Was macht denn diese Pandemie gerade mit unseren Kindern?

Kinder und Jugendlichen sind alle von der Pandemie betroffen. Besonders schwierig für die Kinder ist, dass nun wieder ihre sozialen Kontakte so eingeschränkt wurden. Das macht auch schon bei den Kindergartenkindern ganz viel aus. Soziale Kontakte sind für die Entwicklung von Kindern ganz wichtig. Deswegen wäre es gut, wenn die Eltern schauen, dass die Kinder weiterhin Kontakte haben. Auch für die Älteren, Kinder ab dem 11. oder 12. Lebensjahr, sind Begegnungen mit Gleichaltrigen ganz wichtig für ihre psychosoziale Entwicklung. In der Praxis merke ich derzeit stark, dass gerade die beginnend Pubertären große Probleme haben, das alles zu kompensieren. Das merkt man insbesondere den Kindern an, die vorher schon Ängste hatten oder sozial nicht so gut integriert waren. Die Spätfolgen des ersten Lockdowns sehen wir jetzt deutlich, weil nun alles wieder von vorne losgeht. Wieder sind die Freizeitaktivitäten der Kinder stark eingeschränkt. Sie sitzen nun wieder sehr viel mehr zuhause, was in Familien natürlich auch die Konflikte aufkeimen lässt. Auch in meiner Praxis sehen wir den Anstieg von Problemen durch die Corona-Pandemie.

Kommen auch schon bei Kindern und Jugendlichen Depressionen wegen der Corona-Krise vor?

Wir haben eine deutliche Zunahme von Depressionen in diesem Jahr und vor allem deutlich früher als sonst. Wir sehen, dass auch bei den Kindern und Jugendlichen die Ängste größer werden. Ängste sind im weitesten Sinne auch depressive Erkrankungen oder Störungen. Normalerweise sehen wir ab November eine Zunahme der depressiven Störungsbilder, aber in diesem Jahr ging das schon im September los, also deutlich verfrüht. Daran sieht man, wie sehr die Kinder belastet sind, wie verletzlich sie sind.

Dagmar Hoehne betreibt in Friedrichshafen eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Dagmar Hoehne betreibt in Friedrichshafen eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. | Bild: Mommsen, Kerstin

Wie sehr treffen die Corona-Verordnungen das Leben der Pubertierenden? Welche Folgen hat die Corona-Krise für die?

Es fängt an damit, dass Pubertierende sich im Moment nicht richtig weiter entwickeln können. Wir beobachten gerade auch ein neues Phänomen. Die, die schon vorher angstvoll waren, deren Familien eine große Angst vor einer Covid-19-Infektion haben, die reagieren nun fast schon präpsychotisch. Diese Jugendlichen haben plötzlich seltsame Gedanken, sehen Dinge, die so gar nicht da sind. Die sind zwar definitiv nicht psychotisch, aber deren Ideen entstehen aus der Einsamkeit heraus. Denen fehlt schlicht und ergreifend der Kontakt zu anderen, damit ihre negativen Gedanken wieder ins Normale zurückgeholt werden.

Können Sie erklären, warum es gerade für Pubertierende so wichtig ist, raus zu gehen? Man könnte das doch auch alles ganz gelassen sehen?

Nein, denn gerade das Rausgehen und das Sich-Treffen mit Gleichaltrigen ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe in diesem Alter. In der Pubertät sollen sich die Kinder in die soziale Gesellschaft hinein entwickeln, sie lernen, eine eigene Meinung zu bilden. Außerdem lernen sie, dass sie selbstständig werden. Momentan passiert natürlich genau das Gegenteil. Die Kinder können sich nicht in ihren sozialen Gruppen bewegen, sie können nicht experimentieren, sie machen keinen Sport, können nicht ins Kino. Damit leidet auch der Selbstwert dieser Kinder, weil sie sich häufig über solche Dinge identifizieren, beim Fußballtraining zum Beispiel. Und all das fällt ja nun wieder weg und fehlt.

