Im offiziellen Fachjargon heißen sie Fachkraft Kurier-, Express- und Postdienstleistungen. Umgangssprachlich nennt man sie Postbote. Und meistens wird daraus abgekürzt der Postler. In früheren Zeiten hatten sie sogar noch eine Uniform. So richtig mit Weste, Jacke und einer Mütze mit dem Posthorn drauf. „Die habe ich noch“, sagt Karl-Franz Stefan schmunzelnd.

So kannte man den freundlichen Postler im Linzgau.
So kannte man den freundlichen Postler im Linzgau. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Mehr als 40 Jahre war er im Dienst der Post. Jetzt ist er mit 63 Jahren in Rente gegangen. Besser gesagt: in Pension. Der „Karle“, wie man ihn liebevoll nennt, war nicht nur Postler, er war auch Postbeamter. „Aber nur einfacher Dienst“, sagt er. Doch irgendwelche Dienstgrade waren ihm sowieso egal. Ihm war wichtig, dass er mit den Leuten auskam. Und das war zweifellos so. „Schade, dass er jetzt nicht mehr kommt“, heißt es in vielen Häuser seit dem 1. Oktober. Denn seit diesem Tag ist „Karle“ außer Dienst.

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„Nur gut, dass wir einen Garten haben und immer was zu tun ist rund ums Haus“, sagt Ehefrau Annette, die noch in Pfullendorf arbeitet. Und „rund ums Haus“, das bedeutet ein Hektar Gelände mit Wildblumen und einem Kartoffelacker. Langeweile ist bei den Stefans ein Fremdwort.

Schade, dass coronabedingt aktuell praktisch alle Veranstaltungen ausfallen

Wobei es schon ein bissle doof sei, dass wegen Corona praktisch alle Veranstaltungen ausfallen müssen. „Wir waren sonst überall dabei“, sagt das Paar, das vor allem Musikveranstaltungen liebt. Der Karl war ja selbst mal in der Musikkapelle Wintersulgen aktiv. Doch das wurde wegen des Schichtdienstes bei der Post zunehmend schwierig. So richtige Hobbys hat er bis heute nicht. Wie wäre es mit Briefmarken sammeln? „Das hat er mal gemacht, aber dann war ihm das zu langweilig“, sagt seine Frau.

Gute Laune war bei Karl-Franz Stefan nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Kunden mochten ihn sehr.
Gute Laune war bei Karl-Franz Stefan nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Kunden mochten ihn sehr. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Der Pensionär stammt von einer Landwirtschaft. Das Elternhaus steht noch ein paar Steinwürfe vom heutigen Wohnhaus entfernt. Zur Schule gegangen ist er in Heiligenberg. Damals gab es dort noch eine Grund- und Hauptschule im heutigen Rathaus. „Und da, wo heute die Pizzeria drin ist, da war der Kindergarten“, erzählt Karl-Franz Stefan. Nach der achten Klasse war damals Schluss mit der Schule und er machte beim Autohaus Walk in Pfullendorf eine Lehre als Kfz-Mechaniker. Dann rief die Bundeswehr und er musste zur Grundausbildung in die Nähe von Regensburg. Seinen Wehrdienst hat er dann in Sigmaringen beim 1. Fernmeldebataillon 10 in der Werkstatt abgeleistet. Und beim Bund machte er auch den Lastwagenführerschein.

Post suchte damals Fahrer für die Überlandpost

Nach der Entlassung ging es zurück in die Autowerkstatt. „Damals suchte die Post einen Fahrer für die Überlandpost“, erzählt der Pensionär. Und das bedeutete, dass man einen Lastwagen voller Briefe und Pakete am Spätnachmittag nach Donaueschingen, später dann nach Villingen-Schwenningen, fahren musste. Alno und Geberit brachten den Großteil der Pakete. In Meßkirch kam dann noch ein Anhänger an den Laster.

Mit Sendungen für Pfullendorf und Heiligenberg ging es zurück

In aller Frühe am nächsten Tag ging es dann zurück mit Sendungen für Pfullendorf und Heiligenberg. „Wir haben dann immer den Autoschlüssel ausgetauscht“, erzählt Annette Stefan, die aus Langgassen stammt. Zwei Autos, wie heute oft üblich, das war damals nicht drin. Also war die Ehefrau mobil, wenn der Mann mit dem Postlastwagen unterwegs war.

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Auch in der Stadt und den Dörfern war Karl-Franz Stefan oft unterwegs. Die kleinen Weiler im Linzgau kennt er alle. 1988 wechselte er zum damaligen Postamt nach Heiligenberg als Zusteller. Pakete waren damals noch nicht so oft zu transportieren, aber Briefe, Einschreiben und Zeitungen, die mussten auch bis zur einsamsten Hütte gebracht werden. Doch das war längst nicht alles. Auch die Rente wurde damals noch in bar ausbezahlt. Und nicht jeder konnte diese auf dem Postamt abholen. Also brachte der Briefträger das Geld mit. Hatte er keine Angst vor einem Überfall? „Das ganze Leben ist Restrisiko“, lacht der Karl.

