Es sind Verletzungen, sehr starke seelische Erschütterungen, die noch lange nachwirken. Traumen nennt sie die Psychologie. Die Fotografin Helena Schätzle hat sich die Aufgabe gestellt, solche tiefen psychischen Verletzungen sichtbar zu machen. Sie tut das mit ihren Bildern – etwa wenn sie Holocaust-Überlebende fotografiert. Vor zwei Jahren wurden ihre im Auftrag der Organisation"AMCHA Deutschland entstandenen Fotografien von Opfern der NS-Verfolgung und deren Angehörigen im Auswärtigen Amt ausgestellt. Und auch das "Haus der Photographie" in den Hamburger Deichtorhallen zeigt die Bilder der in Markdorf aufgewachsenen Fotografin im Rahmen einer Ausstellung mit Bildern von jungen Preisträgern. Arbeiten, die im vergangenen Frühjahr bereits in Mexiko-Stadt präsentiert worden sind in Zusammenarbeit mit dem dortigen Goethe-Institut. Im Rahmen dieser "gute aussichten deluxe" genannten Gruppenausstellung zeigte Helena Schätzle Bilder aus Indien. Die Fotografien zeigen Frauen, die zu Opfern von Gewalt geworden sind.

"Für mich ist das kein neues Thema", erklärt die 34-Jährige, die in wenigen Tagen schon wieder auf den Subkontinent fliegt. Seit ihrem ersten Indienbesuch vor zwölf Jahren befasse sie sich mit der Gewalt gegen Frauen in der indischen Gesellschaft. Im Auftrag einer Hilfsorganisation mache sie Porträt-Aufnahmen. Es stehe aber nicht so sehr das Dokumentieren von Verletzungen im Vordergrund. Ihr Anliegen sei es vielmehr, "diesen traumatisierten Frauen ihre Würde zurückzugeben", erklärt die Fotografin. Leicht gemacht werde ihr das durch die große Bereitschaft indischer Frauen, fotografiert zu werden. "Sie begreifen das als Geste der Aufmerksamkeit und sind deshalb froh, wenn sie jemand ablichtet."

Dass Helena Schätzle inzwischen Hindi spricht, erleichtert das Anbahnen von Porträt-Aufnahmen sicherlich. Einfühlung und Geduld spielen gleichfalls stets eine Rolle. Nur so könne es gelingen, den richtigen Moment einzufangen. "Ich stelle mich da ja nicht mit dem Teleobjektiv hin, drücke ab, und verschwinde anschließend wieder." Stattdessen gehe sie auf Tuchfühlung mit den Porträtierten, kehre auch wieder zurück – nach Reportage-Aufträgen für Magazine wie "Geo" oder "Der Spiegel". Zum Teil hat sie dann ihre fertigen Frauen-Porträts dabei, die sie zum Beispiel in einem der von ihr besuchten Dörfer ausstellt.

Elias Feinzilberg ist hundert Jahre alt. Hier hat Helena Schätzle den Holocaust-Überlebenden zusammen mit seiner Enkelin Dane fotografiert. | Bild: Jörg Büsche

"Gegen Gewalt hilft letztlich nur Bildung", erklärt Helena Schätzle. Frauen, die eine Schule besucht haben, Frauen, die ihren Horizont erweitern, die zu mehr Eigenständigkeit finden, "lassen sich nicht mehr alles gefallen". Sie schaffen am ehesten den Ausstieg aus den auf Unwissenheit und verhärteter Macht bestehenden Verhältnissen. Ein Urteil über die indische Gesellschaft beziehungsweise über das Ausmaß der Gewalt an Frauen abzugeben, davor schreckt die Fotografin zurück. Viel zu heterogen sei die 1,3-Millarden-Bevölkerung. Welchen Stellenwert jene Sexual-Exzesse tatsächlich besitzen, die es jüngst in die westlichen Medien geschafft haben, das wagt Helena Schätzle nicht einzuschätzen. Ohne Zweifel aber herrsche Gewalt, ebenso wie Armut und Bildungsmangel – in einem Land, das Reichtum kennt und auch bestens ausgebildete Wissenschaftler besitzt. Umso wichtiger sei es, "sich in Hilfsorganisationen einzusetzen in diesem Land der Extreme".

Nicht nur die Frauen fotografiert Helena Schätzle bei einem anderen Projekt, bei dem sie Menschen aufnimmt, die zur Gruppe der Pardhis gehören. "Sie werden als Kriminelle abgestempelt und in der indischen Gesellschaft ausgegrenzt – sprichwörtlich als Parias behandelt", erklärt die Fotografin. Hier geht ihr Engagement noch weiter: "Dort haben wir eine kleine Schule gegründet", berichtet sie vom Projekt einer Hilfsorganisation.

Helena Schätzle meditiert viel. Auch das helfe, wenn die Begegnung mit den Opfern von Säureanschlägen allzu bedrückend war, wenn die berichteten Erlebnisse der gequälten Frauen aufs Gemüt schlagen. Hilfreich sei auch die Begegnung mit Freunden, mit der Familie. Und schließlich gebe es immer wieder solche Zusammentreffen wie mit einer Holocaust-Überlebenden, die nach allem Entsetzlichen, nach allem Schrecken "einfach keinen Platz mehr haben will für Schlechtes in ihrem Leben".

 

Zur Person

Helena Schätzle, 1983 in Zell a. H. geboren, wuchs in Markdorf auf. Sie studierte Fotojournalismus an der Fachhochschule Hannover und Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel. Als freie Fotografin arbeitet sie für etliche Medien, zum Beispiel für Spiegel-Online, Stern.de oder das Handelsblatt. Für ihre Bilder wurde sie mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Helena Schätzle hat zahlreiche Ausstellungen in ganz Deutschland gemacht, darunter auch auf der Kasseler Documenta, aber auch in den USA und in Indien. Im Markdorfer Kunstverein war Schätzle 2012 zu sehen mit "9645 Kilometer Erinnerung". Die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen, in der auch Bilder von Helena Schätzle zu sehen sind, dauert noch bis zum 21. Mai. (büj)