Welche Rolle spielt der Sport, der derzeit nicht stattfinden kann im verein?

Das hat natürlich ganz verschiedene Auswirkungen. Zum einen fehlt den Kindern schlicht und ergreifend die Bewegung. Zum anderen hat der Sport, besonders der Mannschaftssport, auch eine erzieherische Bedeutung. Dort sind die Kinder ehrgeizig, sie gehen mit anderen in den Wettbewerb, erleben aber auch ihre Mannschaft, die zu ihnen hält. Das alles sind Dinge, die in der Corona-Krise einfach hinten runter fallen. Deswegen halte ich es für maximal wichtig, dass die Schulen und Kindergärten offen bleiben.

Sport ist gerade für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders wichtig.
Sport ist gerade für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders wichtig. | Bild: FC Kluftern

Doch auch an den Schulen gibt es nun immer wieder neue Corona-Infektionen. Warum ist es so wichtig, dass sie trotzdem offen bleiben?

Wenn wir den Schülern die Schule wegnehmen, wäre das damit vergleichbar, wenn man den Erwachsenen ihre Arbeit wegnimmt. Mit einer Schulschließung würde den Kindern neben der Freizeit ein weiterer wichtiger Bereich ihres Lebens komplett weggenommen. Das können wir auch nicht längere Zeit durchhalten.

Die Schulen erneut zu schließen, wäre aus ärztlicher Sicht völlig falsch.
Die Schulen erneut zu schließen, wäre aus ärztlicher Sicht völlig falsch. | Bild: Corinna Raupach

Was halten Sie vom Homeschooling, das ja durchaus umstritten war?

Homeschooling ist meiner Meinung nach eher für die Oberstufen geeignet. Beim letzten Lockdown habe ich in meiner Praxis einige Kinder gesehen, die monatelang nichts gelernt haben. Und zwar nicht aus bösem Willen. Die Gründe sind vielfältig: Mal können die Eltern nicht unterstützen oder sie hatten keine Medien, manche Kinder hatten auch einfach keinen Bock oder haben das alles einfach nicht verstanden. Die Kinder saßen da mit einer Flut von Zetteln, die sie nicht ausdrucken konnten, weil sie keinen Drucker hatten. Die Schließung von Schulen ist für die Kleinen keine sinnvolle Lösung.

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Was raten Sie Eltern, wie man am Besten ans Thema Homeschooling herangeht?

Es gab beim letzten Lockdown Familien, die sehr gut mit dem Thema zurechtkamen. Ihr Geheimnis war, dass sie von Anfang den Zustand positiv angenommen haben und eine Tagesstruktur etabliert haben. Da gab es Unterrichtszeit und Pausenzeiten. Es ist wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass es sich dabei um den Ersatz für Schule handelt, nicht um Hausaufgaben. Außerordentlich wichtig ist aber auch, dass die Kinder ein Feedback von den Lehrern bekommen. Was ich bei meiner Arbeit gemerkt habe: An den Schulen, die die Ergebnisse der Kinder gesehen, bewertet und wieder zurückgegeben haben, da hat es deutlich besser funktioniert. Denn es gab auch Lehrer, von denen die Kinder nie etwas gehört haben. Diese Kinder haben dann natürlich auch schnell die Lust verloren.

Die Brüder Paul und Theo beim Homeschooling und Film gucken – eine Herausforderung für die ganze Familie.
Die Brüder Paul und Theo beim Homeschooling und Film gucken – eine Herausforderung für die ganze Familie. | Bild: Mommsen, Kerstin

Zocken ist ein riesiges Thema, auch ganz ohne Corona. Wird das gerade wichtiger?

