An diesem Tag herrscht Aufregung in dem gläsernen Gebäude der ETL-Friedrichshafen Steuerberatungsgesellschaft in der Albrechtstraße. Im Foyer werden Sektgläser bereit gestellt, gleich kommen die Häppchen. Das mittelständische Unternehmen hat nach dem Umzug zum „Tag der offenen Tür“ geladen, hunderte Gäste kommen. Mittendrin: Cara Raff, 43 Jahre alt, Fachanwältin für Steuerrecht, Steuerberaterin und Geschäftsführerin des 75-köpfigen Unternehmens.

Während die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, bleibt die 43-Jährige entspannt. „Für mich war nie entscheidend, was genau auf meinem Türschild steht“, sagt sie und lächelt, „ich will einfach mein Wissen einbringen, das ist es, was mich treibt.“ Vielleicht ist es ihre unaufgeregte, ruhige Art zu sprechen, die diesen Satz so glaubhaft macht. Vielleicht aber auch die Bedachtheit, mit der die Steuerberaterin ihre Worte wählt.

Ältere Herren

Steuerberater sind männlich und eher alt. Diese Aussage stimmt, allerdings wandelt sich der Beruf in den vergangen Jahren – und der Nachwuchs ist weiblich. Besonders in den größeren Kanzleien arbeiten oft mehr Frauen.

Keine typische Karrieristin

Cara Raff ist keine typische Karrieristin, die sich ihren Platz mit ausgefahrenen Ellenbogen, Ehrgeiz und Kalkül ergattert hat. Sie ist eine, die Verantwortung gerne annimmt und Entscheidungen trifft, ohne lang rumzueiern. Dass sie gleichzeitig neben ihrer Führungsposition auch noch ein Familienleben und zwei Söhne (zehn und zwölf Jahre alt) managt, ist kein Manko für sie. Im Gegenteil. „Die Kinder brauchen mich und ich brauche sie“, lässt Raff wissen, „und ich verspüre den großen Wunsch, viel Zeit mit ihnen zu verbringen, zu wissen, was läuft und sie zu begleiten – auch nachmittags auf dem Fußballplatz.“

Raff, die in München Jura studiert hat und sich früh auf Steuerrecht spezialisiert hat, landete der Liebe wegen am Bodensee. Die Ellenbogen-Karriere hätte sie in einer Münchner Großkanzlei haben können, wenn sie nur gewollt hätte. Als sie Senior Consultant war, bat sie ihre damaligen Chefs darum, ihre Steuerberater-Prüfung schnellstmöglich machen zu dürfen. Diese finanziell und inhaltlich eher aufwendige Prüfung sei ihr von Anfang an versprochen worden. Als der Zeitpunkt kam, wurde sie vertröstet. Die junge Fachanwältin zog die Konsequenz – und kündigte. Binnen vier Monaten zog sie mit 27 Jahren die Prüfung durch und schloss mit einer Bestnote ab. „Ich merkte, das war genau meins“, sagt sie heute. 2003 kam sie zur ETL-Gruppe, damals noch Zoll und Partner.

Frauenanteil steigt

Aktuell ist ein Drittel aller Steuerberater, nämlich 35,2  Prozent, weiblich. Während im ehemaligen Westen noch eine Männerdominanz besteht, sind im Osten heute mehr als 55 Prozent der Berufsträger Frauen, Tendenz steigend.

Finanzierungskonzepte, Deals, Verträge – ein spannendes Feld

Neben dem klassischen Steuerberatergeschäft arbeitete sie verstärkt in der Gestaltungsberatung. „Das ist wahnsinnig spannend, weil ich einen Einblick in verschiedene Wirtschaftsbereiche bekomme und jeder Fall anders liegt“, erklärt Raff. Ihr Gebiet sind vor allem Nachfolgeberatungen und die Entwicklung von Umstrukturierungs-Konzepten. Sie handelt Deals aus, erstellt Finanzierungskonzepte, bringt Parteien zusammen. Und wird 2006 zum ersten Mal schwanger. „Zu dem Zeitpunkt war ich die einzige Anwältin im Unternehmen und allein verantwortlich für etliche Projekte“, erinnert sich die 43-jährige, die mit der Familie in Tettnang lebt.

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Der Arbeitgeber gibt ihr die nötige Flexibilität

Bereits kurz nach der Geburt kehrt sie zurück, die Schwiegermutter hält die Stellung zuhause. Das A und O: Die zeitliche und räumliche Flexibilität. „Ich habe oft von zuhause gearbeitet, mal mehr, mal weniger, manchmal auch nachts“, berichtet die Rechtsanwältin. Ihr Arbeitgeber unterstützte sie zu 100-Prozent – und gab ihr den Freiraum, den sie als frischgebackene Mutter brauchte.

