In diesem Jahr hat es in Markdorf keinen Tafeltag gegeben. Traditionell laden die Tafeln in Deutschland am Samstag vor dem Erntedankfest zu einem Tag der offenen Tür ein, um den Menschen ihre Arbeit vorzustellen. Ebenso hat es in den vergangenen Jahren auch die Markdorfer Zukunftswerkstatt, Träger der Tafel, gehalten.

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Sie hat sich entweder am Tafeltag oder an einem der Samstage im Umfeld in ihrem Tafelladen im Stadtgraben präsentiert, über ihre Arbeit berichtet, über die wirtschaftliche Schieflage gesprochen, in der sich Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, Geflüchtete, aber auch Rentner mitunter befinden. „Die Zahl unserer Besucher an diesem Tag hat aber stetig abgenommen“, erklärt Günther Wieth, Leiter der Tafel und Vorsitzender der Zukunftswerkstatt, „weshalb wir uns was Neues überlegen wollen“. Für den nächsten Tafeltag im kommenden Jahr, an dem man wieder in den Tafelladen einladen möchte, soll es ein verändertes Konzept geben.

Jutta Siol und Wolf Martin, beide ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel, organisieren an der Tafelladen-Rezeption den Zugang zur Lebensmittelverteilung.
Jutta Siol und Wolf Martin, beide ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel, organisieren an der Tafelladen-Rezeption den Zugang zur Lebensmittelverteilung. | Bild: Jörg Büsche

Beinah scheint es, als gäbe es hier einen Zusammenhang zu anderen Zahlen. Denn jüngst hat das Bundesamt für Statistik mitgeteilt, dass die Zahl der von Armut bedrohten Menschen leicht zurückgegangen sei – im Vergleich zum Vorjahr. Und auch Günther Wieth beobachtet einen leichten Rückgang seiner Kunden in der Tafel. Wobei er einschränkt, dass es einen sehr stabilen Sockel von 75 bis 80 Berechtigten gebe. Bis zu 25 Prozent höher habe die Zahl in den Jahren 2015/2016 gelegen, als sehr viele Migranten auf das Angebot im Stadtgraben zurückgreifen mussten.

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„Ich mache mir Sorgen“, erklärt Wieth. Zumal die sozialen Probleme in unserer Gesellschaft keineswegs gelöst seien. Das Gegenteil sei der Fall. Wie dies nun auch der Dachverband der Tafeln in Deutschland anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Bewegung erklärt hat – gemeinsam mit Caritas, Diakonie, Paritätischem Gesamtverband und Arbeiterwohlfahrt. Sie plädieren für eine „sozial gerechtes Deutschland“. Ihren Appell richten sie an die Bundesregierung. Die habe die Aufgabe, den von Armut Betroffenen eine würdige Existenz zu ermöglichen. Die derzeit vorhandenen Instrumente des Sozialgesetzbuchs bezeichnen sie als „nicht ausreichend“. Und als Strategie zur Armutsbekämpfung schlagen Tafeln und Verbände eine Grundsicherung vor.

Besonders im Blick hat Günther Wieth dabei die Rentner

Mit dem Gedanken an ein bedingungsloses Einkommen hat sich unterdessen auch Günther Wieth angefreundet. Für ihn ist klar, „das wir die Bedürftigen – die in Zukunft ja eher mehr werden – aus ihrer Demütigungsecke herausholen müssen“. Besonders im Blick hat Wieth dabei die Rentner. Immer mehr Senioren reicht ihre Rente nicht aus, um Miete und Lebensmittel bezahlen zu können. „Hier ist die Schamgrenze sehr hoch.“ Nun denkt die Zukunftswerkstatt über eine Zusammenarbeit mit der Sozialstation nach. Das Modell: Die Sozialstation-Mitarbeiter unterrichten bedürftige Senioren übers Tafel-Angebot, sodass diese sich ans Verteilverfahren anbinden lassen können.

Weiterhin ehrenamtliche Helfer gesucht

Für den Tafelladen sucht Günther Wieth übrigens nach wie vor ehrenamtliche Mitarbeiter. Denn, so zitiert er sinngemäß einen Zeitungskommentar, „dass es uns Tafeln gibt, ist eine Katastrophe, würde es uns aber nicht geben, weil wir keine Helfer mehr finden, dann wäre das noch katastrophaler".

