Andrea Renn ist stolz auf ihre Tochter Julica. „Ein Gin geht um die Welt!“ sagt sie und erzählt, dass der Bodensee-Gin ihrer Tochter demnächst auch auf Barbados angeboten wird. Schon jetzt gibt es den Mile High 69 der 30-Jährigen nicht nur an Hot Spots in Deutschland, wie in der Sansibar auf Sylt oder im KaDeWe in Berlin, sondern beispielsweise auch in der Trendbar Buratino in Barcelona oder an Bord der exklusiven Flugzeuge und Yachten der amerikanischen Crystal Cruises.

Julica Renn destillierte 2017 ihren ersten Gin auf dem Burgunderhof in Hagnau, „gegen den Willen meines Vaters“, sagt sie. Er habe nicht an den Erfolg ihrer Idee glauben wollen: „Jeder Depp macht doch heute Gin“, sagte Heiner Renn. Vielleicht hat Julica Renn das angespornt, in jedem Fall gibt der Erfolg ihr heute recht: Rund 3000 Liter Gin hat sie nach eigenen Angaben bislang verkauft. Dabei sei sie niemals „Klinken putzen“ gegangen: „Ich habe noch nie jemanden gebeten, meinen Gin in sein Sortiment aufzunehmen. Die Kunden sind alle auf mich zugekommen.“

Gutes Netzwerk

Neben der Verbreitung über soziale Netzwerke halfen der 30-jährigen Wirtschaftswissenschaftlerin dabei die Erfahrungen und Verbindungen ihrer Eltern, die mit ihr zusammen den Burgunderhof in Hagnau führen. Ein exquisites kleines Bio-Hotel in den Weinbergen von Hagnau. Vater Heiner Renn hat sich einen internationalen Ruf als Destillateur von Obstbränden vom Bodensee erworben. Eine gute Vorlage für Tochter Julica Renn, der er heute beim Brennen des Gin hilft.

Video: Schnurr, Michael

Dennoch hat Julica Renn ihren ganz eigenen Verdienst am Erfolg des Mile High 69. Sie legte von Beginn an großen Wert auf eine besondere Qualität ihres Gin. „Ich habe lange daran gearbeitet, ihm eine besonders feine Note zu geben“, sagt sie. Der Gin enthalte nur 19 Botanicals, sie nutze die Frühblüher-Trauben vom Müller-Thurgau aber Wacholder sei in ihrem Gin klar vorherrschend, zählt Julica Renn einiges auf. Alles übrigens in biozertifizierter Qualität, wie sie betont. Der Einsatz lohnte sich: Der Mile High 69 konnte seit 2017 wegen der hohen Qualität des Produktes mehrere internationale Preise einsammeln.

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Doch es nicht nur die Qualität des Gin, sondern auch seine Vermarktung, die das Getränk so erfolgreich werden ließ. Das hat sehr viel mit der Fliegerei zu tun, für die Julica Renn 2014 ihr Herz entdeckt hatte. Damals begann sie in Friedrichshafen, animiert durch einen Freund, einen Helikopter-Schein zu machen. Dabei lernte sie die Erzählung vom Mile High Club kennen. Dem mehr als 100 Jahre alten Club gehören der Erzählung nach nur diejenigen an, die schon einmal Sex an Bord eines Flugzeugs hatten.

Die Fliegerei hat es Julica Renn angetan. Das gesamte Marketing für ihren Gin ist darauf abgestimmt.
Die Fliegerei hat es Julica Renn angetan. Das gesamte Marketing für ihren Gin ist darauf abgestimmt. | Bild: Familie Renn

„Als erstes Mitglied gilt der US-Pilot Lawrence Sperry, der im November 1916 zusammen mit einer gewissen Waldo Polk und unter Einsatz eines selbst konstruierten Autopiloten den Mile High Club begründete“, heißt es auf der Website von Julica Renn. Sex sells – Sex verkauft sich gut – das wissen Marketingexperten ebenso gut wie Journalisten. So beschloss Julica Renn, den Mile High Club für den Verkauf ihres Gin zu nutzen. Als begeisterte Pilotin richtete sie das gesamte Produkt einschließlich der Ginflaschen auf den Mile High Club aus und fügte dem Namen noch die Zahl „69“ an. „Die 69, weil es 69 Arbeitsschritte zur Herstellung des Gin benötigt“, sagt die 30-Jährige und gibt sich unwissend. Doch bei dem Vorhalt, die „69“ habe schließlich auch eine erotische Bedeutung und sei wohl nicht ganz zufällig grade dem Mile High Club angehängt, kann sie sich ein wissendes Lachen nicht verkneifen.

Eigenes Tonic-Water

Nicht nur die Verpackung des Gin soll Exklusivität vermitteln und die Kunden in die illustre Welt der Fliegerei mitnehmen. Weil ihr das richtige Tonic-Water für ihren Gin fehlte, entwickelte die Destillateurin ein passendes Wasser hinzu. Ohne Chinin, wie sie betont, denn in ein biozertifiziertes Produkt gehöre kein Chinin hinein. So musste sie den bitteren Geschmack des Chinin durch Verwendung unter anderem von Enzianwurzel nachstellen. Außerdem arbeitet sie gegenwärtig an einem sogenannten Destiller´s Cut, die Königsdsiziplin und eine Art Gin-Auslese.

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Wer mit Julica Renn über ihren Gin spricht, muss sich mit ihr auch über die Fliegerei unterhalten. Sie ist regelmäßig mit dem Helikopter rund um den Bodensee unterwegs. Nein, Angst verspüre sie keine, eher schon, wenn sie sich in eine Linienmaschine setze, sagt sie. 99 Prozent der Fliegerei im Helikopter fände zwischen den Kopfhörern – also im Kopf – statt. Man übe so oft Notfälle, sie fühle sich absolut sicher in dem Fluggerät. „Ich mag es schon actiongeladen“, sagt sie und begründet so, wieso sie zusätzlich zur Helikopter-Lizenz noch an einer Flugerlaubnis für ein Flächenflugzeug arbeitet.

Julica Renn hat sich völlig der Fliegerei verschrieben und sagt, dass der Gin genau das Gefühl bei ihren Kunden erzeugen solle, dass sie beim Fliegen verspürt: „Wenn ich im Flugzeug oder im Helikopter sitze, fühle ich mit schwerelos, ich genieße die unendliche Weite und kann völlig abschalten. Das ist für mich ein vollkommenes Gefühl von Freiheit.“