsteam des Mehrgenerationenhauses im Gespräch mit einer Frau, die vor dem existentiellen Aus steht.
Waltraud Zeller-Fleck vom Leitungsteam des Mehrgenerationenhauses im Gespräch mit einer Frau, die vor dem existentiellen Aus steht. | Bild: Nosswitz, Stefanie

„Ich hatte damals viele Fragen und habe im Familientreff Antworten bekommen“, erinnert sich Jungblut an 2001 zurück. Waltraud Zeller-Fleck war es dann auch, die Christin Jungblut, inzwischen Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter, später dazu ermutigte, mit Mitte 30 das Studium der „Sozialen Arbeit“ in Weingarten zu beginnen. „Das war das Beste was ich machen konnte, ich hatte meinen Beruf gefunden“, so Jungblut, die mit ihrer Familie in Meersburg lebt.

44-Jährige aus Meersburg freut sich auf die neue Aufgabe

Auf ihre neue Aufgabe im Mehrgenerationenhaus freut sich die 44-Jährige, sie übernimmt den Part der Leitung des Familientreffs und wird unter anderem Beratung und Hilfe für Menschen in besonderen Lebenssituationen anbieten.

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„Es ist eine gute Stimmung im Haus, ein tolles Miteinander, eine vielfältige Spannbreite. Hier wird Integration gelebt“, sagt Jungblut und über Waltraud Zeller-Fleck fügt sie hinzu: „Sie ist eine offene und liebevolle Frau, die vieles anspricht und Dinge bewegen möchte beziehungsweise viele Dinge bewegt hat.“ Da Jungblut die Entwicklung des Mehrgenerationenhauses miterlebt und mitverfolgt hat, spürt sie bereits eine tiefe Verbundenheit. „Mein Herz schlägt für Haus und für die Menschen“, sagt die 44-Jährige.

Rückzug ins private Mehrfamilienhaus

Waltraud Zeller-Fleck zieht sich nun ins Privatleben zurück, möchte mehr Zeit mit ihren Enkelkinder verbringen, mit denen sie in einem „privaten Mehrfamilienhaus“ lebt. Eine geplante Reise muss verschoben werden. Ob sie dem MGH ehrenamtlich treu bleiben wird? „Erstmal tut ein bisschen Abstand gut und dann sehen wir weiter“, so Zeller-Fleck. Sie wird eine Lücke hinterlassen, ist sich Christin Jungblut sicher. Aber die wird die 44-Jährige auf ihre Art und Weise mit neuem Wind zu schließen wissen.

Eine von vielen gemeinsamen Aktionen ist die „Weihnachtsbaum-Aktion“ mit den Soroptimistinnen, bei der Weihnachtsgeschenke für Familien gesammelt werden, bei denen das Geld knapp ist, hier ein Bild aus dem vergangenen Jahr mit (von links) Waltraud Zeller-Fleck, Agnes Schröder, Margit Koch-Nedela und Martina Herder.
Eine von vielen gemeinsamen Aktionen ist die „Weihnachtsbaum-Aktion“ mit den Soroptimistinnen, bei der Weihnachtsgeschenke für Familien gesammelt werden, bei denen das Geld knapp ist, hier ein Bild aus dem vergangenen Jahr mit (von links) Waltraud Zeller-Fleck, Agnes Schröder, Margit Koch-Nedela und Martina Herder. | Bild: Jörg Büsche

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