Ahmet Oguz
Ahmet Oguz | Bild: Jörg Büsche

Ahmet Oguz: "Ich habe mir den Tafelladen angeschaut und er hat mir vom ersten Moment an sehr gut gefallen, weil das Team eine ungemein nützliche Arbeit verrichtet. Wir arbeiten alle gut miteinander zusammen. Es ist eine nette Gemeinschaft. Mir gefällt, mit welcher Unbefangenheit die Kinder für die Lebensmittel anstehen. Und wie sehr sie sich dann über das freuen, was sie bekommen. Es ist gut, wenn sich die Nöte mancher Familien ein wenig lindern lassen. Wenn man im Großen schon nicht viel tun kann."

Petra Dreher
Petra Dreher | Bild: Jörg Büsche

Petra Dreher: "Hierher bin ich durch meine Tochter gekommen. Die hat ein Sozialpraktikum im Tafelladen gemacht und zu Hause berichtet, was für eine tolle Sache das ist. So bin ich regelmäßig hier, um mitzuhelfen. Ich mache das, was gerade anfällt – in der Ausgabe, beim Gemüsesortieren oder bei den Milchprodukten. Wir sind ein tolles Team, sodass das Mittun richtig Spaß macht. Für mich ist es ein schöner Ausgleich zu meiner Büroarbeit. Außerdem kann ich auf diesem Wege der Allgemeinheit etwas zurückgeben."

Jule Nadig
Jule Nadig | Bild: Jörg Büsche

Jule Nadig: "Ich bin durch ein Firmprojekt zur Markdorfer Tafel gekommen. Mir hat die Arbeit und vor allem die Atmosphäre hier von Anfang an gut gefallen. So gut, dass ich im Anschluss weitergemacht habe. Heute werde ich wahrscheinlich Brote verteilen. Grundsätzlich ist mir aber egal, was ich mache. In jedem Falle ist es ja was Sinnvolles. Überhaupt finde ich, dass viel zu viele Lebensmittel weggeworfen werden. Da ist die Tafel eine gute Einrichtung, die etwas gegen diese Verschwendung unternimmt."

Susanne Draenert
Susanne Draenert | Bild: Jörg Büsche

Susanne Draenert: "Ich bin seit Sommer dabei. Heute sortiere ich Milchprodukte. Wenn die Becher und Tüten angeliefert werden, ist alles wild durcheinander. Das gilt es erst einmal zu trennen – hier das Süße, dort der Joghurt und der Topfen mit Naturgeschmack. Mit mache ich, weil ich das Gefühl habe, dass die, denen es verhältnismäßig gut geht, sich ruhig für andere einsetzen können, denen es weniger gut geht. Das macht einen zufrieden. Außerdem hat man hier nette Begegnungen – auch mit den Tafelkunden."

Henri Kistner
Henri Kistner | Bild: Jörg Büsche

Henri Kistner: "Nach meinem Praktikum für die Schule bin ich hier hängengeblieben, weil mir die Arbeit im Tafelladen so gut gefallen hat. Mich beeindruckt, dass die Nahrungsmittel, die sonst fortkämen, hier noch an die Leute verteilt werden, also nicht auf den Müll kommen. Was ja sehr schade wäre. Nein, mit meinen Freunden in der Schule reden wir eigentlich nicht über die Tafel und deren soziales Anliegen. Aber einige wissen schon, dass ich regelmäßig hierherkomme und mithelfe."

Reinhard Hendrix
Reinhard Hendrix | Bild: Jörg Büsche

Reinhard Hendrix: "Ich komme öfters. Zum einen geht es darum, die Waren, die von unseren Fahrern abgeholt werden, vorzusortieren. Alles Verderbliche gehört in die Kühlschränke. Dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird, ist nämlich sehr, sehr wichtig. Bei der Verteilung der Lebensmittel am Donnerstagnachmittag bin ich aber auch dabei – jedenfalls alle 14 Tage. Ich finde, das ist eine ungeheuer sinnvolle Tätigkeit. Weil man was tut, gegen unsere Verschwendung. Die Arbeit mit den Leuten hier macht einen Riesenspaß."

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