Die Suche nach der Tagesmutter war schwierig

Nur zwei Jahre später kam der zweite Sohn. Die Oma konnte und sollte die tägliche Verpflichtung für zwei so kleine Kinder nicht übernehmen. „Ich suchte drei Monate nach einer Tagesmutter für beide Kinder bei uns zuhause. Als ich eine gefunden hatten, sprang sie mir drei Tage vorher ab“, sagt Raff, „das war damals extrem schwierig.“ Ihr Erstgeborener besuchte dann die Kita und für das Baby fand sich nach ein paar Monaten doch noch eine wunderbare Tagesmutter in der näheren Umgebung. „Im ersten Jahr mit den beiden Kindern haben wir uns so durchgewurschtelt, danach lief es besser“, erklärt Raff. Rund 80 Prozent, also 30 bis 25 Stunden, arbeitete sie pro Woche – und stockte irgendwann wieder auf Vollzeit auf.

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To-Do-Listen und Handykalender – so funktioniert der Alltag

Der Alltag der Familie Raff, er ist gut durchdacht und organisiert – mit To-Do-Listen, synchronisierten Handykalendern und einem Plan B im Hintergrund. Einen Nachmittag in der Woche ist der Vater, auch Anwalt, zuständig und die Geschäftsführerin hat lange Arbeitstage. Montags, mittwochs und freitags verlässt die 43-Jährige dafür nachmittags das Büro. „Meine Sekretärin weiß, dass sie ab 14.30 Uhr keine Termine ohne Absprache mehr einbuchen darf – und das wird von allen gut akzeptiert“, berichtet die Tettnangerin. Das sind die Tage, an denen sie Mama-Taxi spielt, die Jungs zum Fußball oder Tennis fährt oder einfach auch mal einen Mutter-Sohn-Tag macht. Eine Zerrissenheit spürt sie nicht. „Das war früher mal so, als die Kinder kleiner waren“, sagt sie, „heute weiß ich: ich kann mich in der Firma auch rausnehmen, wenn ich zuhause gebraucht werde. Mein Team hat jederzeit meine volle Unterstützung und umgekehrt funktioniert das – im Ernstfall – genauso.“

Mehr Angestellte

Die Quote der selbstständigen Steuerberater ist leicht rückläufig und liegt 2018 bei 69,7 Prozent. Im Gegensatz dazu steigt die Quote der angestellten Steuerberater mit 30,3 Prozent leicht an.

Und dann wurde sie Geschäftsführerin

Das Angebot, die Geschäftsführung zu übernehmen, kam 2015 für Raff im richtigen Moment: „Fünf Jahre früher wäre mir der Spagat noch zu groß gewesen.“ Sie hätte es auch nicht gemacht, wenn ihre Familie sie nicht komplett dabei unterstützt hätte. Die Herausforderung ist groß: Raff will das wachsende Unternehmen sicher durchs Zeitalter der Digitalisierung bugsieren: „Es wandelt sich extrem viel in der Branche. Während die Buchhaltung früher einen großen Teil des Jahresumsatzes ausgemacht hat, funktioniert das heute mehr und mehr automatisiert.“ Das internationales Geschäft werde immer wichtiger.Erst neulich hat Raff einem Kunden bei der Gründung einer Niederlassung in Indonesien geholfen.

Gesellschaften

Die Zahl der Steuerberatungsgesellschaften steigt. Derzeit gibt es laut Berufsstatistik rund 9897 Gesellschaften in Deutschland – und 84 627 Steuerberater. Auf 1000 Einwohner kommt also etwa ein Steuerberater.

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hshafen agieren seit 2015 sechs Geschäftsführer – drei Frauen und drei Männer. In der Gesamtleitung der Gruppe sind es seit 2019 zwei Geschäftsführer, die die Verantwortung für 75 Mitarbeiter und die Zukunft des Unternehmens tragen, beide Anfang 40, einer davon Cara Raff. „Uns ist es wichtig, dass beide Geschlechter gleich vertreten sind“, sagt sie, „denn Frauen führen einfach anders.“ So hätten die Mitarbeiter die Option, sich den Ansprechpartner in der Geschäftsleitung auszusuchen.

Die liebe Work-Life-Children-Balance

Die richtige Balance halten – das versucht Cara Raff auch privat. Gemeinsam mit der Familie hat sie sich in einer Hütte in Vorarlberg ein zweites Zuhause eingerichtet. Dort gibt es dann nur Familie, keine Arbeit. „Ich liebe diesen Job so sehr, dass ich ihn nie aufgegeben hätte“, sagt Raff, „aber ich brauche auch meine Zeit mit der Familie zum Runterkommen.“ Die ersten Gäste trudeln ein. Cara Raff muss jetzt los. Lippenstift nachziehen und eine Rede halten. Unaufgeregt, wie immer.

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