Ja, natürlich. Das können Sie auch gar nicht verhindern. Auf der einen Seite sollen die Kinder Medien nutzen, um Schularbeiten zu machen, aber am Nachmittag, wenn ihnen langweilig ist, werden ihnen diese Medien verboten. Das ist schwierig. Ich glaube, da müssen Eltern und Kinder Kompromisse finden und die Eltern sollten ruhig ein bisschen großzügiger sein. Denn viel dieser Langeweile-Zeit würden die Kinder normalerweise ja draußen auf der Straße, mit ihren Freunden oder auf dem Spielplatz verbringen. Eltern sollten aber möglichst viel mit den Kindern rausgehen. Die Kinder müssen raus, sich bewegen. Das Daheim rumsitzen ist in keinster Weise gut.

Wie geht es den ganz Kleinen? Wie gehen Eltern am Besten mit ihnen um? Wie erklärt man ihnen Corona?

Da sollten die Eltern vor allem nicht zu viele Ängste schüren. Das ist für das Kind nicht hilfreich, denn es soll ja in die Welt hineinwachsen. Es soll sich nicht von einem Virus bedroht fühlen. Wenn wir ehrlich sind, erkrankt der Großteil der Kinder nicht schwer, auch wenn es einzelne Fälle gibt. Ich bin erstaunt, wie die Kleinen das mit dem Händewaschen längst intus haben, weil sie jetzt einfach damit aufwachsen. Um die Kleinen mache ich mir ehrlich gesagt weniger Sorgen.

Irmlind Erb und Anne Stockinger (von links) verbringen den sonnigen Tag mit ihren Kindern auf dem Spielplatz an der Häfler Uferpromenade. Lena, Lukas, Laura spielen im und um den Sandkasten.
Irmlind Erb und Anne Stockinger (von links) verbringen den sonnigen Tag mit ihren Kindern auf dem Spielplatz an der Häfler Uferpromenade. Lena, Lukas, Laura spielen im und um den Sandkasten. | Bild: Lippisch, Mona

Wie empfinden denn die Kinder selbst die Corona-Krise?

Es gibt Kinder, die kritisch sind, wenn auch die Eltern gegen die Vorgaben wettern. Aber allgemein kommt das eher selten vor. Hier in der Praxis hatten wir mit den Kindern noch nie Diskussionen rund um das Maske tragen, mit den Eltern dagegen schon. Die Kinder akzeptieren die Regeln, auch wenn sie darüber nicht glücklich sind. Die finden Corona doof und schrecklich und wünschen sich, dass das Virus weggeht.

Wie entwickelt sich die häusliche Gewalt?

Das ist ein großes Thema, weil viele Familien auf engem Raum aufeinander sitzen und sich die Probleme aufstauen und schwelende Konflikte nicht besser werden. Ich sehe aber bei uns in Friedrichshafen derzeit keine massive Zunahme. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Menschen hier rausgehen können. In den Großstädten dagegen sind die Zahlen deutlich angestiegen.

Was würden Sie sich mit dem Blick auf die Kinder von Politik und Gesellschaft wünschen?

Wir dürfen Schulen und Kindergärten nicht wieder dicht machen.Ich denke aber, dass das die Politiker mittlerweile gelernt haben. Insgesamt dürfen wir die Familien und Kinder nicht aus den Augen verlieren. Viele Familien fühlten sich von der Politik zu Beginn der Pandemie nicht ernst genommen und nicht gesehen, das ist anders geworden und daran müssen wir festhalten. Wir Erwachsene können diese Krise und die damit verbundenen Einschränkungen kompensieren. Aber wir müssen auf die Kinder schauen, denn deren verlorene Jahre können wir nicht nachholen. Jugendliche können die Zeit zwischen 13 und 15 nur einmal in ihrem Leben erleben. Ich würde Sport an der frischen Luft ermöglichen, das müsste auch im Winter möglich sein. Insgesamt glaube ich, dass wir kreativer werden müssen, um Lösungen für die Kinder zu finden. Wir können ihnen nicht alles wegnehmen, sondern müssen ihnen auch noch Dinge ermöglichen.

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