Acht Stunden dauerte am Freitag der vierte und letzte Verhandlungstag im zweiten Prozess gegen den sogenannten „Babybrei-Erpresser“ vor dem Ravensburger Landgericht.

Dann, am frühen Abend, verkündete der Vorsitzende Richter Franz Bernhard das Urteil der vierköpfigen Großen Strafkammer: wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung wird der 55-jährige Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten verurteilt. Wegen der langen Haftzeit gilt ein Monat als vollstreckt.

Der Angeklagte geht mit Fußfesseln zu seinem Sitzplatz auf der Anklagebank.
Der Angeklagte geht mit Fußfesseln zu seinem Sitzplatz auf der Anklagebank. | Bild: Felix Kästle

In einem Zeitungartikel wurde der Mann, der 2017 mit fünf vergifteten Babybrei- Gläschen, platziert in Geschäften in Friedrichshafen, über elf Millionen Euro von Handelskonzernen erpressen wollte, einmal als „der freundliche Erpresser“ tituliert.

Im Saal kommt es zu einer seltsamen Szene

Am letzten Prozesstag kommt es im Saal eins zu einer seltsamen Szene: in einer der zahlreichen Pausen sucht der Angeklagte im knallroten Pullover Blickkontakt zum einige Meter entfernt sitzenden Psychiater Hermann Assfalg.

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Als das gelingt, lächelt er ihm zu. Der, offenkundig etwas irritiert, lächelt schmallippig zurück. Noch kurz zuvor hatte der Angeklagte den Sachverständigen heftig attackiert, weil der ihn „falsch, unvollständig und einseitig“ begutachtet habe. Tatsächlich hatte Assfalg von einer narzisstischen und dissozialen Persönlichkeitsstörung gesprochen, zugleich aber die volle Schuldfähigkeit betont.

Ob die Persönlichkeitsstörung auch der Grund für die Vielzahl von Beweis- und Ablehnungsanträgen ist, mit denen der Prozess am Freitag offenkundig hinausgezögert werden sollte, bleibt unbeantwortet.

Richter: Tat „mit extrem hoher krimineller Energie“

Der zuvor erfolglos abgelehnte Richter Bernhard sagt hingegen in der Urteilsbegründung, Eigensucht, Habgier und Profitstreben seien die Triebfedern für die „mit extrem hoher krimineller Energie“ ausgeführte Tat gewesen. Und als Nachsatz:“ Der Angeklagte hat nichts auf die Reihe gebracht“. Der schüttelt empört den Kopf.

Der wegen vergifteter Babynahrung verurteilte Supermarkt-Erpresser vom Bodensee steht seit März erneut vor Gericht. Nun ist das Urteil gefallen. Bild: dpa
Der wegen vergifteter Babynahrung verurteilte Supermarkt-Erpresser vom Bodensee steht seit März erneut vor Gericht. Nun ist das Urteil gefallen. Bild: dpa | Bild: Felix Kästle

Als Versuch einer Erklärung meint der vom Gericht bestellte Pflichtverteidiger Gerd Pokrop (Friedrichshafen) über den Mann, der nicht von Pokrop verteidigt werden wollte, „was er tut, tut er nicht aus freien Stücken“, streift die finanzielle Notlage und überhaupt hätte der Plan mit der Millionen-Erpressung nicht funktionieren können.

Die Strafe müsse also „deutlich“ unter dem Antrag von Oberstaatsanwalt Peter Vobiller liegen. Der hatte angesichts der hohen kriminellen Energie und diverser Vorstrafen elf Jahre und acht Monate Freiheitsstrafe als angemessen bezeichnet, im ersten Prozess waren es 13 Jahre gewesen.

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Die Reaktion auf Vobillers Antrag folgt im Schlusswort: „Ich frage mich“, sagt der Angeklagte, „ob Sie mich und das Gericht überhaupt ernst nehmen“. Dann eine halbe Stunde Attacke und larmoyante Verteidigung.

Nach der ersten Anklage wegen versuchten Mordes sei er im Knast Bedrohungen, Demütigungen und Beleidigungen ausgesetzt gewesen. Dabei habe er nie daran gedacht, jemanden zu töten. Und als Abschluss die Bitte, man möge ihm Gelegenheit geben, ins Leben zurückzukehren.

Mann will Urteil beim BGH anfechten

Das Urteil will der Mann mit der Revision beim BGH in Karlsruhe anfechten. Den Schriftsatz müsse allerdings ein Rechtsanwalt machen, belehrt ihn Richter Bernhard. Pflichtverteidiger Gerd Pokrop winkt auf Anfrage genervt ab.

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