Beim Postler konnte man auch ein paar Sorgen loswerden

Er erzählt auch von den vielen Gesprächen, die immer stattgefunden haben. Besonders für alte Leute war der Postler eine gute Gelegenheit, auch mal ein paar Sorgen loszuwerden. „Da warst du fast schon Seelsorger“, sagt er mit nachdenklichem Blick. Doch sofort schmunzelt er wieder. Denn er erinnert sich an eine Begebenheit mit Pfarrer Andreas Maier aus Röhrenbach. Der wollte einen Hausbesuch machen. Doch Karl der Postler war zuerst da. Und als der Mann in Postuniform das Haus wieder verließ, war für den echten Seelsorger klar: „Wenn du rauskommst, dann muss ich nicht mehr rein.“ Der Mann mit den fröhlichen Augen half auch mal im Stall aus, wenn die Bäuerin jemand brauchte, der einer Kuh beim Kälbern half. „Komm Karle, helf mol zieha“, hieß es dann.

Auszeichnung der besonderen Art: Diesen Schlüsselanhänger hat der Karle mal geschenkt bekommen – und hält ihn immer noch in Ehren.
Auszeichnung der besonderen Art: Diesen Schlüsselanhänger hat der Karle mal geschenkt bekommen – und hält ihn immer noch in Ehren. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Wie viele Hosen haben ihm denn die Hunde zerrissen? Kaum zu glauben, aber es kam nie vor. Denn der Mann von der Post war ein Freund der Vierbeiner. „Wenn die mein Auto gehört haben, dann waren die ganz schnell an der Gartentür und wedelten mit dem Schwanz“, erinnert er sich. Kein Wunder: Er hatte die Tiere mit Frolic bestochen. „Das waren so kleine Ringe Hundefutter, die konnte man gut in der Jackentasche mittrage“, klärt er auf.

Dino brachte die Post zu seinem Frauchen

Und er erinnert sich an Dino. Dem musste der Karl die Post ins Maul geben und der Hund brachte sie dann seinem Frauchen. Nach Feierabend kam er einmal an einem Haus vorbei, an dem die Hecke in Brand geraten war. Er nahm dann einen alten Postsack und versuchte, das Feuer zu ersticken. Die Feuerwehr musste trotzdem noch kommen. Die Hausbesitzer saßen im Garten und hatten nichts bemerkt. Mit so einem alten Postsack habe er auch mal ein brennendes Auto gerettet.

„Die üblichen Schnäpsle für den Postboten habe ich abgestellt“

Was sagt er zu dem alten Spruch „wer nichts will und wer nichts kann, der geht zur Post oder Bundesbahn“? Darüber hat er sich nie aufgeregt. Dumme Sprüche gebe es über viele Dinge. Er habe seinen Job immer sehr gern gemacht. Und das vollkommen nüchtern. „Die üblichen Schnäpsle für den Postboten habe ich abgestellt“, sagt er. Als das Postamt in Heiligenberg aufgelöst wurde, da kam er nach Salem. Die Menschen und die Briefkästen blieben dieselben. Und sie werden ihm fehlen. „Das Zwischenmenschliche, das war schon toll“, sagt er.

Seine Weste mit den Posthörnern drauf ist noch immer sein Lieblingskleidungsstück.
Seine Weste mit den Posthörnern drauf ist noch immer sein Lieblingskleidungsstück. | Bild: Karlheinz-Fahlbusch

Wenigsten hat er noch „das ganze Häs“, wie er seine Postuniform nennt, denn weil er bei der Anschaffung vor vielen Jahren einen Eigenanteil bezahlte, durfte er sie behalten. Getragen hat er die guten Stücke allerdings schon länger nicht mehr. „Und die passt auch nicht mehr“, sagt Ehefrau Annette schmunzelnd. Das gilt aber nicht für die Weste mit den aufgedruckten kleinen Posthörnern. Die ist das Lieblingsstück von Karl-Franz Stefan und kommt nahezu noch täglich zu Ehren.

Dieses Bild war sogar in der Zeitung: Der echte Postler (rechts) mit dem gespielten Beamten beim Wintersulger Dorftheater.
Dieses Bild war sogar in der Zeitung: Der echte Postler (rechts) mit dem gespielten Beamten beim Wintersulger Dorftheater. | Bild: Karlheinz Fahlbusc

Für Furore sorgte er einmal beim Wintersulger Dorftheater. „Da spielte Sigi Blum einen Postbeamten und ich wusste, dass er durch den Großen Saal im Sennhof laufen musste, weil es die Rolle verlangte“, lachte der Karl. Für ihn war klar: „Ich nehme Postmütze und Schnaps mit.“ Als nun der unechte Postler durch den Saal ging, stand der echte Mann von der Post auf und bot einen Schnaps an: Der „Kollege“ sei total verwirrt gewesen und der Souffleur habe verzweifelt im Textbuch gesucht, wo denn diese Szene zu finden sei. Übrigens; Bei den Stefans setzt man noch immer auf die traditionelle Post. E-Mails werden nicht genutzt. Und das soll auch so bleiben.