Als Martin Senn vom Skiliftteam die Gründe darlegt, den Haldenlift in Wintersulgen diesen Winter nicht in Betrieb zu nehmen, hat es bereits ordentlich geschneit und der 250-Meter-Hang scheint auf die Rutschbegeisterten geradezu zu warten. Aber die Pandemielage hat die Freude an der weißen Pracht vor Ort für dieses Jahr endgültig dahinschmelzen lassen. Allenfalls der Kiosk bei der Talstation könne vielleicht für die Rodler geöffnet werden. Still ruhet aber ganz gewiss der Lift.

2G-Regel müsste kontrolliert und dokumentiert werden – ohne Internet

Der Lift ist für die Betreiberfamilie Senn, die gleich nebenan auf der Gemarkung Halden wohnt, eine Herzensangelegenheit, eine Passion, die ihnen Freude, aber auch Sorgen bereitet. Zwar habe man in den Vorjahren mit den Unwägbarkeiten des Schneemangels zu leben gelernt, aber ein zusätzliches Risiko durch Corona sei weder personell noch technisch beherrschbar. Denn eine 2G-Regel müsse kontrolliert und dokumentiert werden. Und da das Internet in diesem Talwinkel nicht funktioniert, könne auch die Luca-App nicht weiterhelfen.

Personeller, technischer und finanzieller Vorlauf vor jeder Saison groß

Um den Lift für die Wintersaison in Betrieb zu nehmen, sei jedes Mal ein erheblicher personeller, technischer und finanzieller Vorlauf nötig. Da müssen die Stahlseile gespannt werden, der TÜV hat die Anlage freizugeben, die beiden Elektromotoren sind zu warten, die Baulichkeiten zu renovieren, die Fangnetze aufzuspannen; und zuletzt müssen die Parkplätze planiert und die Piste präpariert werden. Auch die Versicherung, der Strom und das Festnetztelefon am Lift bedeuten laufende Kosten.

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Mindestens sechs Leute sind beschäftigt, wenn Lift und Kiosk brummen

In guten Jahren könne man ein paar Rücklagen für schlechtere Saisons bilden. Aber wirtschaftlich sei die Anlage höchstens dann zu betreiben, wenn man die vielen Arbeitsstunden des Liftteams nicht einberechnet. Mindestens sechs Familienmitglieder sind zeitgleich beschäftigt, wenn Lift und Kiosk brummen. Jahre mit Überschüssen sind das Ergebnis eines „Lotteriespiels“, wie Martin Senn es beschreibt. Da müsse alles zusammenkommen: ordentlich Schnee natürlich, am besten während der Weihnachtferien und an den Wochenenden, obendrein noch viel Sonnenschein.

An guten Wintertagen tummeln sich bis zu 300 Menschen am Hang

Dann verwandelt sich der Hang in ein Winterparadies und bis zu 300 Menschen genießen den Spaß der Schwerkraft in der rutschigen Schräge. Wer sich noch als Anfänger sieht oder mal eben für zwei oder drei Stunden auf die Bretter steigen will, weil es für den Trip in den Bregenzerwald zeitlich nicht reicht, ist hier bestens aufgehoben.

Gehören zur Betreiberfamilie des Haldenlifts: Martin Senn (51), Edi Senn (81), auf dem Bild in der Mitte der im Vorjahr verstorbene Bruno Senn.
Gehören zur Betreiberfamilie des Haldenlifts: Martin Senn (51), Edi Senn (81), auf dem Bild in der Mitte der im Vorjahr verstorbene Bruno Senn. | Bild: Hartmut Ferenschild

1999 übernahm Familie Senn den Lift, der auf ihrem Grund steht

Viel Idealismus ist also gefragt, und der speist sich beim Haldenliftteam auch aus der Familientradition. Die Anlage besteht seit 1970. Ende der 90er Jahre wollte der Gründer und Vorbesitzer sie aus ökonomischen Gründen schließen, denn damals machten in der Region noch der Betenbrunner und der Aachegg Lift Konkurrenz. Da sprangen im Jahr 1999 die Senns ein, auf deren Grund der Lift steht.

Letzte Liftanlage weit und breit ruht auf den Schultern der Familie

Seither haben sämtliche Kinder der Familie dort das Skifahren gelernt, inzwischen ist man in der dritten Generation angekommen. Ausschließlich auf den Familienschultern ruht diese letzte Liftanlage weit und breit, denn Fremdkräfte könne und wolle man sich nicht leisten. Zwei bis drei Arbeitstage wöchentlich stecken die Senns in den Betrieb, an einen Winterurlaub ist nicht zu denken.

„Die früher hier das Skifahren gelernt haben, kommen heut schon mit ihren Enkeln.“
Mutter Edi Senn, 81 Jahre, die bis vor kurzem den Kiosk leitete

Auch gegenüber den vielen Kindern in der Region, die – seit einem halben Jahrhundert schon – an dem gutmütigen Haldenhang die Brettlkunst erlernen, fühlt man sich verpflichtet. Martin Senns Mutter Edi sieht das so: „Wäre ewig schad, wenn es nicht weiterginge. Das ist ein heimeliges Plätzle hier, wie im Kindergarten, und ganz ohne Handy. Die früher hier das Skifahren gelernt haben, kommen heut schon mit ihren Enkeln.“

Oft würden die Kinder mal eben am Hang abgeliefert, während die Eltern anderswo ihren Besorgungen nachgingen. Die 81-Jährige leitete bis vor kurzem die gastronomische Abteilung am Lift. In ihrem Kiosk hält inzwischen schon die nächste und übernächste Generation allerhand Wärmendes und Stärkendes bereit: „Pommes, Würscht, heißen Kakao, Glühwein, Selbstgebackenes.“

Martin Senn von der Betreiberfamilie blickt vor dem geschlossenen Kassenhäuschen skeptisch auf den verwaisten Lifthang.
Martin Senn von der Betreiberfamilie blickt vor dem geschlossenen Kassenhäuschen skeptisch auf den verwaisten Lifthang. | Bild: Hartmut Ferenschild

Müssen die beiden Zugseile mal ersetzt werden, wären etliche tausend Euro fällig

Über allem beschaulichen Treiben schwebt aber die Vorahnung, dass es bald einmal vorbei sein könnte mit dem Haldenlift. Der Klimawandel dezimiert die Schneetage. Und die beiden Zugseile, beide je 500 Meter lang, werden irgendwann in die Jahre gekommen sein und ersetzt werden müssen. Etliche tausend Euro wären dann fällig. Ob diese Investition zu tragen sein wird, ist derzeit zweifelhaft. Am Ende des Gesprächs weicht bei Martin Senn aber die Skepsis einem trotzigen Optimismus: „So einfach lassen wir eine über 50 Jahre gewachsene Tradition nicht sterben. Nächstes Jahr werden wir es wieder angehen, sofern uns die Auflagen nicht erdrücken!“