Montagabend in Friedrichshafen. Hier treffen sich noch immer die sogenannten Spaziergänger: Diejenigen, die unzufrieden sind mit der Corona-Politik der Regierung. Doch sie werden weniger: Waren Mitte Januar noch gut 1000 Menschen unterwegs, sind es nun gerade noch 200. Doch warum sind sie überhaupt noch da? Masken müssen kaum noch getragen werden, vergangene Woche ist im Bundestag die allgemeine Impfpflicht gescheitert. Ist dieser Montag also die letzte Demo der Impfkritiker? Um das herauszufinden, hat sich der SÜDKURIER unter die Leute gemischt.

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Teilnehmer hat Sekt mitgebracht

Die Stimmung unter den Teilnehmern ist gut. Edgar Braig aus Friedrichshafen hat sogar Sektflaschen in einem Kinderwagen mitgebracht. An diesem Montagabend will er die Korken knallen lassen – und verteilt großzügig Plastikbecher. „Heute sind wir hier, um zu feiern“, sagt er. Auf einem Schild, das er am Wagen angebracht hat, steht: „Abstimmung Wunderbar“. Ines Leobilla, ebenfalls aus Friedrichshafen, stößt mit ihm an. War das nun ihre letzte Demonstration?

Video: Benjamin Schmidt

Die klare Antwort von Edgar Braig: „Nein.“ Er ist gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht, die noch in Krankenhäusern oder auch Seniorenheimen gilt. Ines Leobilla nickt zustimmend und kritisiert, dass „von der Politik schon Drohszenarien mit Blick auf den Herbst kommen“. Auch sie will weiterhin auf die Straße gehen. Doch wenn alle Maßnahmen fallen würden, blieben sie dann zuhause?

Hier wird es recht unkonkret. Ines Leobilla sieht sich als systemkritisch, betont aber, nicht antidemokratisch zu sein. Edgar Braig sagt das bereits nicht mehr von sich. Schnell kommen die beiden wieder auf das Thema Impfen zu sprechen und betonen, weiterhin gegen die Coronapolitik kämpfen zu wollen. Weitere gemeinsame Positionen scheint es bei ihnen nicht zu geben. Deutlicher wird die Uneinigkeit der Impfkritiker noch, vergleicht man die Aussagen der beiden mit denen anderer Demonstrierender. Diese wollen nicht vor die Kamera – oder ihren Namen in der Zeitung lesen.

Über Impfskepsis hinaus kaum Einigkeit

Eine Frau gibt etwa zahlreiche Verschwörungstheorien von sich: Sie ist sich sicher, das Coronavirus wurde in einem Labor gezüchtet. Sie glaubt, dass die nun gelockerten Maßnahmen eine Art „Zucker“ für die Bevölkerung wären. „Die wollen nur das Vertrauen der Leute zurückgewinnen.“ Der große Plan der Politik sei: Die Abschaffung des Bargelds, der Austausch der Bevölkerung: der sogenannte „Great Reset“. Sie will auch dagegen weiter auf die Straße gehen. Wenige Meter neben ihr läuft ein Mann, der fragt: „Wenn die Impflicht gefallen ist – warum sollte ich dann noch demonstrieren?“

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Auch das Thema Ukraine treibt die Demonstrierenden um, auch hier unterscheiden sich die Positionen. Zwar betonen viele, sich für „mehr Gerechtigkeit“ einsetzen zu wollen. Doch im Detail sind sie sich – anders als beim Thema Impfen – nicht einig. Eine Teilnehmerin findet etwa, die Politik setze sich zu viel für Geflüchtete ein und vergesse die Flutopfer im Ahrtal. Hierfür wolle sie demonstrieren – und außerdem gegen die Inflation. Eine andere kritisiert, dass nun ukrainische Geflüchtete Hartz IV bekommen – und behauptet, diese hätten mit Anträgen auf Grundsicherung weniger Aufwand als die hiesige Bevölkerung. Eine Dritte ist grundsätzlich gegen Krieg und Waffenlieferungen von Deutschland ins Ausland.

Das Themen Corona und Impfpflicht bleiben also die Bezugspunkte der Bewegung. Fast alle der Befragten haben angegeben, weiter demonstrieren zu wollen. Dennoch sind in den vergangenen Wochen die Teilnehmerzahlen in Friedrichshafen – wie auch andernorts – zurückgegangen. Ganz verschwinden dürften die sogenannten Spaziergänger aber nicht: Noch gibt es eine Impflicht in bestimmten Einrichtungen – und sollte es im Herbst erneut zu Einschränkungen kommen, dürfte sie wieder in größerer Zahl unterwegs sein.

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